Zweite Liga:Der Mann von der Anzeigetafel

12.09.2021 - Fussball - Saison 2021 2022 - 2. Fussball - Bundesliga - 06. Spieltag: SSV Jahn Regensburg- 1. FC Nürnberg

Kopfsache: Nürnbergs Mittelfeldspieler Lino Tempelmann traf gegen den SSV Jahn Regensburg nicht nur mit dem Schädel ins Tor, ihm wurde nach einem Zusammenprall mit einem Gegenspieler auch ein Turban verpasst.

(Foto: Sportfoto Zink / Daniel Marr via www.imago-images.de; imago/imago images/Zink)

Der gebürtige Münchner Lino Tempelmann ist angekommen beim 1. FC Nürnberg. Über einen Mittelfeldspieler, der Mittelstürmersachen macht.

Von Sebastian Leisgang, Nürnberg

Irgendwie passte das alles nicht zusammen. Angeblich hatte der Spieler mit der Nummer sechs das Tor erzielt, so wurde es jedenfalls auf der Anzeigetafel im Max-Morlock-Stadion eingeblendet. Auch der Stadionsprecher sagte es durch, indem er den Vornamen des Torschützen nannte - und die Fans bestätigten es auch noch, indem sie sofort den Nachnamen ergänzten. Aber konnte das sein? War es wirklich Lino Tempelmann gewesen, der da gerade mit dem Kopf für den 1. FC Nürnberg getroffen hatte?

Man musste sich auf der Tribüne nochmal genau vergewissern, damals, als der Club gegen den Karlsruher SC in Führung gegangen ist. Weil dann nicht mal der Videoschiedsrichter Zweifel daran anmeldete, dass alles seine Ordnung hatte, da wurde klar: Allmächd, der Tempelmann, fei wergli!

Das ist jetzt drei Wochen her. Gut, kann ja mal passieren. Stutzig wurden die Zuschauer dann aber am vergangenen Sonntag: Da tauchte Nürnbergs Nummer sechs schon wieder auf der Anzeigetafel auf, wieder nach einem 1:0 für den Club, diesmal in Regensburg. Die Leute riefen zwar nicht seinen Namen, und die Haare des Torschützen waren viel blonder als die des Torschützen aus dem KSC-Spiel, doch es gab jetzt keinen Grund mehr, skeptisch zu sein: Lino Tempelmann, ein Mittelfeldspieler von nicht mal einsachtzig, hatte schon wieder ein Kopfballtor erzielt.

Robert Klauß war bei beiden Spielen nachweislich vor Ort, er hatte bei den Toren sogar beste Sicht. Als Nürnbergs Trainer am Donnerstagmittag aber im Presseraum am Valznerweiher saß und vor dem Freitagsspiel gegen Hansa Rostock nach Tempelmanns Vorzügen gefragt wurde, da verlor er merkwürdigerweise kein einziges Wort über das Kopfballspiel. Klauß sagte: "Er hat eine gewisse Dynamik, er kann viele Wege in hohem Tempo machen, und er fühlt sich wohl in engen Räumen." Ballsicherheit, Geschwindigkeit und die Läufe: Das ist es, wofür Tempelmann steht - zumindest, wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, mit dem Kopf das 1:0 zu erzielen.

Tempelmann, Leihspieler aus Freiburg, kickte in der Jugend bei Bayern, Haching und Sechzig

Tempelmann, 22, ist gerade auf der Überholspur unterwegs. Dass der gebürtige Münchner, der in der Jugend für den FC Bayern, die SpVgg Unterhaching, vor allem aber für den TSV 1860 gespielt hat, einiges beherrscht, was ihn dazu befähigt, auch mal in einem Bundesliga-Stadion als Torschütze auf der Anzeigetafel aufzutauchen, das ist auf Anhieb zu erkennen. Dass der Mittelfeldspieler jetzt aber auch noch Mittelstürmersachen macht, das ist neu. Gegen Karlsruhe drückte er den Ball aus dem Getümmel über die Linie, in Regensburg gelang ihm, im Wortsinn, ein Tor mit dem Kopf: Nach einer Flanke von Mats Möller Daehli lenkte Tempelmann den Ball ins Eck - sauber, platziert, gegen die Laufrichtung des Torhüters.

"Am Anfang hat er ein bisschen Zeit gebraucht", sagte Klauß am Donnerstag, "wir haben ihn langsam rangeführt, jetzt hat er ein gutes Gefühl für die Mannschaft und die Abläufe." Tempelmann ist angekommen. Am Valznerweiher, beim Club und auf der linken Position der Mittelfeldraute, in der er Fabian Nürnberger den Rang abgelaufen hat.

Als Tempelmann im Sommer als Leihspieler aus Freiburg kam, musste er sich erst einmal einfinden. In der vergangenen Bundesliga-Saison war er zwar zehn Mal zum Einsatz gekommen, Christian Streich hatte ihn aber nur bei zwei Spielen in die erste Elf berufen. Deshalb also der vorläufige Abschied aus Freiburg, deshalb der Schritt nach Nürnberg. Jetzt blüht der 22-Jährige auf. Er hat ein gutes Gefühl, er spielt - und er trifft.

An diesem Freitag bekommt es der Club mit Hansa Rostock zu tun. Die Kameras werden zwar auch auf Hanno Behrens gerichtet sein, den ehemaligen Nürnberger Kapitän, der mittlerweile an der Ostsee zu Hause ist und nun ins Max-Morlock-Stadion zurückkehrt. Die Blicke sollten aber auch Tempelmann gelten, dem Mittelfeldspieler, der Mittelstürmersachen macht.

© SZ
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