Wintersport in Südkorea:Per Olympia-Express in die Zukunft

Wintersport in Südkorea: Kunst in der Luft und auf Eis: Sechs Jahre nach den Erwachsenen geht die US-Amerikanerin Elizabeth Lemley bei den Jugendspielen in Südkorea im Ski-Freestyle in den Wettkampf.

Kunst in der Luft und auf Eis: Sechs Jahre nach den Erwachsenen geht die US-Amerikanerin Elizabeth Lemley bei den Jugendspielen in Südkorea im Ski-Freestyle in den Wettkampf.

(Foto: Jonathan Nackstrand/AP)

Bei den Olympischen Jugendspielen in Gangneung kann man erleben, was aus den Ski- und Eislandschaften der Winterspiele von 2018 geworden ist. Für manches war der Preis hoch - aber nicht alles, was südkoreanisches Kommerzdenken entstehen lässt, war kurzsichtig.

Von Thomas Hahn, Gangneung

Curling-Begeisterung. Das ist das Erste, was Hahm Sung-ho aus Gangneung in den Sinn kommt, wenn man ihn danach fragt, wie die Olympischen Winterspiele von 2018 seine südkoreanische Heimatstadt verändert haben. "Vor den Spielen wussten die wenigsten Leute in Korea genau, was Curling ist", sagt er, "aber danach hatten viele Interesse." Hahm Sung-ho, 72, steht in den Tribünen des Gymnasiums von Gangneung. Es ist ein Sonntagnachmittag bei den Olympischen Jugendspielen, die Erinnerungen wecken an das große Sportfest, zugleich irgendwie zehn Nummern kleiner sind. Heute wie damals ist das Gymnasium als Curling-Zentrum in Gebrauch. Auf dem Eis tragen konzentrierte junge Leute aus acht Nationen ihre Partien aus. Hahm ist wieder als freiwilliger Helfer dabei, wenn auch diesmal nicht im Videoteam, sondern beim Putzpersonal. Und er spürt durchaus, dass was übrig geblieben ist von den riesigen Spielen.

Gangwon 2024 lautet der Markenname der Jugendwinterspiele, die noch bis Donnerstag in der Provinz Gangwon stattfinden. Sie sind eine Maßnahme zur Zweitverwertung jener Sportstätten in Gangneung und dem Landkreis Pyeongchang, in denen Südkorea vor sechs Jahren die 23. Olympischen Winterspiele unter dem Markennamen PyeongChang 2018 mit großem Mittel-C veranstaltete. Pyeongchang wiederum steht zugleich für eine große deutsche Niederlage. Pyeongchang war der Kandidat, der 2011 bei der Vergabe die Bewerbung Münchens ausstach. Viele Deutsche beklagten damals, dass ihre Wintersportliebe gegen die Berechnung eiskalter Tourismusplaner verloren habe. Und heute kann man sich hier also anschauen, was aus den Ski- und Eislandschaften geworden ist, die Südkorea einst in die Ecken der Taebaek-Berge setzte.

Hahm Sung-ho kennt den Wert des Aufschwungs: "Gangneung war damals wirklich arm."

Die wichtigsten Anlagen stehen noch, die großen Eishallen im Olympiapark von Gangneung, der Retortenort Alpensia in Pyeongchang mit Skiresort, Schanzenanlage, Bob-Bahn, Biathlon- und Langlaufstadion. Für die Jugendspiele wirkten sie manchmal überdimensioniert, aber die Fachleute waren begeistert. Und wenn man dem Einheimischen Hahm Sung-ho zuhört, muss man wohl zugestehen, dass nicht alles kurzsichtig ist, was koreanisches Kommerzdenken entstehen lässt. Hahm Sung-ho ist Anfang der 1950er-Jahre im Koreakrieg geboren. Er hat als junger Mensch ein Südkorea erlebt, das sich unter autoritärer Führung aus bitterer Not herauskämpfte. "Gangneung war damals wirklich arm", sagt Hahm Sung-ho. Er kennt den Wert des Aufschwungs. Und er weiß, dass man dafür was tun muss.

