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Wintersport:Wie Olympia das Skiballett zerstörte

Skiballett erblühte in den 1970er und 1980er Jahren - es war der Ursprung der Freestylebewegung. Wie konnte die Sportart anschließend in der Versenkung verschwinden?

Einer seiner größten Erfolge, erinnert sich Hermann Reitberger, war verknüpft mit einer großen Niederlage. Es war während der Weltmeisterschaften der Freestyle-Skifahrer, 1989 in Oberjoch. Reitberger, ein junger Bayer aus Eggenfelden, jagte den Titel im Skiballett, der ihm noch fehlte. Und er führte eine perfekte Kür auf. Er hob ab wie ein Eiskunstläufer, zeigte zweieinhalbfache Drehungen, seine schwarzen Locken tanzten durch die Märzsonne. Er rammte seine Skistöcke vor sich in den Schnee, drückte sich auf ihnen ab, malte einen eineinhalbfachen Salto in die Luft, mit Schraube. Er duckte sich, tippelte durch den Schnee zu den Staccatoklängen von Carmen. Hielt plötzlich inne, streckte stolz die Brust raus wie ein Torero, auf seinem roten Anzug funkelten silberne Sternchen. Ein paar Fans hielten ein Plakat in die Kameras, "Sportverein Dietfurt grüßt Hermann Reitberger". Kurz darauf war er Weltmeister.

Und trotzdem machte sich in Reitberger, nach einem heißen Bad in der Glückseligkeit, der Frust breit. Skiballett wollte damals in die olympische Familie aufgenommen werden, doch daraus wurde nichts, und diese Kunde sickerte bei jener WM durch. "War nicht gerade einfach zu verkraften", erinnert sich Reitberger heute. Es sollte der Anfang vom Ende sein, vom Ende seiner Karriere - und, was er dunkel ahnte, auch vom Ende des Skiballetts, das er ein Jahrzehnt lang dominiert hatte.

Man muss die Geschichte des Skiballetts, es hilft ja nichts, mit dem Vietnamkrieg beginnen, in den Sechziger Jahren, als die Bilder von den Särgen mit gefallenen Soldaten sich ins amerikanische Gedächtnis brannten. "Amerikas Jugend begann, die etablierten Regeln und Normen zu hinterfragen", hat Bob Howard, ein Pionier der Freestyle-Szene, einmal dem Sportportal Grantland erzählt. Und für viele Skifahrer bedeutete das, sich vom Establishment des Wintersports abzugrenzen, von den genormten Rennen der Alpinen und Nordischen. Die ersten Freestyler waren geboren.

1980 findet der erste Weltcup statt

"Es gab ein Start- und ein Zieltor", erinnert sich Wayne Wong, einer der ersten Weltmeister dieses Sports. Dazwischen? War alles erlaubt, verdichtet zu einem Ritt. Sprünge über Rampen, bei denen die Fahrer sich in die Luft katapultierten wie Trampolinspringer. Schwünge über Buckelpisten. Tänzerische Drehungen, die die Vorläufer des Skiballetts waren. "Der Grundgedanke war, bloß nicht geradeaus die Piste runterzufahren, sondern frei, wie du es willst", sagt Reitberger. "Es redete dir niemand rein, das ging auch gar nicht, den Sport gab es vorher ja nicht. Wir waren die Architekten."

Eine Profitour erblühte, mit Tausenden Zuschauern, Preisgeldern, Sponsorenverträgen für die Besten. Während Olympia das Ideal des Amateurs predigte, gewann der beste Freestyler an einem Wochenende in Amerika schon mal einen Chevrolet. Die Athleten spezialisierten sich - Buckelpiste, Sprung, Ballett -, sie tourten aber weiter gemeinsam durch den Winter. Erst Ende der 70er Jahre entschlossen sich die Freestyler, sich dem olympischen Sport anzuschließen. "Wenn du jahrelang an der Spitze bist, willst du den Sport vorantreiben", sagt Reitberger, "du brauchst ja irgendwie eine Bestätigung. Du möchtest auch mal eine Medaille holen, da ist ja nichts Verkehrtes dabei." Oder?

Der Glanz von einst (3)

Vergessene Helden, frühere Spitzen-vereine, verschwundene Sportarten und traditionsreiche Standorte: Auf einem Streifzug durch Bayern entdeckt die SZ in einer losen Serie Geschichten, die es wert sind, sich zu erinnern.

