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WM 2010: Final-Schiedsrichter Howard Webb:"Keine Bombe, kein Anthrax?"

Seine Spielleitung bevorzugt rustikale Teams, sein Aussehen erinnert an Collina und seine Frau versteht nicht, wie er auf dem Platz für Ordnung sorgen kann: Howard Webb zählt zu den derzeit markantesten Unparteiischen.

J. Aumüller und F. Fuchs

"Dieb, Betrüger, Tunte" - und dann diese Fotomontage, auf der er aussieht wie Hitler. Schiedsrichter Howard Webb hatte während und auch nach der Europameisterschaft 2008 nicht viel zu lachen. Viele Polen zürnten ihm, weil er im Auftaktspiel des Turniers in der Nachspielzeit einen Elfmeter gegen sie verhängt hatte: Mariusz Lewandowski zerrte Sebastian Prödl im Strafraum am Trikot zu Boden, Österreich glich aus zum 1:1-Endstand.

Eigentlich ein klarer Elfmeter. Aber im Web beschimpften die polnischen Fans Webb massiv, selbst der damalige polnische Ministerpräsident Donald Tusk wurde ausfällig: "Ich wollte jemanden umbringen, wie alle Polen. Jeder kann sich denken, wen ich meine." Die Polizei musste Webbs Familie beschützen.

Es gibt Schiedsrichter, die erholen sich von so etwas nie. Und es gibt Schiedsrichter, die können mit den unschönen Seiten ihres Berufs umgehen. Der 38-jährige Howard Webb ist so einer. Am Sonntag pfeift der Engländer das WM-Finale zwischen Holland und Spanien - und zeigt damit endgültig, dass er mittlerweile zu den besten Schiedsrichtern der Welt zählt. Eine Nominierung, die rein von der Leistung her für viele logisch war, für seine Frau aber überraschend kam: "Er kann ja nicht mal seine Kinder kontrollieren. Ich weiß nicht, wie er das auf einem Fußball-Platz hinkriegt", sagte Kay Webb einem englischen Fernsehsender.

Nicht selbstverständlich war seine Wahl aber auch aus einem anderen Grund. Denn der erst 38-Jährige bestritt in diesem Jahr bereits das Champions-League-Finale zwischen Inter Mailand und Bayern München, und normalerweise achten die Fußballverbände und ihre Schiedsrichterorgane darauf, dass bei wichtigen Spielen immer etwas Abwechslung in den Ansetzungen herrscht. So gilt beispielsweise als ungeschriebenes Gesetz, dass ein Halbfinal-Schiedsrichter einer WM oder eines Europapokal-Wettbewerbs nicht im Endspiel auf dem Feld steht. Und zuletzt wurde auch darauf geachtet, dass der WM-Final-Schiedsrichter nicht zuvor schon das Champions-League-Endspiel geleitet hatte.

Erst spät gelbe Karten

So kam von den besten Referees der jüngeren Vergangenheit keiner zu dieser Auszeichnung, binnen kürzester Zeit zwei wichtige Spiele pfeifen zu können kein Pierluigi Collina, kein Markus Merk, kein Sandor Puhl. Das unterstreicht zum einen, dass nach den vielen Schiedsrichter-Fehlern während der WM das Feld der Unparteiischen ziemlich ausgedünnt ist, zum zweiten, dass profilierte Unparteiische auf der internationalen Bühne derzeit rar sind - und zum dritten, dass sich Howard Webb sehr schnell ein erstaunliches Standing erarbeitet hat.

1989 begann er als 18-Jähriger mit der Schiedsrichtersein, ab 1996 pfiff er Spiele in den unteren englischen Profi-Ligen, 2003 debütierte er in der Premier League und 2005 stieg er in die Reihe der Fifa-Schiedsrichter auf. Sowohl seine Biographie (von Beruf ist Webb Polizist) als auch sein Aussehen (mit seiner Glatze erinnert ein wenig an den früheren italienischen Kult-Schiedsrichter Collina) hoben ihn unter den internationalen Pfeifenmännern hervor. Ein gewisses Charisma schadet ja auch bei Schiedsrichtern nichts.

Von seiner Spielleitung her passt der als ruhig und souverän geltende Webb zum englischen Fußball. Anders als etwa der Spanier Alberto Undiando (der Schiedsrichter des Deutschland-Serbien-Spiels) lässt er grundsätzlich viel laufen und gibt erst spät gelbe Karten. Zu beobachten war das auch im Champions-League-Finale. Mehrere Male traktierten die Mailänder Abwehrspieler, vor allem der Rumäne Cristian Chivu, Bayerns Außenstürmer Arjen Robben - Gelb gab es erst nach Chivus fünfter Attacke. Auch das war ausschlaggebend für den Spielverlauf in Madrid. Am Sonntagabend kommt diese Grundsatzhaltung vielleicht der eher rustikalen Gangart von Hollands Sechsern Mark van Bommel und Nigel de Jong entgegen.

Ruhig und souverän

Wie sich Webb ansonsten gibt, sieht man auch gut in dem Film "Referees at work". Ähnlich wie bei Sönke Wortmanns "Sommermärchen" über den Weg der deutschen Nationalmannschaft 2006 wurden bei der EM in Österreich und der Schweiz die Schiedsrichter begleitet: Der Zuschauer sieht sie in der Kabine, verfolgt ihre Anweisungen per Headset auf dem Spielfeld und bekommt Einblick in die Nachbesprechungen und das Privatleben.

Nach den Drohungen gegen ihn durfte Webb noch ein Spiel pfeifen bei der EM, Spanien gegen Griechenland. Vor der Partie verweigern ihm Sicherheitsmänner den Zutritt zu seiner Kabine - sie muss erst von der Polizei gecheckt werden. Webb nimmt es sarkastisch: "Ist alles in Ordnung jetzt? Keine Bombe, kein Zyanid, kein Anthrax?", fragt er und lächelt, als er endlich rein darf.

So leicht lässt sich ein Polizist nicht beeindrucken. Webbs Vater erzählt im Film, wie noch während der EM polnische Randalierer vor seinem Haus in England standen und seine Frau sich deshalb nicht mehr vor die Tür traute. Webb dagegen hat im Film trotz all des Trubels noch die Nerven, seinen Linienrichter Mike Mullarkey zu trösten, weil der ein Abseits übersehen hat: "Es passieren täglich schrecklichere Dinge auf der Welt."

© sueddeutsche.de/aum
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