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Nicolas Kiefer:"Wenn Adidas auch Mundschutzmasken herstellen würde, wäre das ein starkes Zeichen"

Corona Pandemie Hannover (Schutzmasken von Kiwifash / Nicolas Kiefer)

"Wichtig ist vor allem, dass die Menschen sich geschützt fühlen": Nicolas Kiefer, 42, mit einer seiner Masken.

(Foto: Florian Petrow/OH)

Ex-Tennisprofi Nicolas Kiefer produziert mit seinem Modelabel neuerdings Schutzmasken. Ein Gespräch über soziale Verantwortung und Verzicht.

Nicolas Kiefer zählte um die Jahrtausendwende herum zu den erfolgreichsten deutschen Tennisprofis. Im Januar 2000 war der nun 42-Jährige Vierter der Weltrangliste. Er gewann sechs Turniere, legendär wurde eine Niederlage. Kiefer und Rainer Schüttler vergaben im Finale der Olympischen Spiele in Athen 2004 vier Matchbälle. Ihre Silber-Tränen berührten damals die Tenniswelt. Heute lebt Kiefer in Hannover und unterstützt neuerdings als Unternehmer ein aufgrund der Corona-Pandemie unerwartet dringliches Projekt: die Herstellung von Mund- und Nasenschutzmasken.

SZ: Herr Kiefer, Sie sind offensichtlich der erste Sportler oder Ex-Sportler, der aktiv mitwirkt, Mund- und Nasenschutzmasken herzustellen. Wie kam es dazu?

Nicolas Kiefer: Es hat sich bei mir so ergeben, dass ich seit 2017 bei einer Modefirma ein eigenes Label habe. Angelehnt an meinen Spitznamen heißt die Marke Kiwifash. Eigentlich machen wir Freizeitkleidung, inzwischen gibt es auch eine Tenniskollektion. Kürzlich kam Geschäftsführer Holger Gartz auf mich zu und sagte: Wir müssen helfen! Ich war sofort begeistert.

War die Produktionsumstellung schwer?

Das war kein Problem. Es geht ja nicht um komplizierte Schnittmuster. Wenn man sich den Markt an Masken ansieht, ist allen klar, dass wir in einer schwierigen Lage sind. Es gibt viel zu wenige. Im Ausland sind kaum welche aufzutreiben. Unsere werden in Kassel hergestellt. Sie haben also das Qualitätssiegel Made in Germany.

Die Preise schießen überall in die Höhe, selbst Bundesgesundheitsminister Jens Spahn staunte geschockt über die Preisexplosionen und nur schwer aufzutreibende Masken. Ihre kostet auch 34,95 Euro.

Natürlich kann unsere Maske nicht den Preis haben, den Sie zum Beispiel für eine Maske aus China zahlen müssten. Und selbst da sind die Preise explodiert. Wir stellen aber dafür in Deutschland her, alles entsteht hier in Handarbeit. Und unsere Maske ist wiederverwendbar. Man kann sie waschen. Man wirft sie einfach in die Kochwäsche bis 95 Grad. In der heutigen Zeit ist das alles von großem Vorteil. Unsere Maske lässt sich auch personalisieren, Sie können sie mit Ihrem Namen versehen lassen. Wichtig ist aber vor allem, dass die Menschen sich geschützter fühlen und vor allem andere schützen.

Auf Ihrer Internet-Seite (kiwi-onlineshop.de) weisen Sie darauf hin, dass Sie bevorzugt Kommunen und Sozialstationen beliefern würden.

Wenn man die Nachrichten sieht, wie sehr Ärzte und Pfleger arbeiten, um irgendwie die Sache in den Griff zu kriegen, ist klar: Dort werden die Masken am dringendsten benötigt. Wir versuchen zu helfen, wo wir helfen können. Es wird ja bereits diskutiert, ob eine Mundschutzpflicht kommen soll. Je breiter die Produktion gestreut werden kann, in Deutschland und weltweit, desto besser ist das doch für die Gesellschaft. Wir sitzen jetzt wirklich alle im selben Boot. Wir wissen, dass wir keine Massenproduktion betreiben, in Kassel werden bis zu 300 Masken am Tag angefertigt. Aber wir haben den Vorteil, dass wir in Deutschland produzieren. Dadurch geht die Auslieferung viel schneller.