Bisher erschienen: Roland Stein, Torschütze beim 1:0-Pokalsieg des TSV Vestenbergskreuth gegen den FC Bayern.

Die Geschichte des dreimaligen deutschen Meisters im American Football, die Ansbach Grizzlies

Die Freestyler schlüpften unter das Dach des Weltverbands Fis. 1980 fand der erste Weltcup statt. Der Sport wurde in die Popkultur gespült, in Filme wie "Feuer und Eis" oder "Hot Dog" (den die New York Times "weniger schwachsinnig als befürchtet" fand). Aber nicht allen gefiel die Art, wie das Feld der Freestyler nun bestellt wurde. Sie waren jetzt Amateure, Reitberger durfte seine Sponsoren behalten, musste jedoch einen Obolus an den Deutschen Skiverband abtreten. Er konnte beim Verband Fördergelder anfordern, aber der DSV gab für die Freestyler nur so viel frei wie nötig. "Dahinter steckte natürlich eine gewisse Lobby", sagt Reitberger, von Alpinen und Nordischen. Vom Establishment.

Der Sport rutscht in die Versenkung

Und auch der Sport entwickelte sich in eine Richtung, die nicht jedem gefiel. Die Skiballettfahrer näherten sich immer mehr dem Eiskunstlauf an, sie übten Sprünge und Drehungen ein, wie Kunstturner, stundenlang, entwarfen Choreografien. "Du kannst so eine Entwicklung nicht aufhalten. Du fährst heute ja auch nicht mehr mit den Autos von früher", sagt Reitberger.

Andere, wie Wayne Wong, wandten sich ab. Er hatte sich der "Freiheit des rohen Sports" verschrieben, wollte die Grenzen des Machbaren auf Skiern verschieben. Diese Idee, fand Wong, verblasste. Jetzt gab es einen Weltverband, der ihnen Regeln überstülpte: wie lang beim Skiballett eine Piste sein musste, wie viele Sprünge die Fahrer zeigen sollten, wie man die Endnote errechnete. Das ärgerte auch Reitberger. "Man wollte den Sport attraktiver machen", sagt er, "aber man hat die Sportler nicht wirklich gefragt". So wurden ihnen Regeln aufgebunden, "die keinen Sinn machten, die den Sport auch etwas kaputt gemacht haben", erinnert sich Reitberger. Skiballett war bei den Winterspielen 1988 Demonstrationssportart, wie Sprung und Buckelpiste. Reitberger gewann seine Medaille, eine goldene, seine Kür war wieder perfekt (Hier sehen die Kür im Video). Aber seine Disziplin, die sich jetzt vor den Augen der Welt entfalten sollte, war gestutzt, das Unangepasste war angepasst. Die Freigeister waren gezähmt.

Buckelpiste und Sprung schafften es noch in die olympische Familie, Skiballett fiel 1994 endgültig aus dem Vorprogramm. Von da an rutschte der Sport in die Versenkung. Die ohnehin kleine Gemeinde der Ballettfahrer schmolz, 1999 fand der letzte Weltcup statt. Reitberger hatte schon Anfang der 90er aufgehört und sich zum Vertreter für Schlafsysteme ausbilden lassen. Er ist bis heute erfolgreich, smart, passioniert, er kann sich gut verkaufen, ein wenig wie damals beim Skiballett.

Draußen, im Winter, wiederholte sich unterdessen die Geschichte. Während die Gründerväter des Freestyles um Medaillen rangen oder in ein bürgerliches Leben fanden, wuchsen die nächsten Freigeister auf, die Snowboarder. Heute sind die Snowboarder in zwei Lager zerfallen, wie auch die neue Generation der Freeskier - die einen kämpfen in Pipe und in Parks um olympische Medaillen, andere präferieren den rohen Sport, im Tiefschnee oder bei Extremabfahrten. Skiballett kennen sie nur von verschwommenen Videoschnipseln auf den einschlägigen Plattformen, der eine oder andere kichert über die Frisuren, die Neonanzüge, über Carmen und die Pirouetten. Dabei sehen sie da ihre Vorfahren, "das war der Ursprung der Freigeister", sagt Reitberger. Er freut sich, wenn er heute die Jungen sieht, die den Freiheitsgedanken weitertragen, in den Spaßparks oder im Gelände. "Es entsteht immer wieder was Neues", sagt er. "Wenn so ein Samen da ist, kannst du den nicht zertreten.

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SZ vom 29.12.2016/ebc
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