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WM 2010: Sportpolitik:Deals für die Wüste

Die WM 2022 könnte ins Emirat Katar gehen: Wie Fifa-Boss Blatter und Afrika-Chef Hayatou am Kap die Strippen ziehen und warum die Münchner Kandidatur für Olympia 2018 darunter leidet.

Thomas Kistner

Issa Hayatou ist endlich oben. Fast ganz oben. In den Salons des Edelhotels Michelangelo am Sandton-Platz in Johannesburg residiert der Sportlehrer aus Kamerun, täglich nimmt er die Parade der Bittsteller, alten und neuen Verbündeten, ab. Hayatou, Vizepräsident des Weltverbandes Fifa und Boss des afrikanischen Kontinentalverbandes Caf, ist auch Chef des Fifa-Organisationskomitees für die WM. Bei ihm werden diskret die Ursachen für all die leeren Vip-Logen diskutiert, es heißt, die meisten Kunden seien beim Topsponsor Coca-Cola ausgeblieben; generell fürchteten ferngebliebene Firmengäste eher die weltweit strengeren Compliance- Regeln als die Sicherheitslage am Kap. Bei Hayatou laufen die Fäden zusammen. Auch wer Tickets oder mehr von diesem Turnier haben will, kommt gar nicht vorbei am 64-Jährigen aus Yaoundé.

WM 2010 - Südafrika - Mexiko

Fifa-Präsident Sepp Blatter bei der Eröffnungsfeier mit dem südafrikanischen Staatschef Jacob Zuma.

(Foto: dpa)

Hayatou ist, weit über Fußball hinaus, der starke Mann in Afrikas Sport. Er hat die einzige Regel begriffen: Mit Sepp Blatter kannst du alles werden, gegen ihn nichts. Deshalb ist, seit die beiden ihren Frieden besiegelt haben, der afrikanische Sport im Kommen. Wenn auch nur in den Hinterzimmern, wo um Macht und Geld gedealt wird, nicht auf dem WM- Rasen. Dass Afrikas Fußball im Weltvergleich zurückgefallen ist in den letzten Jahren, ist bei der WM in Südafrika ja nicht zu übersehen. Trotz Heimrechts.

Alarm für München

Nun wird auch in Sandton, hinter den WM-Kulissen, fieberhaft die Zukunft der Fifa ausgehandelt. In den nächsten elf Monaten gilt es, einen gordischen Knoten zu zerhauen: Im Mai 2011 will Blatter wiedergewählt werden, bereits im Dezember 2010 werden die WM-Turniere 2018 und 2022 vergeben. Es sind die Entscheidungen über die mittelfristige Zukunft. Wie üblich sind diese zwei Termine verfilzt und mit persönlichen Interessen durchsetzt. Weshalb dieser Tage mancher Eingeweihte die Luxusherberge mit dem festen Eindruck verlässt, dass es nach diesem Winterturnier am Kap bald einen ganz heißen Tanz geben wird: eine WM 2022 in Katar.

Blatter ist unter Druck, seit ihm sein engster Vertrauter, Mohamad Bin-Hammam, von der Fahne ging. Der leise Mann aus dem überschaubaren Fußballreich Katar ist in Asien das, was Hayatou in Afrika ist: Boss des 50 Stimmen starken Kontinentalverbands AFC. Zudem war er Blatters Königsmacher, 1998 sorgte er bei Blatters als "schmutzig" berüchtigten Machtergreifung in der Fifa für den Umschwung im Hotel der afrikanischen Delegierten. Hayatou selbst war damals mit Blatters Herausforderer Lennart Johansson.

2002 bei der WM in Japan/Südkorea kandidierte er selbst gegen Blatter, er wollte "die Redlichkeit wiederherstellen" in der Fifa und hatte gemeinsam mit dem halben Vorstand Blatter in Zürich wegen Korruption angezeigt. Doch Redlichkeit verfängt nicht in der Fifa, wo Dutzende Zwergverbände eine Stimme haben, die nur auf das Geld schauen, das selbst denen zuteil wird, die keinen Ligabetrieb haben. Blatter siegte 139:56, nicht mal Kamerun wählte Hayatou. Später nahmen sie sich in die Arme und begruben das Kriegsbeil. Zu beider Nutzen.

Die Russen schicken Abramowitsch

Südafrika hat sie noch enger zusammengekettet, sechs WM-Startplätze hat Afrika heute. Derweil büßte Asien-Chef Bin-Hammam die Nähe zu Blatter ein. Weil ihn der Fifa-Boss beim AFC-Kongress 2009 habe stürzen wollen, drohte ihm Bin-Hamman vor Monaten die Gegenkadidatur 2011 an. Plötzlich war Blatter in Bedrängnis. Auch Michel Platini, Chef der Uefa, sann über den Fifa-Thron nach. "Einige haben ihn gedrängt", sagt ein Intimkenner in Südafrika, "auch in Frankreich und Deutschland". Platini habe davon jetzt wieder Abstand genommen, er kann vier Jahre warten. Und auf Sturm stehen die Zeichen sowieso nicht mehr, weil Blatter dem zornigen Araber einen Deals offeriert haben soll: Hilfe bei Katars WM-Bewerbung 2022.

Das Problem ist nur: Dieser Entscheid fällt vor der Präsidentenkür. Also wird Blatter liefern müssen, ein treuherziges Versprechen kaum genügen. Während die WM 2018 auf die Favoriten England oder Russland zuläuft, ringen Australien und die USA mit Katar um 2022. Gewichtige Gründe gibt es kaum, ein WM-Turnier auf einem ölreichen Wüstenstreifen auszutragen, wo es 45 Grad heiß ist in den Monaten Juni/Juli, die laut Fifa-Statut als WM-Termin vorgesehen sind. Da müssen, neben den vier Asiaten, auch die vier Afrikaner im 24-köpfigen Fifa-Vorstand für Katar votieren, den Rest könnten Blatters treue Gefolgsleute in der Karibik und in Südamerika beitragen.

So gibt Südafrika auch hinter den Kulissen den Nabel der Sportwelt ab; die um die WM 2018 buhlenden Russen haben sogar Roman Abramowitsch hingeschickt. Und hört man hohe deutsche Industrievertreter am Kap, wären auch die Olympiawerber für München 2018 dort nicht fehl am Platz. Denn Hayatou, berichtet ein besorgter Manager, habe die Avancen der deutschen Delegation bei den Vancouver-Spielen im Februar dieses Jahres als "aufdringlich und peinlich" empfunden. Daher liefe Hayatous Afrika-Stimmpaket klar auf den Rivalen Pyeongchang (Südkorea) zu. Und Blatter hatte es ja nie mit Europa. Was all das mit Winterspielen zu tun hat? Sehr viel: Die Stimmen Afrikas und des Weltfußballs im Internationalen Olympischen Komitee betragen gut ein Viertel des Gesamtvotums.

© SZ vom 19.06.2010
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