Wie wirkt sich die Stilllegung des öffentlichen Lebens auf Ihre berufliche Lage aus?

Auch ich muss damit klarkommen, dass erst mal nichts mehr planbar ist. Eigentlich wäre ich jetzt in Thailand gewesen. Als Markenbotschafter des Robinson Clubs hätten wir dort gerade ein Tennisevent gehabt. In vier Wochen wäre ich dann in der Türkei gewesen. Die Clubs haben alle geschlossen. Das ist schlimm für die Angestellten. Schlimm ist die Krise aber auch für die kleineren und mittelständischen Betriebe. Ich versuche, auch um die Ecke einzukaufen. Selbst kleine Taten können helfen. Ansonsten - ich wohne ja seit eineinhalb Jahren in Berlin - arbeite ich beim SCC Berlin als Trainer. Wir haben eine tolle Jugendarbeit. Ich spiele dort in der Herren-40-Mannschaft, wir wurden ja letztes Jahr deutscher Meister. Aber alles pausiert gerade. Für die Kinder tut mir das besonders leid. Die sind hungrig und mit großem Spaß bei der Sache. Ich selbst bin begeisterter Marathonläufer geworden, ich wollte nun in Tokio starten und in Boston. Mein Ziel ist, die großen sechs Marathons zu laufen, also noch in Chicago, London und New York. Berlin habe ich schon geschafft.

Der Konzern Adidas steht gerade in der Kritik, weil er eine für normale Mieter gedachte Regel ausnutzt und keine Miete für seine Läden zahlen will. Was denken Sie da als Beteiligter eines kleines Labels?

Ich kann am Ende des Tages nur von mir sprechen. Aber ich will es mal so sagen: Wenn eine Firma wie Adidas auch Mundschutzmasken herstellen würde, wäre das ein starkes Zeichen an die Gesellschaft.

Und wie erleben Sie privat die Situation?

Uns geht es wie so vielen, die wenigstens das Glück haben, sicher zu Hause zu sein. Wenn man aus dem Fenster schaut, hat man das Gefühl, jeder Tag ist Sonntag. Es ist eine schwere Zeit. Aber sie ist vielleicht eine Chance für die Gesellschaft und den Sport, dass man wieder runterkommt. Die Gesellschaft, die so oft im Überfluss lebt, muss auch mal nachdenken darüber, was wichtig ist. Sie muss lernen zu entschleunigen, zu verzichten. Diese Erdung kann guttun - wenn es etwas Gutes in der jetzigen Situation überhaupt geben kann. Auf den Fußball bezogen muss man sich doch fragen, ob ein Transfer über 100 Millionen Euro noch angemessen und wichtig ist. Oder ob ein Spieler 20 Millionen verdienen muss. Vieles wird jetzt relativiert.

Eine Frage zum Tennis: Glauben Sie, dass in dieser Saison überhaupt noch Profiturniere auf den Touren stattfinden?

Ein schwieriges Thema. Tennis ist ein Sport, auf den sich die Pandemie besonders auswirkt. Die Turniere finden global statt, die Spieler und Fans reisen aus der ganzen Welt an. Die Profis sind nicht wie die Fußballer regional vor Ort. Das vergrößert natürlich die Chance, dass jemand das Virus wieder mitbringt. Da Tennis auch eine Publikumssportart ist, ist es noch komplizierter. Und die Turniere können sich nicht einfach auf Stand-by bereithalten und binnen kurzer Zeit eine aufwendig zu organisierende Veranstaltung durchführen. Das braucht alles Vorlauf. Auch wenn es schwerfällt: Es wird noch lange dauern, bis wir die Filzbälle wieder sehen.

Wenn Sie sich in die Profis hineinversetzen: Wie schwer ist dieses Warten für sie?

Ganz schwer. Sie können ja nicht mal trainieren. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass die ATP Tour von heute auf morgen sagt: Es geht weiter! Wahrscheinlich heißt es: Okay, in vier oder sechs Wochen geht es los! Man muss dann auch über neue Lösungen nachdenken. Dann gibt es eben keine Winterpause. Dann wird im November und Dezember durchgespielt, dort, wo es klimatisch gehen könnte. Ich bin nach wie vor ein großer Tennis-Fan und würde mich auch freuen, wenn wieder gespielt wird. Aber über allem muss die Sicherheit und Gesundheit aller stehen.

© SZ vom 30.03.2020/tbr
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