Alexander Zverev In einer Galerie mit Becker und Stich

Der erste wirklich große Pokal seiner Karriere: Alexander Zverev im Schnipselregen von London.

(Foto: Glyn Kirk/AFP)
  • Alexander Zverev gewinnt die ATP Finals gegen den Weltranglistenersten Novak Djokovic und holt sich den größten Sieg seiner Karriere.
  • "Ein neuer Star ist geboren", lobt Boris Becker in der BBC.
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Von Gerald Kleffmann

Um 19.35 Uhr Ortszeit in London machte sich Alexander Zverev flach. Er warf sich auf den Bauch, der Länge nach. Und weil er 1,98 Meter groß ist, wirkte er sehr lang, wie er so da lag. Dann drehte er sich auf den Rücken, als sei er Kafkas Käfer, der mit sich ringe und gerade eine Verwandlung durchlebe. Er schlug die Hände aufs Gesicht. In der Zwischenzeit, natürlich konnte das Zverev jetzt nicht sehen, schritt sein Gegner zu ihm herüber. Als Zverev die Augen öffnete, stand Novak Djokovic vor ihm - und gratulierte dem Sieger der ATP Finals.

Der 21-Jährige aus Hamburg, der seit Jahren nur eine Entwicklung kennt, nach oben, hat am Sonntagabend tatsächlich den symbolträchtigen Saisonabschluss der Profitour gewonnen, an dem nur die besten acht Spieler teilnehmen dürfen, die inoffizielle Tennis-WM. Er war kein Käfer. Er war nun ein Champion.

Mit 6:4, 6:3 hatte sich Zverev überraschend klar gegen den Serben durchgesetzt. Überraschend deshalb, weil noch in der Gruppenphase Djokovic klar mit 6:4, 6:1 gesiegt hatte. Und auch bis zum Finale wie eine Planierraupe Tennis zelebriert hatte. Kein Aufschlagspiel hatte der 31-Jährige aus Belgrad abgegeben. Zverev glückten vier Breaks. "Du hast wirklich viel besser als in der Gruppenphase gespielt", zollte Djokovic Respekt.

23 Jahre nach Becker | Die Endspiele im ATP-Finale seit 1995

1995 Becker - Chang 7:6, 6:0, 7:6

1996 Sampras - Becker 3:6, 7:6, 7:6, 6:7, 6:4

1997 Sampras - Kafelnikow 6:3, 6:2, 6:2

1998 Corretja - Moya 3:6, 3:6, 7:5, 6:3, 7:5

1999 Sampras - Agassi 6:1, 7:5, 6:4

2000 Kuerten - Agassi 6:4, 6:4, 6:4

2001 Hewitt - Grosjean 6:3, 6:3, 6:4

2002 Hewitt - Ferrero 7:5, 7:5, 2:6, 2:6, 6:4

2003 Federer - Agassi 6:3, 6:0, 6:4

2004 Federer - Hewitt 6:3, 6:2

2005 Nalbandian - Federer 6:7, 6:7, 6:2, 6:1, 7:6

2006 Federer - Blake 6:0, 6:3, 6:4

2007 Federer - Ferrer 6:2, 6:3, 6:2

2008 Djokovic - Dawydenko 6:1, 7:5

2009 Dawydenko - del Potro 6:3, 6:4

2010 Federer - Nadal 6:3, 3:6, 6:1

2011 Federer - Tsonga 6:3, 6:7, 6:3

2012 Djokovic - Federer 7:6, 7:5

2013 Djokovic - Nadal 6:3, 6:4

2014 Djokovic - Federer kampflos

2015 Djokovic - Federer 6:3, 6:4

2016 Murray - Djokovic 6:3, 6:4

2017 Dimitrow - Goffin 7:5, 4:6, 6:3

2018 A. Zverev - Djokovic 6:4, 6:3

Zverev schrieb mit dem größten Titel seiner Karriere auch deutsche Tennis-Geschichte. Er ist nun direkt in einer Ahnengalerie mit Michael Stich und Boris Becker, was dieses Turnier betrifft. Stich hatte 1993 triumphiert, Becker 1988, 1992 und 1995. Als letzter Deutscher hatte Becker 1996 im Finale gestanden (und gegen Pete Sampras aus den USA verloren). Zverevs Sieg veredelt überdies dieses für Tennis-Deutschland spezielle Jahr. Im Juli hatte Angelique Kerber, 30, als erste Deutsche seit 22 Jahren, als Erste seit Steffi Graf, in Wimbledon den Pokal in die Höhe gestemmt.

Die Woche von London war eine, in der Zverev viele Emotionen zu verarbeiten hatte. Zum zweiten Mal hatte er sich für dieses elitär besetzte Finalturnier qualifiziert. Im ersten Match lag er früh gegen den Kroaten Marin Cilic 2:5 zurück, er drehte die Partie. Dann kassierte er eine kleine Abreibung von Djokovic. Den aufschlagstarken John Isner aus den USA wiederum hielt er im Zaum. Und dann folgten zwei Spiele, deren Gefühlswelten sich am besten mit den Interviews auf dem Platz danach wiedergeben lassen.