bedeckt München 12°
vgwortpixel

Abstiegsangst bei Werder Bremen:Bonjour Tristesse

SV Werder Bremen v 1. FC Union Berlin - Bundesliga

Werden jetzt auch offen kritisiert: die Spieler von Werder Bremen.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)
  • Bei Werder Bremen ist die Stimmung nach der Heimniederlage gegen Union Berlin schlecht.
  • Die Spieler wusste zwar, was falsch gelaufen war - sie hörten sich aber an, als sei die Niederlage geradezu unvermeidbar gewesen.
  • Zum eingeschlagenen Weg mit Trainer Florian Kohfeldt gibt es trotzdem keine Alternative.

"Abstiegsgefahr" ist ein abstraktes Wort. Abstiegsgefahr besteht, wenn man eine Fußball-Mannschaft im Ligabetrieb gemeldet hat, sie gehört zu den latent vorhandenen Lebensrisiken. Aber doch nicht für Werder Bremen! Kein Verein hat mehr Spiele in der Bundesliga absolviert als die Bremer, die noch nie so schlecht gewesen sind, dass sie zwischendurch nicht doch mal Borussia Dortmund besiegen können. Siebeneinhalb Millionen Zuschauer haben am Dienstag das 3:2 gegen den BVB im Achtelfinale des DFB-Pokalwettbewerbs im Fernsehen verfolgt. Nein, dieser SV Werder steigt nicht ab.

Seit Samstag ist die abstrakte Gefahr, die Zugehörigkeit zur ersten Liga zu verspielen, an der Weser allerdings einer konkreten Wahrscheinlichkeit gewichen. "Die Spiele werden immer weniger", stellte Sportchef Frank Baumann ganz richtig fest und analysierte sodann das Problem an diesen immer weniger werdenden Spielen: "Wir brauchen noch viele Punkte."

Immer weniger Spiele für immer mehr fehlende Punkte? Man muss kein Mathematiker sein, um auszurechnen, wie es um Werder Bremen bei jetzt schon vier Zählern Rückstand auf den rettenden Platz 15 steht. Dennoch wird der Verein an Trainer Florian Kohfeldt festhalten: "Das müssen wir nicht jeden Spieltag neu diskutieren", sagte Frank Baumann. Der Bremer Treueschwur zum Trainer steht.

"Es nützt nichts, jetzt rumzuheulen", sagt Leonardo Bittencourt

Das 0:2 gegen Union Berlin war dabei in vielerlei Hinsicht der Tiefpunkt einer an Tiefpunkten reichen Saison. Wie Höhlenforscher haben die Bremen ja vor allem in Heimspielen erkundet, ob es nicht doch noch ein bisschen weiter runter geht. 0:1 gegen Paderborn, 0:5 gegen Mainz, 0:3 gegen Hoffenheim. Aber die Pleite gegen den Aufsteiger aus der Hauptstadt, mit einer unvorstellbar blutleeren Vorstellung nur vier Tage nach dem Fußballfest im Pokal? Bonjour Tristesse. Lasst alle Hoffnung fahren.

"Es nützt nichts, jetzt rumzuheulen", sagte Leonardo Bittencourt später und wollte dabei vermutlich entschlossener klingen, als er es tat. Zuvor hatte er sehr gut analysiert, was seiner Mannschaft für einen Erfolg gegen Union alles gefehlt hatte: Entweder hätte sie "Tiefe" in ihr Spiel bringen müssen, oder, in Ermangelung derselben, "Effizienz" bei den wenigen Chancen zeigen sollen. Beides misslang.

Das kann gegen eine fies defensive Mannschaft wie Union Berlin auch mal passieren, den Bremern passiert es inzwischen aber regelmäßig. Seine Spieler hätten den Plan "voll umgesetzt", freute sich Trainer Urs Fischer. Natürlich hatten die Berliner gesehen, welche Räume Werder unter der Woche von Borussia Dortmund angeboten bekommen hatte, "ihnen diese Räume heute nicht zu geben, bedurfte eines großes Aufwands", sagte Fischer. Seine Mannschaft habe sich einfach "nicht locken lassen" - und zwei Konter, vollendet jeweils von Marius Bülter (52./72. Minute), entschieden die Partie. Mehr ist nicht nötig, um Werder zu schlagen. "Wir haben den Kopf verloren", klagte Werder-Coach Kohfeldt, "ich bin sehr enttäuscht."