Hahm erinnert sich noch an die Kritik vieler Menschen in Gangwon, denen die Olympiapläne zu irrsinnig vorkamen. Aber: "Im Nachhinein dachten viele sehr positiv über Olympia in Pyeongchang." Vor allem der Expresszug KTX von und nach Seoul, der für die Spiele kam, habe Gangneung geholfen. "So viele Leute kommen jetzt hierher, davon profitiert die örtliche Wirtschaft", sagt Hahm.

Wintersport in Südkorea: Vor den Spielen wussten offenbar die wenigsten Südkoreaner, was Curling ist - das hat sich geändert.

Vor den Spielen wussten offenbar die wenigsten Südkoreaner, was Curling ist - das hat sich geändert.

(Foto: Joe Toth/AP)

Der Expresszug ist das beste Argument für alle, die die Idee gut fanden, Olympia als Anreiz für Investitionen in Südkoreas strukturschwachen Nordosten zu holen. Es musste etwas passieren hier, das war für Gangwons Regionalregierung klar, bevor man sich zur Bewerbung entschloss. Gerade der Landkreis Jeongseon wollte zusätzliche Einnahmen aus dem Ski-Tourismus, um seine Vergangenheit als Kohleminenstandort besser zu überwinden. Heute kann man sich fragen, ob der Preis dafür zu hoch war. Am Berg Gariwang musste ein Wald mit seltenen Bäumen weichen für eine geeignete Abfahrtspiste. Wiederaufforstung war die Bedingung, aber dann folgte ein jahrelanger Streit, weil Anwohner und Bürokraten zumindest einen Teil des abgeholzten Gebiets für den Tourismus bewahren wollten.

Mittlerweile ist klar, dass der Wald wieder aufgeforstet wird, die Olympiagondel zum Gipfel soll vorerst bis Ende 2024 bleiben. Von den olympischen Speed-Skirennen 2018 bleibt am Ende wohl vor allem die Erinnerung an den Aufwand, den sie verursachten. Die Alpinwettbewerbe der Jugendspiele fanden woanders statt, im nahe gelegenen High-1-Resort. Dieses ist seit 2006 in Betrieb und eines der größten Skigebiete Koreas, aber eine kleine Portion im Vergleich zu den Ski-Konsumlandschaften der Alpen.

Der Verkauf des hoch verschuldeten Alpensia-Resorts beschäftigte bald die Staatsanwaltschaft

Und das Alpensia-Resort auf dem Gebiet der Gemeinde Daegwallyeong im Landkreis Pyeongchang ist auch sechs Jahre nach dem Weltsportfest ein seltsames Ensemble, bei dem man nicht genau weiß, ob man es schön oder deplatziert finden soll. Viele Loipen gibt es nicht in Korea, deshalb sind die Biathlon- und Langlaufanlagen im Winter ein Anlaufpunkt. Majestätisch ragt der Schanzenturm auf. Die Aussichtsplattform kann man besuchen, und der Zielraum dient als Fußballplatz, wenn sich der Winter verzogen hat.

Aber der Unterhalt dieser drei Anlagen kostet die Provinz Gangwon jedes Jahr viel Steuergeld. Immerhin wurde sie 2021, nach mehreren Versuchen, das hoch verschuldete Alpensia-Resort mit Skipisten, Hotelanlage, Golfplatz und Spaßbad los. Die Verzweiflung muss damals groß gewesen sein, jedenfalls nahm die Staatsanwaltschaft bald Ermittlungen auf wegen des Verdachts der unlauteren Absprache. Bei der Auktion erhielt eine Tochtergesellschaft des Mischkonzerns KH Group den Zuschlag für 711,5 Milliarden Won, umgerechnet 493 Millionen Euro. Einziger Mitbieter war ein anderes Tochterunternehmen der KH Group. Choi Moon-soon, damals Gouverneur von Gangwon, erklärte den relativ niedrigen Preis im Juli vor seiner Befragung bei der Staatsanwaltschaft vage mit "einem Prozess, in dem ich mich um den Verkauf bemüht habe".

