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Wintersport:Der Sport rutscht in die Versenkung

Und auch der Sport entwickelte sich in eine Richtung, die nicht jedem gefiel. Die Skiballettfahrer näherten sich immer mehr dem Eiskunstlauf an, sie übten Sprünge und Drehungen ein, wie Kunstturner, stundenlang, entwarfen Choreografien. "Du kannst so eine Entwicklung nicht aufhalten. Du fährst heute ja auch nicht mehr mit den Autos von früher", sagt Reitberger.

Andere, wie Wayne Wong, wandten sich ab. Er hatte sich der "Freiheit des rohen Sports" verschrieben, wollte die Grenzen des Machbaren auf Skiern verschieben. Diese Idee, fand Wong, verblasste. Jetzt gab es einen Weltverband, der ihnen Regeln überstülpte: wie lang beim Skiballett eine Piste sein musste, wie viele Sprünge die Fahrer zeigen sollten, wie man die Endnote errechnete. Das ärgerte auch Reitberger. "Man wollte den Sport attraktiver machen", sagt er, "aber man hat die Sportler nicht wirklich gefragt". So wurden ihnen Regeln aufgebunden, "die keinen Sinn machten, die den Sport auch etwas kaputt gemacht haben", erinnert sich Reitberger. Skiballett war bei den Winterspielen 1988 Demonstrationssportart, wie Sprung und Buckelpiste. Reitberger gewann seine Medaille, eine goldene, seine Kür war wieder perfekt ( Hier sehen die Kür im Video). Aber seine Disziplin, die sich jetzt vor den Augen der Welt entfalten sollte, war gestutzt, das Unangepasste war angepasst. Die Freigeister waren gezähmt.

Buckelpiste und Sprung schafften es noch in die olympische Familie, Skiballett fiel 1994 endgültig aus dem Vorprogramm. Von da an rutschte der Sport in die Versenkung. Die ohnehin kleine Gemeinde der Ballettfahrer schmolz, 1999 fand der letzte Weltcup statt. Reitberger hatte schon Anfang der 90er aufgehört und sich zum Vertreter für Schlafsysteme ausbilden lassen. Er ist bis heute erfolgreich, smart, passioniert, er kann sich gut verkaufen, ein wenig wie damals beim Skiballett.

Draußen, im Winter, wiederholte sich unterdessen die Geschichte. Während die Gründerväter des Freestyles um Medaillen rangen oder in ein bürgerliches Leben fanden, wuchsen die nächsten Freigeister auf, die Snowboarder. Heute sind die Snowboarder in zwei Lager zerfallen, wie auch die neue Generation der Freeskier - die einen kämpfen in Pipe und in Parks um olympische Medaillen, andere präferieren den rohen Sport, im Tiefschnee oder bei Extremabfahrten. Skiballett kennen sie nur von verschwommenen Videoschnipseln auf den einschlägigen Plattformen, der eine oder andere kichert über die Frisuren, die Neonanzüge, über Carmen und die Pirouetten. Dabei sehen sie da ihre Vorfahren, "das war der Ursprung der Freigeister", sagt Reitberger. Er freut sich, wenn er heute die Jungen sieht, die den Freiheitsgedanken weitertragen, in den Spaßparks oder im Gelände. "Es entsteht immer wieder was Neues", sagt er. "Wenn so ein Samen da ist, kannst du den nicht zertreten.

Vierschanzentournee

Alle springen dem Frisbee hinterher