Olympische Jugendspiele:Mit dem Sport ganz schön ausgelastet

Olympische Jugendspiele: Wenig Zeit für Seitenblicke: Die Rodlerinnen Sadie Martin und Haidyn Apple Bunker aus den USA rasen durch den Eiskanal im Alpensia Sliding Centre von Gangwon.

Wenig Zeit für Seitenblicke: Die Rodlerinnen Sadie Martin und Haidyn Apple Bunker aus den USA rasen durch den Eiskanal im Alpensia Sliding Centre von Gangwon.

(Foto: Handout via Reuters)

Bei den Olympischen Jugendspielen in Südkorea messen sich die besten Nachwuchstalente auf höchstem sportlichen Niveau. Ob der Wintersport angesichts der Klimaerwärmung eine Zukunft hat, muss da ein Randthema bleiben.

Von Thomas Hahn, Jeongseon

Was man schon kann, muss man nicht mehr lernen, und gewinnen kann Nash Huot-Marchand schon, das ist eindeutig. Im Riesenslalom der Olympischen Jugendspiele in Gangwon war der 17-jährige Franzose aus Courchevel der Beste vor dem Briten Zak Carrick-Smith und dem Österreicher Florian Neumayer. Und jetzt steht er also auf der höchsten Stufe des Podests, strahlt nicht wie ein begeisterter Jugendlicher, sondern lächelt entspannt wie ein reifer Sieger. Zufrieden schaut er zu, wie sie für ihn die französische Flagge aufziehen. Textsicher singt er die Marseillaise mit. Und davor klang er auch nicht schüchtern, als er erzählte, dass Vereinskollege Alexis Pinturault, der dreimalige Weltmeister in der Erwachsenenklasse, eine Inspiration für ihn sei.

Der Ort des Triumphs ist nicht gerade glanzvoll. Eine Piste im High1-Ski-Resort von Jeongseon. Gegenüber endet der Jupiter-Sessellift. Auf einer flachen Abfahrt schlittern achtlos südkoreanische Skiurlauber vorbei. Aber dieser junge Huot-Marchand verleiht dem Ort die Aura eines Siegesgewissen. Seine professionelle Souveränität erzählt davon, dass hier gerade einer eine Lehre zum Champion macht.

Bunt und freundlich laufen die Olympischen Jugendspiele in Südkoreas Provinz Gangwon vor sich hin. Am vergangenen Freitag ging es los mit einer Eröffnungsfeier um Jugendträume und den Zauber der Zukunft in der Eisschnelllaufarena von Gangneung. Regierungschef Yoon Suk-yeol war auch da neben Thomas Bach, dem unvermeidlichen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Und nun sind die 1802 jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 78 Nationen also beschäftigt mit ihren Wettkämpfen in den Sportstätten der großen Spiele von 2018 sowie mit dem Bildungsauftrag, den sich das IOC für sein Nachwuchsolympia gegeben hat.

Jeder junge Sportler wird diesen Bildungsauftrag auf seine Weise auf sich wirken lassen, der Siegertyp Huot-Marchand anders als die Thailänderin Agnese Campeol, die im Monobob Silber gewann und damit die erste Olympiamedaille ihres Heimatlandes bei Winterspielen holte. Aber übersehen kann ihn niemand. In den beiden olympischen Dörfern von Gangneung und Jeongseon ist jeweils ein Bildungsparcours aufgebaut, in dem die Nachwuchsathleten spielerisch erfahren sollen, wie man sich zum Beispiel gegen Spielmanipulation wappnet oder Verletzungen vorbeugt.

Die 15- bis 18-jährigen Talente, die hier bei den Jugendspielen antreten, bereiten sich für eine Karriere auf schwindendem Terrain vor

Um Umweltschutz geht es dabei nicht, und damit umgeht das IOC die wohl komplizierteste Frage der Wintersporterziehung im fortschreitenden 21. Jahrhundert. Denn auch der Klimawandel schreitet ja voran. Alle Aspekte des Lebens sind betroffen, auch der Sport, ganz besonders der Alpinsport. Die passende Unterlage auf geeigneten Hängen herzustellen, erfordert jetzt schon einen Energieaufwand, der nicht gut zum Anspruch des Klimaschutzes passt. Die 15- bis 18-jährigen Talente, die hier bei den Jugendspielen antreten, bereiten sich gerade auf eine Karriere im schmelzenden Terrain vor. Wie reden die Sportverbände mit ihnen darüber? Wie motivieren sie den Nachwuchs einerseits für eine Zukunft auf Ski? Wie vermitteln sie ihm andererseits ein Bewusstsein für das allgegenwärtige Umweltproblem?

"Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass wir 2050 immer noch Ski fahren werden", sagt Thomas Braun, Vorstand Sportentwicklung und Bildung im Deutschen Skiverband (DSV). Er sitzt in einem der Hoteltürme des Jeongseon-High1-Ski-Resorts. Hier, im futuristisch anmutenden Gebäudekomplex neben den Pisten im früheren Kohleminengebiet der Stadt Gohan, ist auch das olympische Dorf für die Alpinen untergebracht. Der DSV ist zufrieden in Gangwon, das kann Thomas Braun sagen. Schöne Unterkünfte, gute Organisation, erstklassige Sportstätten.

Und die Medaillenbilanz ist gut, unter anderem gewann der 17-jährige Benno Brandis vom TSV Durach Gold im Super-G. Als DSV-Vertreter denkt Braun in diesen Tagen vor allem an den Leistungssport. Es geht um Podestplätze, aber vor allem um einen Eindruck im Weltvergleich. Ist der eigene Nachwuchs fahrtechnisch und athletisch auf dem Stand der internationalen Altersgenossen? Das sei die wichtigste Frage, "unabhängig von Medaillen". Braun hat einen guten Eindruck, und er kann auch erklären, warum.

Olympische Jugendspiele: Gold im Super-G: Benno Brandis vom TSV Durach.

Gold im Super-G: Benno Brandis vom TSV Durach.

(Foto: Joel Marklund/AP)

Es entwickelt sich ein Gespräch über dosiertes Krafttraining für Kinder im Verein und den Vorzug hauptamtlicher Trainer in den Nachwuchsleistungszentren für U16-Talente. Wollte man nicht eigentlich über Sporterziehung und Klimawandel reden?

Thomas Braun lenkt nicht ab. Aber Jugendolympia ist nun mal eine Sportveranstaltung, und der DSV hat den Auftrag, Könnerinnen und Könner auf Ski zu entwickeln. Da kann man nicht schludern bei den praktischen Fragen der Wettkampfkultur. Jugendolympia ist deshalb auch nicht der ideale Rahmen für Bildungsprogramme. Das deutsche Team der Alpinen ist jedenfalls mit dem Sport schon ganz gut ausgelastet seit der Anreise zwei Tage vor der Eröffnungsfeier. Training, Hangbesichtigung, volles Wettkampfprogramm. "Und nach dem letzten Wettkampftag sind wir schon wieder weg", sagt Thomas Braun. "Die Zeit ist sehr eng."

Bewusstsein für das Umweltproblem muss man ohnehin anders herstellen, findet er. Das Thema ist zu groß für Bildungsparcours im Olympiadorf, es erfordert eine nachhaltige Skifahrereinstellung und Lehren aus der Praxis. Thomas Braun sieht wegen der wärmeren Durchschnittstemperaturen zwar noch keinen dramatischen Rückgang der Skifahrerzahlen, im Gegenteil. "Unsere Skischulen, in denen Kinder das Skifahren lernen, sagen: Wir sind voll." Trotzdem sind die Probleme deutlich. Skischulfahrten werden weniger. Und es gibt ein Image-Problem bei Umweltbewussten, weil die das Skifahren mit langen Autoanfahrten und hohem Energieverbrauch verbinden. "Der Skisport polarisiert sehr stark", sagt Braun - gerade deshalb muss man mit dem Nachwuchs darüber sprechen.

Bei den Jungen sei Umweltbewusstsein vorhanden, sagt der Vorstand für Sportentwicklung und Bildung im DSV

"Wir versuchen das schon, aber meistens auf einer sportlichen Basis", sagt Thomas Braun. Es geht darum, klimabewusstes Handeln vorzuleben, Wettkämpfe auf schneesichere Zeiten zu verlegen oder Trainingslehrgänge zu verlängern. "Weil wir wissen, dass ein klimaschädlicher Input durch An- und Abreise kommt, fährt man halt nicht mehr zweimal für vier Tage ins Sommertrainingslager nach Saas-Fee, sondern für einen Zwölftagesblock mit einem Pausentag." Thomas Braun hat das Gefühl, das Umweltbewusstsein ist durchaus schon drin in den Köpfen seines Jugendolympia-Teams. "Da sagt hier schon mal einer: Da sitzt einer im warmen Auto und lässt den Motor laufen."

Aber eigentlich denken bei den Olympischen Jugendspielen alle an was anderes. An den Sport, an ihre Leistung, an das Erlebnis, bei einem außergewöhnlichen Ereignis zu sein. Wahrscheinlich hätte einer wie der Ski-Begabte Nash Huot-Marchand sogar ein Problem, wenn er zu viel an den Klimawandel denken würde. Er muss an eine gesunde Zukunft seines Sports glauben, sonst kann er die Karriere gleich beenden, die noch gar nicht richtig angefangen hat.

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