Bedenklich aus Bremer Sicht ist, dass die Spieler zwar wussten, was falsch gelaufen war - dass sie sich aber anhörten, als sei die Niederlage geradezu unvermeidbar gewesen. "Wenn eine Mannschaft so tief steht, können nur Bayern und Dortmund viele Chancen herausspielen", sagte Leonardo Bittencourt. Und Kapitän Niklas Moisander sagte: "Union hat das gut gemacht, wir haben zu langsam gespielt." Zum Glück kämen nun die Partien gegen Leipzig, Dortmund, Frankfurt - "wir spielen oft besser gegen die großen Mannschaften". Dabei haben die Bremer in der Hinrunde auch gegen die großen Mannschaften, die ersten sechs der Tabelle, lediglich zwei Auswärts-Unentschieden geholt.

Die Euphorie vom Dortmund-Spiel ist verflogen

Das ist also angesichts der krassen Heimschwäche auch eine eher vage Hoffnung, und bisher hat sich ohnehin jeder Silberstreif am Horizont als Fata Morgana erwiesen: Auswärtssiegen folgten Heimpleiten, die Rückkehr verletzter Spieler verpuffte, die Winter-Transfers stoppten den Negativ-Flow auch nicht. Und nicht einmal eines der berühmten Werder-Wunder wie der unerwartete Sieg gegen Dortmund hallt positiv nach. Schon im Bus zum Stadion habe er "kein gutes Gefühl" gehabt, sagte Florian Kohfeldt später. Die Euphorie vom Dienstag war bereits verflogen.

Nun soll es "deutlich ungemütlicher" werden im eher beschaulichen Bremen, so hat es der Sportchef Frank Baumann angekündigt. Weil "ein wichtiges Spiel ein Stück weit verschenkt worden" sei, indem "Leidenschaft, Überzeugung und Mumm" gefehlt hätten, würden die Spieler jetzt "schärfer angepackt, auch intern". Baumann ist ein besonnener Mensch, einer, an dessen Tonfall man nie heraushören könnte, ob gerade Borussia Dortmund zerlegt oder Werder Bremen gedemütigt worden ist. Vom Temperament her steckt da kein Wolf im Schafspelz.

Auffällig bleibt, dass das gesamte Krisenmanagement um den Trainer einen großen Bogen macht. Baumann sieht in den Spielern die Alleinverantwortlichen, nicht im Trainer: "Flo kann keine Tore schießen oder verhindern", der Trainer habe den Spielern "definitiv Lösungen angeboten", Kohfeldt und sein "Staff" täten alles, was in ihrer Macht stünde. Nun müsse man die Mannschaft auch mal "öffentlich anzählen" - es klang eher wie eine flehentliche Bitte an die Journalisten, diese Aufgabe zu übernehmen, als wie eine Rüge des Vorgesetzten. "Ganz nett" sei alles, was Werders Elf anbiete, sagte Baumann, "aber nett ist nicht das, was wir brauchen".

Nach wie vor gilt Kohfeldt im Verein als ein Bessermacher, Spieler kämen sogar nur wegen dieses Trainers nach Bremen, sagte Baumann - der viel beschworene "Werder-Weg", ohne das ganz große Investment eine bestimmte Marke in der Liga zu prägen, besteht derzeit allein aus diesem Trainer. Scheitert Kohfeldt, scheitert der Werder-Weg; scheitern dessen Erfinder, Baumann und Aufsichtsratschef Marco Bode, scheitert der Verein. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Werder-Weg zur Sackgasse wird, ist sehr viel größer geworden.

© SZ vom 10.02.2020/ebc
Bundesliga Dortmund schlägt sich wieder selbst

Sieben-Tore-Partie in Leverkusen

Dortmund schlägt sich wieder selbst

Eigentlich sieht der BVB in einem spektakulären Spiel wie der sichere Sieger aus - und fängt sich plötzlich in 80 Sekunden zwei Tore. Die Verantwortlichen suchen nach Erklärungen.   Von Milan Pavlovic

Zur SZ-Startseite