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Zweitligaprofi Patrick Fabian:Der Fußballer mit vier neuen Kreuzbändern

11 01 2017 Fussball GER 2 Bundesliga Saison 2016 2017 Testspiel VfL Bochum SpVgg Greuther F

Ein Hoch aufs Knie: Der Bochum Kreuzband-Dauerpatient Patrick Fabian (in Blau) am Mittwoch im Testspiel gegen Greuther Fürth.

(Foto: Team 2/Imago)

Der Bochumer Profi Patrick Fabian ist seit dieser Woche wieder im Einsatz. Trotz seiner vielen Verletzungen hat er keine Angst. Und kann reden wie ein Arzt.

Als Patrick Fabian am 16. April 2016 im Stadion des FC St. Pauli einen Kreuzbandriss erlitten hatte, dachte er: "Gottseidank!" Er hat das nicht sofort gedacht, nicht, als er noch da lag auf dem Rasen mit dem schrecklich schmerzenden Knie. Anfangs war er geschockt. Er hatte Tränen in den Augen, als sie ihn vom Platz getragen haben. Aber etwas später, als ihm bewusst war, was passiert ist, da dachte er: "Gottseidank - wenigstens ist es diesmal das linke Knie!"

Fabian weiß nicht genau, was passiert wäre, hätte er den Kreuzbandriss an jenem Tag im rechten Knie erlitten.

Die Ärzte setzten ihm nacheinander eine Semitendinosus-, eine Quadrizeps- und Patellasehne ein

Im rechten Knie war ihm das vordere Kreuzband zuvor nämlich bereits drei Mal gerissen - wobei das medizinisch so nicht ganz korrekt ist. Denn nachdem ihm im März 2011 das Kreuzband im rechten Knie gerissen war, haben ihm die Ärzte dort seine Semitendinosus-Sehne eingesetzt, und nachdem auch diese Ersatzsehne im Januar 2012 gerissen war, haben sie ihm dort seine Quadrizeps-Sehne eingesetzt, und seit auch diese zweite Ersatzsehne im Juli 2012 gerissen war, trägt Fabian im rechten Kniegelenk nun seine Patella-Sehne.

Der Innenverteidiger des VfL Bochum weiß nicht, welche Sehne man noch als Kreuzband hätte benutzen können oder ob sich das rechte Knie überhaupt noch einmal erholt hätte - aber im linken Knie, da war die Sache relativ einfach. Man setzte ihm diesmal gleich die Patella-Sehne als neues Kreuzband ein. Danach absolvierte Fabian halbwegs routiniert zum vierten Mal in seinem Sportleben die mehrmonatige Rehabilitation.

Am vorigen Wochenende hat Fabian im Testspiel des VfL Bochum gegen Köln erstmals wieder mitgespielt, und am Mittwoch beim zweiten Einsatz gegen Greuther Fürth sogar ein Tor geschossen. Dieses Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen, mit den Kollegen Fußball zu spielen und Adrenalin auszuschütten, "dieses Gefühl", sagt der eloquente Sportler, "das kann ich gar nicht in Worte fassen, das ist einfach nur ein sehr, sehr großer Glücksmoment."

Ein Kreuzbandriss ist so ziemlich das Schlimmste, was einem Fußballprofi passieren kann. Die Ruptur des Bandes, das Oberschenkelknochen und Schienbein durch das Kniegelenk hindurch verbindet, bedeutet sechs bis neun Monate Pause. Als Fabian an jenem April-Tag in Hamburg vom Platz getragen wurde, war ihm das längst bekannt. Er hatte schon vorher gewusst, dass sich der Moment, in dem das Kreuzband reißt, so anfühlt, als schösse einem jemand mit einer Schrotflinte ins Knie. Er wusste, wie bei der Operation eine andere Sehne transplantiert wird. Er wusste, dass er vier Wochen an Krücken gehen würde, drei Monate nur leichtes Krafttraining und drei Monate Lauftraining absolvieren dürfte - und dass er nach etwa drei weiteren Monaten Mannschaftstraining vielleicht wieder ein voll belastbarer Fußballspieler sein könnte.

Und ja, genauso kam es auch.

