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WM 2010: Sport und Politik:Löws Mädchen

Wulff-Schlappe, Koalitionskrise, Steuerstreit: Angela Merkel macht mal wieder schwere Zeiten durch. Wie gut, dass es am Samstag das WM-Viertelfinale gegen Argentinien gibt und die Kanzlerin zu einem alten Politiker-Trick greifen kann.

Wo war eigentlich im Mai 2005 der vielgerühmte politische Instinkt von Gerhard Schröder? Gerade hatte seine SPD bei den Wahlen in Nordrhein-Westfalen drastisch verloren, gerade mehrte sich die Kritik an seiner Hartz- und Reformpolitik - und was machte Schröder? Steuerte zielgenau auf ein Misstrauensvotum, die Auflösung des Parlaments und Neuwahlen zu. Am Ende des Prozesses, im September 2005, hatte Deutschland erstmals eine Kanzlerin.

WM 2010: Stilkritik Deutschland

Die Macht der Geigen

Es gibt viele Politikbeobachter, die glauben, Schröder hätte seine Abwahl durch einen einfachen Trick verhindern können. Sich einfach zwölf Monate lang irgendwie im Amt halten, dann in die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 retten - und dann hätte ihm das Sommermärchen inklusive Amtsbonus im Herbst 2006 zu einem Erfolg verholfen. Schließlich war er "Acker", der bullige Stürmer des TuS Talle, der einst in der Provinzliga Tor um Tor schoss.

Und außerdem gehen Fußball und Politik hierzulande eine enge Symbiose ein. Die Politiker wissen um die positive Wirkung, die so ein deutscher Fußball-Erfolg mit sich bringen kann. Auf den WM-Titel 1954 (Konrad Adenauer), den EM-Sieg 1972 (Willy Brandt) und den Triumph von Rom 1990 (Helmut Kohl) folgten stets gute Wahlergebnisse für den jeweiligen Amtsinhaber. Und immer mehr wollen die Politiker das für sich ausnutzen.

Kohl in der Kabine

Schon Brandt und Helmut Schmidt zeigten sich das eine oder andere Mal rauchend auf einer Stadiontribüne, Helmut Kohl perfektionierte schließlich die PR-trächtige Leibesvisite im Stadion. Bei Großturnieren stürmte der Pfälzer gerne mal in die Kabine. Legendär wurde bei der EM 1996 die Antwort des damaligen Bayern-Spielers Mehmet Scholl auf die Journalistenfrage, wie es denn in der Kabine mit Kohl gewesen sein: "Eng!" Gerhard Schröder stand Kohl nicht nach, zeigte sich wahlweise mit den Fanschals von Energie Cottbus, Borussia Dortmund und Hannover 96 und erzählte immer gern von seinem früheren Leben als "Acker".

Auch Angela Merkel kennt die Regeln des öffentlichen Spielbetriebs. Am Samstag will sie den Südafrika-WM-Auftritt der umjubelten Nationalelf nutzen, um von all dem Berliner Generve abzulenken. So wird sie am Nachmittag im Cape Town Stadium sitzen, wenn Deutschland gegen Argentinien um den Einzug ins WM-Halbfinale kämpft.

Und es ist zwar simpel, aber auch durchaus wahrscheinlich, wie sich die Kanzler-Strategen das weitere Szenario vorstellen. Irgendwann wird Schweinsteiger das 1:0 schießen, Deutschland im Halbfinale stehen, "Angie" aus Berlin jeden einzelnen Spieler umarmen, Schweinsteiger nicht seine Sarah, sondern die Kanzlerin busseln - und schon werden Begriffe wie Wulff-Schlappe, Koalitionskrise und Steuerstreit klingen wie Wörter aus dem Kisuaheli.

Schon in der Vergangenheit gab Angela Merkel auf den Tribünen ein besseres Bild ab als in Parlamenten. Beim Sommermärchen 2006 herzte sie nach dem Sieg im Spiel um Platz drei jeden einzelnen Spieler, und bei der EM 2008 machte sie sich um die Nationalelf verdient, als sie am Rande der Partie gegen Österreich den gesperrten Bastian Schweinsteiger auf einen tugendhaften Weg verhalf.

Der charmante Schweinsteiger

Schon tut die Mannschaft ihr Bestes, um Merkel zu etwas Ablenkung und positiven Nachrichten zu verhelfen. "Wir Trainer und die Spieler sind auch große Fans von Angela Merkel", sagte Bundestrainer Joachim Löw. Besonders charmant zeigte sich der Kanzlerin-Liebling Schweinsteiger, als er am Mittwoch erklärte: "Vielleicht kommt sie vor dem Spiel in die Kabine und hat noch einen lockeren Spruch drauf, das gäbe noch mal einen Schub."

Wie war das noch mal mit den ungebetenen Kabinengästen in der Kohl-Ära?

Wahrscheinlich ist Merkel bei Schweinsteiger, Löw & Co. auch deshalb so beliebt, weil es keine großen Erwartungen an sie gegeben hatte. Wie hatte 2004 der Spiegel geunkt? Die CDU-Chefin sei engagiert in den Bergen unterwegs, habe aber nie Fußball gespielt. "Auch ihre ostdeutsche Herkunft ist in Fußballangelegenheiten ein Wettbewerbsnachteil. Wenn der Kanzler in Erinnerungen an die WM-Siege von 1954, 1974 oder 1990 schwelgt, dann ist die alte Bundesrepublik gemeint. Wovon aber soll Merkel schwärmen - vom 1:0 der DDR gegen die Bundeskicker 1974 in Hamburg?" Vom damals entscheidenden Schützen namens Sparwasser? Und das in der Spardebatte?

Nun muss die angeschlagene Kanzlerin nur noch ein Problem lösen: im Falle von Joachim Löws Ausscheiden nach der WM einen geeigneten Nachfolger zu finden. Erstaunlich oft in der bundesrepublikanischen Geschichte haben sich übrigens der jeweils amtierende Bundeskanzler und der jeweils amtierende Bundestrainer in ihrem Charakter und ihrem Amtsverständnis geähnelt.

Konrad Adenauer und Sepp Herberger prägten in den fünfziger Jahren ihren knorrig-autoritären Stil; Willy Brandts "Mehr Demokratie wagen" setzte Helmut Schön - wenn auch eher notgedrungen - auch in der Nationalmannschaft um; Helmut Kohl und Berti Vogts galten Zeit ihres Wirkens als intellektuell nicht ernstzunehmende Provinzler; und das Duo Gerhard Schröder/Jürgen Klinsmann war sich sehr nahe in seinem Projekt-, Reform- und Bastadenken. Noch vor Schröders Agenda 2010 gab es die Klinsmann-Agenda, nämlich den rigorosen Bruch mit den DFB-Traditionen.

Aber vielleicht erklärt Merkel ja auch dem DFB-Patron Theo Zwanziger, dass Jogi Löw in jedem Fall bleiben solle. Sie bleibt ja auch.

© sueddeutsche.de/jüsc

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