WM 2010: Nach der Vorrunde:Das Ende des alten Europas

Die lateinamerikanischen Mannschaften setzen bei dieser WM die Maßstäbe, taktisch wie spielerisch, gedanklich wie praktisch. Was machen die europäischen Teams falsch?

Christian Zaschke

War da nicht ein leichtes Beben zu spüren, als Italien sich von der WM verabschiedete? Es stammte von der Kontinentalverschiebung, die sich gerade ereignet hatte. Je nachdem, in welchen Bildwelten man sich zu Hause fühlt, kann man selbstverständlich auch von der Götterdämmerung des alten Europas sprechen. Frankreich hat sich lächerlich gemacht, Italien ist mit einer Mannschaft untergegangen, deren Mangel an Inspiration und Effektivität den fußballerischen Traditionen des Landes Hohn spottet; am Ende hat sie sich immerhin leidenschaftlich und stolz verabschiedet.

Die deutsche Elf hat ein bemerkenswertes Spiel gegen die Australier gezeigt, sich dann allerdings auf ein bedenklich niedriges Niveau begeben. Die Engländer haben sich in einer durchschnittlich besetzten Gruppe mit unterdurchschnittlichem Spiel durchgesetzt. Eine dieser beiden Großmächte des Fußballs wird nach dem Achtelfinale die Heimreise antreten, deutlich zu früh, gemessen an den jeweiligen Erwartungen.

Betonfußball als Symbol

Zum Bild Europas bei dieser WM tragen die teils erbärmlichen Auftritte Griechenlands und Dänemarks bei, der Kontinentalmeister von 2004 bzw. 1992. Die Griechen und ihr von jeder Phantasie radikal befreiter Betonfußball stehen dabei symbolisch dafür, wie sich die politische (und finanzpolitische) Krise Europas auf den Fußball zu übertragen scheint. Man muss diesen Gedanken sicherlich nicht zu weit treiben; er bedeutet eine Überhöhung des Fußballs, er verleiht ihm eine Dimension, die allzu weit über ihn hinausweist. Dennoch ist es augenfällig, wer in Südafrika bisher auf dem Platz überzeugte und wer nicht.

Stunde der Außenseiter

Es sind die aufstrebenden Nationen, die sich bei diesem Turnier in den Vordergrund spielen, während Kerneuropa und leider auch Afrika stagnieren. Ein junger Staat wie die Slowakei überrennt das alte Italien, Slowenien hätte sich um ein Haar vor den Engländern platziert. Zwei Teams aus Asien - Japan und Südkorea - haben sich für die Achtelfinals qualifiziert; das gelang ihnen zwar bereits 2002, damals profitierten sie allerdings über Gebühr vom Heimvorteil. Die lateinamerikanischen Teams dominieren die WM, sie setzen die Maßstäbe, taktisch wie spielerisch, gedanklich wie praktisch, und zwar alle, mit der Ausnahme von Honduras. Von Argentinien und Brasilien war das vielleicht zu erwarten, aber dass auch Paraguay, Uruguay, Mexiko und Chile derart souverän auftreten, ist rundum beeindruckend. Überspitzt formuliert ist diese WM eine Copa América mit der Beteiligung einiger anderer Nationen.

Randgebiete im Vordergrund

Natürlich ist Europa noch recht gut vertreten, aber es sind nicht mehr die Kernländer, die im Weltfußball über Jahrzehnte so bestimmend auftraten, die sich derzeit auf der Höhe des Spiels befinden. Eine über die Bestandsaufnahme hinausgehende Ursachenforschung ist insofern schwierig, als sie sich notwendig im Ungefähren bewegen muss. Handelt es sich lediglich um die Aufnahme eines Moments? Ist es bloß ein Zufall? Oder steckt mehr dahinter? Ist es vielleicht sogar angemessen, einen größeren Zusammenhang herzustellen, also von der politischen Krise auf eine kulturelle Ermüdung Kerneuropas zu schließen, die bis in den Nationalmannschaftsfußball reicht?

Es ist bloß Fußball, aber doch erzählt der Sport bei dieser WM eine größere Geschichte, in der dem alten Europa keine Hauptrolle zugedacht ist. Dass das Turnier erstmals in Afrika gespielt wird, auf dem Kontinent also, auf dem Europa in der Kolonialzeit seine Hybris besonders gnadenlos auslebte, erscheint dabei wie ein Fingerzeig.

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