Wenn man mit Fabian über Kreuzbandrisse spricht, dann fehlt dem 29-jährigen Westfalen, der seit 16 Jahren in Bochum spielt, nur ein weißer Kittel - und er würde einen prächtigen Arzt abgeben. Er kann sehr anschaulich erklären, wie ein Kreuzband funktioniert, wie man es ersetzt und die neue Sehne an den Knochen festmacht mit Zuckerschrauben, die sich später auflösen. "Das ist reines Handwerk", sagt er lächelnd. Man spürt, dass ihn das fasziniert, und vor allem macht die Nüchternheit, mit der er über Kreuzbandrisse spricht, deutlich, dass ihn auch vier solcher Horrorblessuren nicht zermürbt haben. Das ist nämlich die größte Gefahr abseits der mechanischen Probleme im Knie. Ein Fußballprofi darf seinen Knien nie misstrauen und muss mental bereits sein, auf dem Platz weiterhin ohne Angst zu agieren. Fabian sagt: "Angst war nie ein Faktor für mich, das passt nicht zu meinem Spiel. Und dann hätte es auch keinen Sinn mehr."

Die Sinnfrage hat sich Fabian am häufigsten gestellt

Die Sinnfrage hat sich Fabian in den vergangenen sechs Jahren in der Tat am häufigsten gestellt. Nach dem ersten Kreuzbandriss wusste er noch nicht, wie ihm geschieht. Er hatte keine Erfahrung damit und fand es, als er den ersten Schock verdaut hatte, sogar ganz spannend, rund um die OP so viel Neues über seinen Körper zu erfahren. Nach dem zweiten Riss sagte ihm der Arzt, er möge sich bitte überlegen, was er außer Fußballspielen mit seinem Leben anfangen könnte. Aber am schlimmsten war es nach dem dritten Riss, denn der passierte im Juli 2012 im Trainingslager vor der neuen Saison - nur zwei Wochen, nachdem sich Fabian gerade vom zweiten Riss erholt zu haben glaubte.

Ein Jahr später sollte sein Vertrag bei Bochum auslaufen. Damals fiel Fabian in ein Loch - aber nur kurz. "Man muss das richtig abarbeiten", sagt er im Ton eines Therapeuten, "aber nicht wochenlang." Man dürfe nicht in Selbstmitleid zerfließen, das sei unnötiger Energieverbrauch: "Man darf in keinen negativen Flow geraten." Fabian akzeptierte sein Schicksal, schloss ein Fernstudium in Wirtschaftswissenschaften ab, las Bücher und schrieb Tag für Tag seine Leidensgeschichte auf. Das half ihm.

Und er hat gegoogelt. Welche anderen Sportler haben vier Kreuzbandrisse überstanden? Die Fußballer Jens Nowotny und Nia Künzer teilten dieses Los; Nowotny hat bis 33 weitergespielt, Künzer bis 28. Schwieriger war es für den schwedischen Bundesliga-Handballer Oscar Carlén, der die Karriere nach dem vierten Kreuzbandriss mit 25 Jahren beendete. Wirklich viele Sportler, die nach vier Kreuzband-Eingriffen noch aktiv waren, gab es nicht.

Fabian spürt die Glücksmomente auf dem Rasen nun intensiver

Fabian hätte gerne auf all diese Erfahrungen verzichtet: auf die Schmerzen, die Strapazen, die Traurigkeit, die Sinnfragen - nur auf eines nicht: auf die Glücksgefühle, wenn er wieder auf dem Rasen stand und ein Zweitligaspiel bestreiten durfte. Er erlebt jetzt alles bewusster, kann besser genießen, spürt Glücksmomente intensiver. "Was war ich früher verbissen, fast überehrgeizig", sagt er lächelnd. "Heute bin ich viel gelassener, nicht nur beim Fußball, sondern auch was das Leben angeht."

Aber wie geht es weiter? Was, wenn im Knie noch mal was reißt? Wenn es vorbei ist mit dem Fußball? Wenn der Traum doch noch platzt? "Ich habe gelernt, nicht mehr so weit vorauszuschauen", sagt Patrick Fabian. Es gibt Dinge, die kann man nicht beeinflussen und man muss das Beste daraus machen. Vier Kreuzbandrisse können einem helfen, sich mit diesem Bewusstsein zu arrangieren.

© SZ vom 13.01.2017/schma

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