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Tennis:Wimbledon fällt aus

Findet 2021 statt: Wimbledon.

(Foto: AFP)
  • Wimbledon wird in diesem Jahr nicht stattfinden. Das Tennisturnier in London soll erst 2021 wieder ausgespielt werden.
  • Es ist die erste Absage des Traditionsturniers seit dem zweiten Weltkrieg.

In den Tennisclubs des Landes hatte die Lotterie für das aus Sicht der Briten natürlich bedeutendste Tennisturnier der Welt längst begonnen. Mitglieder der LTA, der Lawn Tennis Association, haben eine doppelte Chance auf den Hauptgewinn der Saison: ein Ticket für das Tournier direkt vom Veranstalter - oder über ihren jeweiligen Club. Glückskinder wollten sich zwischen dem 29. Juni und dem 12. Juli mit Sitzkissen und Proviant im Londoner Süden einfinden - wie jedes Jahr.

Ziehung und Ticketvergabe wurden allerdings bis auf weiteres verschoben. Die Tennisnation wartete am Mittwoch gespannt auf die Absage des Turniers. Wegen der Corona-Epidemie war bereits das gesamte Profitennis bis zum 13. Juli auf Eis gelegt worden; die French Open sind auf Ende September verlegt. In Wimbledon war vorab nur eines klar gewesen: Keinesfalls wollte man vor leeren Rängen spielen. Entweder ganz - oder gar nicht. Am Nachmittag kam dann das Urteil: gar nicht. Der berühmte All England Lawn Tennis and Croquet Club Limited (AELTC), auch bekannt als The Club, sagte "mit großem Bedauern" das Turnier ab. Man haben dabei die Gesundheit aller Beteiligter im Auge gehabt, also von Zuschauern, Spielern, Mitgliedern, Angestellten, Freiwilligen und Anwohnern.

Erste Absage seit 1945

Seit der ersten Austragung im Jahre 1877 haben nur zwei Ereignisse dafür gesorgt, dass Wimbledon aussetzen musste: die beiden Weltkriege. Die Corona-Pandemie sorgt nun dafür, dass die Siegerlisten 2020 nicht aufgefüllt werden. Unten die Sieger des 10er-Jahrzehnts:

2010: Rafael Nadal, Serena Williams

2011: Novak Djokovic, Petra Kvitova

2012: Roger Federer, Serena Williams

2013: Andy Murray, Marion Bartoli

2014: Novak Djokovic, Petra Kvitova

2015: Novak Djokovic, Serena Williams

2016: Andy Murray, Serena Williams

2017: Roger Federer, Garbiñe Muguruza

2018: Novak Djokovic, Angelique Kerber

2019: Novak Djokovic, Simona Halep

Es sei, teilt der Club mit, der "Verantwortung für die Gesellschaft geschuldet, gemeinsam dieser Gefahr für unsere Lebensweise" zu begegnen." "Our way of life" - dazu gehört für die Organisatoren offenbar auch das historische Rasenturnier, und nicht nur für sie. Für viele Briten, und nicht nur für Tennisfans, war die Nachricht ein Schock. Kein Wimbledon, zum ersten Mal seit 1945 - das ist ein Einschnitt, den die BBC umgehend als Breaking News verbreitete und entsprechend intonierte: Die Zeichen an der Wand seien unübersehbar gewesen, und auf etwas anderes als eine Absage zu setzen, "war eine "vergebliche Hoffnung".

Die komplette Rasensaison ist bereits beendet

Während auf Sportkanälen und in der BBC in den vergangenen Tagen gleich reihenweise Spieler und Manager interviewt wurden, die fanden, es gebe - wegen der Corona-Krise - eben keine andere Lösung als eine Absage, hatte man sich beim All England Club Zeit gelassen. Am Geld allein konnte es nicht liegen.

Das Organisationskomitee hat den Wettbewerb tatsächlich gegen eine Pandemie versichert. Die Alternative, eine Verlegung in den Herbst, hätte viele Probleme mit sich gebracht: Wetter- und Lichtverhältnisse sowie die Qualität der Unterlage, des kurz geschorenen Rasens, wären ungleich schwerer herzustellen. Die Rasensaison währt in der Regel nur sechs Wochen. Wimbledon versucht es nun wieder im Juni 2021, kurz bevor die verschobenen Olympischen Spiele beginnen. Veranstalter der Aufwärmturniere in Eastborne, Nottingham, Birmingham und im Londoner Queen's Club warteten noch auf die Entscheidung vom Mittwoch. Das dortige Nein bedeutet nun das komplette Ende der Rasensaison. Abgesagt werden auch die Turniere in Stuttgart, Halle, Berlin und Bad Homburg. Für die US Open, die Mitte August in New York starten sollen, wurde noch keine endgültige Entscheidung getroffen.

The spread of the coronavirus disease (COVID-19) in London

Versteinert: In diesem Jahr fliegen keine Filzbälle durch Wimbledon. Im Hintergrund die Büste des dreimaligen Siegers Fred Perry.

(Foto: Dylan Martinez/Reuters)

Aber etwas anderes als ein Nein wäre in diesem Jahr eine Überraschung. Derzeit sind, wie in vielen anderen Ländern der Welt auch, alle Vereine Großbritanniens verrammelt; britische Tennisfans, die sonst bei Wind und Wetter und sogar bei Schneetreiben, ausgerüstet mit Handschuhen und dicken Wollmützen, der vielleicht englischsten aller Sportarten frönen, haben höchstens Gelegenheit, auf der Wimbledon-Webseite das längste Match der Historie zwischen John Isner und Nicolas Mahut aus dem Jahr 2010 anzuschauen. Judy Murray, Mutter von Andy und Jamie, zeigt sich in der Krise besorgt-optimistisch: "Die ganze Welt versucht derzeit, das Virus zu besiegen. Wir müssen kreativ sein und für die Zeit planen, wenn wir die Türen wieder öffnen können." Solange müsse man alte Spiele anschauen und Erdbeeren mit Sahne essen - sich also einbilden, es sei Sommer. Murray hatte allerdings in ihrer Aufzählung die Pimm's vergessen: kein Wimbledon-Sommer ohne den klebrigen Sommercocktail.

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