Bautrend Schiffscontainer "Das Gefühl, das kann schnell wieder weg sein"

Das Studentendorf mit dem schönen Namen "Frankie & Johnny" in Berlin-Treptow besteht aus 420 Schiffscontainern. Entworfen wurde es von Holzer Kobler Architekturen.

(Foto: Andreas Süß/HOWOGE)

Warum stürzen sich Architekten und Designer so auf Frachtcontainer? Sie sind nicht umweltschonend und rosten vor sich hin, aber: Sie treffen den Nerv der Zeit. Zu Besuch in einer Berliner Manufaktur.

Von Verena Mayer

Die Zimmer wirken wie Lofts. Lang gezogen, mit einer Front aus Glas, sodass drinnen alles voller Licht ist. Draußen dann Terrassen und Laubengänge aus Metall, die einen an die Feuerleitern von New Yorker Apartmenthäusern erinnern. Und doch ist das nicht Manhattan, sondern Berlin. Das kommunale Studentenwohnheim im Plänterwald wurde 2017 eröffnet, und seither werden die Betreiber mit Anfragen aus aller Welt überrannt. Das liegt nicht nur am Preis, 440 Euro für 25 Quadratmeter, alles inklusive. Sondern vor allem daran, dass man während des Studiums wohl kaum origineller unterkommen kann als hier.

Denn das Wohnheim ist zu einem Teil aus Containern gebaut, Schiffscontainern, um genau zu sein. Diesen riesigen Boxen, mit denen Waren auf Frachtern um die Welt geschickt werden. Meistens sind sie zwölf Meter lang und knapp zweieinhalb Meter breit. Gefertigt aus Stahl, der dem Gebäude rauen Industriecharme verleiht und sich an der Witterung zu einem warmen Braunton verfärbt hat. Eine Rostlaube gewissermaßen, nur in stylish.

Zwischen Architektur und Kunstinstallation

Wenige Dinge sind bei Architekten und Innenausstattern derzeit so angesagt wie Schiffscontainer. Begonnen haben vor einigen Jahren die Leute der Schweizer Taschenfirma Freitag, die an einer Autobahnbrücke in Zürich einen ganzen Turm aus metallenen Frachtboxen aufstellen ließen. 26 Meter hoch, an den Seiten verglast und nachts beleuchtet, ist der Freitag Tower ein Wahrzeichen der Stadt. Wer unten durch die Verkaufsräume schlendert oder die Treppen hoch zur Aussichtsplattform steigt, befindet sich in einem Gebäude, bei dem man nicht sagen kann, ob es schon Architektur ist oder noch eine Kunstinstallation. Ein Bauwerk, das zugleich massiv und flüchtig ist, denn so schnell ein Turm aus Containern errichtet ist, so einfach kann er auch wieder abgetragen werden.

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Und erst das Material: Seecontainer sind immer gleich und überall erhältlich, ein Rohstoff, der nie ausgehen wird, solange sich die Menschheit ihre Konsumgüter über den gesamten Erdball schippern lässt. Sie sind das Symbol und Produkt einer globalisierten Welt, in der man global denkt und handelt. Mit Betonung auf Produkt, denn inzwischen stehen die Behältnisse oft selbst im Mittelpunkt.

Sie werden zu Showrooms auf Messen recycelt oder zu Pop-up-Stores in Einkaufszentren. Man verwandelt sie in Bars oder Cafés, die man einen Sommer lang im Park oder bei einem Festival aufstellt. Im oberbayerischen Aresing hat ein Künstler im Gewerbegebiet einen Seecontainer zu einer Kapelle umgebaut, mit hohen Fenstern aus blauem Glas und einem Glockenturm aus Metall, eine ganz neue Art von Kirchenschiff. In Berlin entstand schon eine ganze Kunsthalle aus Schiffscontainern: ein dunkler Kubus, an dem man noch die Verriegelungen der Metalltüren erkennen konnte. Mit einer Veranstaltungshalle, Büros und einer Lounge darin, um zu arbeiten, zu feiern oder Kunst zu machen. Ein Ort, der selbst wie ein Container funktionierte, weil er immer mit etwas anderem gefüllt werden konnte.