Aber dann trifft man Arram Kim von der PyeongChang-2018-Legacy-Stiftung, und auf einmal scheint sogar eine Bob-Bahn im Niemandsland des Schlittensports Sinn zu ergeben. Bei Olympia war Arram Kim Renndirektor der Skeletonwettbewerbe, außerdem zuständig für olympische Bildung. Nach den Spielen sah er, dass praktisch niemand im Organisationskomitee einen Plan für das Erbe der Spiele hatte. Er wollte sein Programm zur Erziehung durch Sport an Schulen weiter anbieten können, also gründete er eine eigene Stiftung. Als Südkoreas Regierung im März 2019 endlich selbst eine Legacy-Stiftung auflegte, übernahm er dort die Bildungsabteilung. Und jetzt strahlt er vor Stolz.

"Sie haben die Medaillen gewonnen, weil wir unsere Bahn für alle geöffnet hatten."

Arram Kim erzählt von seinem Jugendprogramm. 35 000 Kinder und Jugendliche aus ganz Südkorea habe er in den vergangenen drei Jahren zu Wintersport-Camps mit diversen Schnupperkursen in Gangwons Olympiasportstätten gebracht. 20 000 Kinder seien über weitere Programme als Zuschauer zu den Jugendspielen gekommen. Und er erzählt von den Medaillen, die Abkömmlinge aus seiner Akademie mit anfangs 100 Jugendlichen aus Afrika und Südostasien gewonnen haben. 25 von diesen schafften es über die Akademie, sich für die Jugendspiele zu qualifizieren. Zwei landeten auf dem Podest mit dem Monobob des Internationalen Bob- und Skeleton-Verbandes (IBSF). Agnese Campeol aus Thailand und Jonathan Lourimi aus Tunesien holten jeweils Silber.

"Sie haben die Medaillen gewonnen, weil wir unsere Bahn für alle geöffnet haben", sagt Arram Kim. Für Thailand sei Pyeongchang jetzt eine Art Leistungswintersportstützpunkt, nicht nur für Bobfahren. Nationen wie Indien oder Taiwan hätten Interesse bekundet. So komme auch Geld in die Gemeinde. Vor allem die Bob-Bahn scheint sich zu bewähren. Vergangene Woche unterzeichnete die IBSF eine Absichtserklärung, wonach die Bahn ein Standort für Asien-Cup- und Weltcup-Rennen werden soll. Außerdem will die IBSF ihr Asienbüro und eine eigene Akademie in Pyeongchang platzieren. Wo vor zwanzig Jahren nicht viel mehr war als Bergwald und brachliegendes Ackerland, ist jetzt Asiens Schlittenmetropole. Was für eine Karriere.

Jede Nation hat ein Recht auf die Wintersportwirtschaft, die es sich leisten kann. Und der reiche Tigerstaat Südkorea kann sich viel leisten. Ob die extreme Investition den Landkreis Pyeongchang auf Dauer wirklich weiterbringt, kann man wahrscheinlich erst in zehn Jahren sagen, wenn die tourismusfeindlichen Zeiten der Pandemie weiter zurückliegen.

Dass Olympia kein Wintermärchen ist, sondern ein Geschäft, dessen Folgen man bedenken muss, zeigen die Sportschlösser der 2018-Spiele jedenfalls schon jetzt. Auch der Olympiafreund Hahm Sung-ho in Gangneung sagt über die großen Hallen seiner weitläufigen, alternden 210 000-Seelen-Stadt: "Der Unterhalt ist teuer." Dafür ist Curling jetzt tatsächlich Teil der lokalen Gesellschaft. Gangneungs Rathaus finanziert "Team Kim", jene zielsichere Frauenriege, die 2018 und 2022 Olympiasilber gewann. Und vergangenes Jahr fanden in Gangneung die Weltmeisterschaften statt - die der Senioren.

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