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Radsport:Im Tunnel ungebremst gegen die Wand

Radsport 102 Tour de France 07 07 2015 4 ETAPPE Seraing Cambrai DOMINIK NERZ GER BORA; Dominik Nerz

Fuhr im vergangenen Jahr noch bei der Tour de France: Dominik Nerz.

(Foto: imago/Rene Schulz)

Dominik Nerz war eines der aufregendsten deutschen Radsport-Talente. Doch nach vielen Stürzen auf den Kopf darf er nur noch spazieren gehen - mit 27.

Manchmal, erzählt Dominik Nerz, fühlte er sich wie ein Mensch, der im zehnten Stock auf dem Sims des offenen Fensters steht. Es ist ein drastischer Vergleich, den der Radprofi wählt, um seine innere Zerrissenheit in den vergangenen Monaten zu beschreiben. Er weiß das. Aber das Bild schildere am besten die Situation, in die er geraten war. "Es ist sinnlos, jemandem in einer so ausweglosen Lage etwas ausreden zu wollen", sagt Nerz und merkt dann doch, dass die Analogie zu extrem ausgefallen ist. Er fügt leise hinzu: "Ich wollte mein Leben ja nie beenden."

Dominik Nerz ist seit ein paar Tagen kein Radprofi mehr, er musste aufhören. Mit 27 Jahren. Es war keine freie Entscheidung, gesundheitliche Probleme hatten sie ihm abgenommen. Der Kapitän der deutschen Equipe Bora-hansgrohe wollte zunächst weiterfahren, mit aller Macht. Er wollte unbedingt als erster Deutscher seit Andreas Klöden am Ende der Tour de France unter den besten Zehn landen. Klöden war 2009 Sechster geworden. Nerz hätte also den Rat der Mediziner ignorieren und weitermachen können, "niemand hätte mich davon abbringen können", sagt er im ruhigen Tonfall. Monatelang rang er mit sich, bis er sich dafür entschied, doch vom Fenster im zehnten Stock wieder ins Erdgeschoss herunter zu steigen. Er merkte, dass sein Körper die Leistung nicht mehr zuließ, die er von sich selber erwartete. "Ich werde an meinem frühen Rücktritt noch lange zu knabbern haben", glaubt Nerz, "weil mein ganzes letztes Leben weggebrochen ist."

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Er prallt in einem unbeleuchteten Tunnel ungebremst gegen eine Wand

Sein bisheriges Leben bestand nur aus Radfahren. Es bestimmte sein Handeln, seine Gedanken, seinen Tagesablauf. Einfach alles. Deshalb hat er auch so lange an diesem Leben festgehalten. Der gebürtige Allgäuer ist ein Beispiel dafür, wie der Hang zur Sorglosigkeit, das Verdrängen von Schmerzen und ein fast krankhafter Ehrgeiz einen vor Kraft strotzenden Leistungssportler in einen klapprigen jungen Mann verwandeln kann. "Bis ich wieder vollständig genesen bin, wird mehr als ein Jahr vergehen", sagt er heute. Bei ihm hat vor allem die Summe seiner Stürze zum frühen Rücktritt geführt. Über sein genaues Bulletin mag er aber nicht sprechen. "Das ist mir zu privat", sagt Nerz. Er deutet nur an, dass ihm Kopfschmerzen, Schwindel und Orientierungsstörungen den Alltag mitunter zur Qual machen.

Allein im vergangenen Jahr fiel er in den Rennen sechs, sieben Mal auf den Kopf. "So genau weiß ich das gar nicht mehr", sagt Nerz. Sein schlimmster Sturz trug sich bei der Dauphiné-Rundfahrt zu, auf der Königsetappe prallte er in einem unbeleuchteten Tunnel ungebremst gegen eine Wand. Er hatte Glück, weil er sich nichts brach, die Prellungen am Knie, die Hautabschürfungen waren schnell verheilt, im Verborgenen blieben aber die unsichtbaren Schädigungen im Kopf. Er ignorierte sie, fuhr einfach weiter, zur nächsten Etappe. Anschließend zur Tour de France, wo er zweimal mit dem Kopf auf den Boden knallte und unter anderem einen Rippenanbruch erlitt. Er stieg aber erst aus, als ihn ein Magen-Darm-Virus ans Bett fesselte.

Diesen jahrelangen Raubbau am eigenen Körper bereut Nerz inzwischen, er sagt: "Ich hätte viel häufiger auf meine inneren Signale hören müssen und niemals bei der Tour starten dürfen." Aber zum Profi-Radsport gehören Schmerzen wie die Stürze und die Reifenwechsel. "Es ist da schwierig, Grenzen zu ziehen, weil wir immer unsere Leistung bringen wollen und uns damit ständig unter Druck setzen", sagt Nerz.