Ladies & Gentlemen:Das weiße Rauschen

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(Foto: Chanel, Dior Men)

Therapeutisch bis teutonisch: Weiße Strumpfhosen und Strümpfe sind nicht einfach zu veredeln. Trotzdem waren sie bei den aktuellen Schauen prominent vertreten, zum Beispiel bei Chanel und Dior.

Von Max Scharnigg und Julia Werner

Für sie: Das Allheilmittel

Nachdem wir den Trend zu roten Strumpfhosen an dieser Stelle ausgelassen hatten, weil sie alle so schnell ausverkauft waren, hier die Wiedergutmachung. Ganz frisch reingekommen ist der Nachfolger, in Weiß. Während der gerade laufenden Haute-Couture-Schauen in Paris hat Chanel aus dieser gedanklichen Unmöglichkeit einen realistischen Modetrick gemacht. Wieso also soll man etwas tragen, das eine Frau aussehen lässt wie eine Fünfjährige mit Ballett-Ambitionen? Die Antwort: weil weiße Strumpfhosen mit allem gehen. Mit Tüllröcken. Pastellfarben. Schwarz. Polka Dots, Federn, Tweed in Minilänge.

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(Foto: Chanel)

Natürlich ist dieser tolle Look schon wegen der optischen Nähe zum Kompressionsstrumpf nicht leicht zu meistern. Dieser Gefahr lässt sich nur mit viel Disziplin entgegenwirken. Heißt: Weiße Strumpfhosen dürfen auf keinen Fall auch nur entfernt an orthopädische Bequemlichkeiten wie Turnschuhe und lasche Sweatshirts erinnern. Lackballerinas, Pumps und gekämmte Haare hingegen strafen jeden Rekonvaleszenzverdacht Lügen. Warum aber ist die Mode jetzt so besessen von Strümpfen? Weil der Mini zurück ist. Dass die Konjunktur anzieht, wenn die Röcke kürzer werden, ist übrigens nur eine Legende, die auf einer Analyse der Strumpfindustrie in den 1920er-Jahren basiert: Waren Röcke lang, rutschten Strumpfhersteller in die Krise. Daraus wurde die Überzeugung, dass die Röcke länger werden, wenn Frauen kein Geld für luxuriöse Seidenstrümpfe haben. Das Gegenteil ist der Fall: Wir haben null Kohle für neue Klamotten. Aber eine neue Strumpfhose zur Erfrischung, die geht immer.

Für ihn: Sock lass nach!

Humor ist in der hohen Mode bekanntlich eine eher knappe Ressource. So ist dieser farbenfrohe Look von der Dior-Herrenschau sicherlich auch sehr ernst gemeint. Als Beobachter aus Deutschland musste man aber doch mal kurz in die Ellenbeuge kichern, weil dieses Outfit nun mal an teutonischen Schwachstellen kitzelt, namentlich was die weißen Strümpfe angeht und das schwarz-rot-goldene Mützchen. Beides erinnert an die Klischee-Ausstattung des sogenannten Ballermann-Touristen.

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(Foto: Dior Men)

Weißen Strümpfen in Sandalen ist in den vergangenen 25 Jahren sicherlich viel zu viel Aufmerksamkeit gewidmet worden. Erst wurden sie so lange verlacht, bis auch die Rentner in Gartenkolonien darüber Bescheid wussten - sie aber trotzdem ungerührt weiter trugen. Gerade als der Letzte gratismutig seinen Ekel ausgedrückt hatte, machten Hipster und Moderadikale den weißen Herrenstrumpf dann wieder salonfähig, nach dem oft erprobten "So bad it's good"-Prinzip, das wie ein Bumerang funktioniert. Je weiter man etwas von sich schleudert, desto heftiger kommt es zurück. Inzwischen ist die Sache unübersichtlich: Manche lehnen weiße Stümpfe am Männerbein immer noch kategorisch ab, manche lassen sie für Sneakers zu, für Sandalen aber keinesfalls, andere tragen sie exzessiv postironisch, eine große Gruppe geht später einfach noch zum Sport, und die Rentner in den Kleingärten und Familienväter im Urlaub tragen sie aus den gleichen Gründen wie immer: Ist jetzt eben nix anderes da. Hier bei Dior, begleitet von Leoparden-Schlappe und Fünftausend-Euro-Mantel, ist die weiße Socke aber vor allem eins: angenehm leise.

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