Berlin liegt zwar nicht am Meer und hat auch keinen nennenswerten Hafen, die Möglichkeiten, die Seecontainer bieten, hat man hier aber erkannt. In einer alten Industriehalle im Osten der Stadt zum Beispiel. Dort betreibt Nils Clausen eine Manufaktur für Schiffscontainer. Clausen, 52, ist eigentlich Architekt, und die längste Zeit seines Lebens hat er damit verbracht, Oldtimer-Boote zu sammeln und zu renovieren. Wenn man zu ihm will, muss man erst an alten Yachten oder einem ausrangierten Polizeiboot aus den Niederlanden vorbei. Von Clausens Leidenschaft für Boote war es dann nicht mehr weit zu den Schiffscontainern. Seit 2010 ist er im Geschäft, da wollte die Berliner Modemesse Bread and Butter ein Empfangsgebäude für das Tempelhofer Feld. Clausen nahm Container und baute daraus eine Mischung aus Turm und Treppe.

Was finden die Leute eigentlich an dem Material?

Er führt durch seine Halle. Es ist laut und riecht nach Metall, überall wird gehämmert und geschweißt. Clausen öffnet seinen Prototyp, den gebrauchten Container mit den vielen kleinen Fenstern in Metallrahmen, ursprünglich ein Pavillon für Tommy Hilfiger. Er bleibt vor einem Container stehen, der aussieht wie die Veranda eines amerikanischen Vorstadthauses, hell gestrichen und vorne offen. Ein Container für Raucher, wie er sehr oft von großen Firmen bestellt werde, sagt Clausen, während er über das Metall streicht.

Schön kuschelig: Innenansicht des Studentendorfes.

(Foto: Andreas Süß/HOWOGE)

Was finden die Leute eigentlich an dem Material? Sehr umweltschonend ist es ja nicht, die Container werden in China produziert und mit Schiffen und Lastwagen nach Berlin verfrachtet, ein Großteil der Kosten geht für den Transport drauf. Dazu müssen die Container, selbst wenn sie gedämmt sind, entweder gekühlt oder geheizt werden. Clausen sagt, das Faszinierende sei die gewellte Außenhaut, "dazu das Bewegliche, das Gefühl, das kann schnell wieder weg sein".

So oder so: Der Trend zum Container hat längst auch das private Wohnen erreicht. Wenn es darum geht, die Wohnungsnot in den Metropolen zu lindern, ist stapelbare Architektur oft das Mittel der Wahl, ob sie nun aus Schiffscontainern besteht oder anderen Modulen aus Metall, Kunststoff oder Holzfaserplatten. Container werden aufgestellt, um Flüchtlinge schnell unterbringen zu können oder Unterkünfte für Obdachlose zu schaffen. An einer Durchgangsstraße im Südosten Londons hat Richard Rogers, einer der bekanntesten britischen Architekten, aus knallbunten Containern eine Siedlung geschaffen, sozialen Wohnungsbau zum Stapeln.

Tiny House statt Einfamilienhaus

Und immer öfter wollen Leute in Containern wohnen, die eigentlich genügend Geld haben, erzählt Nils Clausen. Er entwirft gerade ein Penthouse aus nebeneinander gelegten Schiffscontainern, mit drei verglasten Seiten. Clausen schnappt sich die Bauklötzchen, die er immer auf einem Tisch liegen hat, um den Leuten zu zeigen, was er meint. Wie man die Container aneinanderreiht, wo man am besten Wände herausnimmt oder noch eine Terrasse aufsetzt, seine Arbeit bezeichnet er als "Upcycling". Neues Leben für alte Container. Clausen hat inzwischen so viel zu tun, dass er sich eine neue Produktionshalle am Rand von Berlin bauen wird. Sie wird ganz aus Seecontainern bestehen, sogar das Dach.

Unlängst sei ein Mann auf ihn zugekommen, sagt Clausen, Mitte zwanzig, Start-up-Branche, und sagte: Ich hätte gerne je einen Wohncontainer in Kopenhagen, New York und Berlin. Rein rechtlich sei das gar nicht mal so kompliziert, für ein Gartenhaus etwa braucht man oft keine Baugenehmigung, und viele Kommunen seien wahrscheinlich offen für Dinge, die man auch wieder loswerden könne. Es gehe darum, wie man heute leben wolle, sagt Clausen. Die Schiffscontainer, die klein und kompakt, schnell auf- und wieder abgebaut sind, treffen den Nerv einer Generation, die überall unterwegs sein muss und sich auf nichts festlegen will. Die kein Einfamilienhaus bauen möchte, sondern am liebsten in jeder Stadt der Welt ein Tiny House hätte.

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