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Cheerleading in der NFL:Zurück zum Sport

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Ein Bild aus der Vergangenheit: Washingtons Football-Team schafft seine rein weibliche Cheerleader-Truppe ab.

(Foto: UPI Photo/imago)

Das NFL-Team aus Washington schafft die von Skandalen umrankte Cheerleading-Abteilung ab. Manche sehen darin ein Ablenkungsmanöver des Eigentümers.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Von ihrem umstrittenen Namen hat sich die Football-Franchise aus Washington D.C. schon getrennt: Die Washington Redskins sind Vergangenheit. Rothäute passen nicht mehr in die Zeit. Und nun also der nächste Schritt: Die Choreografin Petra Pope, gab das Washington Football Team (WFT), wie es derzeit heißt, nun bekannt, werde sich künftig um all das kümmern, was sie im US-Sport "Gameday Entertainment and Experience" nennen. Also: das Drumherum beim Stadionbesuch. Und Pope will aus dem Cheerleading tatsächlich wieder einen Sport machen beim WFT, mit einer gemischten Truppe, die nicht mehr aussehen soll wie eine Männerphantasie aus dem Patriarchat des späten 20. Jahrhunderts.

Wer so progressive Nachrichten verkündet, muss allerdings damit rechnen, dass aus diesem Anlass auch die Skandale vergangener Jahre noch mal thematisiert werden, wegen denen es solche Entscheidungen überhaupt erst braucht. Und mit der Football-Franchise verhält es sich nach dem Verkauf an den Unternehmer und Filmproduzenten Dan Snyder, 56, im Jahr 1999 so: Von einem landauf, landab respektierten Klub in der US-Profiliga NFL (drei Super-Bowl-Siege in den Jahren 1983, 1988, 1992 sowie zwei Titel davor, 1937 und 1942) wurde man zur Lachnummer der Liga und hat mehr Skandale angehäuft als Playoff-Teilnahmen.

Die 1962 gegründete Cheerleading-Abteilung? Die hieß, ehe sie vor einem Monat dichtgemacht wurde, tatsächlich The First Ladies of Football. Und vor allem der Patriarch Snyder soll die Tänzerinnen eher nicht in erster Linie als Sportlerinnen gesehen haben. So soll er 2004 eine Tänzerin gebeten haben, mit einem seiner Freunde aufs Hotelzimmer zu gehen, "um sich gegenseitig besser kennenzulernen". Dem Leiter der Abteilung soll er gedroht haben, ihn "umzubringen", sollten die Cheerleader nicht allesamt seinem bevorzugtem Frauentyp entsprechen. Snyder hat diese Vorwürfe bestritten.

Sexuelle Nötigung soll zur Kultur der Franchise gehört haben

Unstrittig ist hingegen, dass die jungen Frauen 2013 bei einem Fotoshooting in Costa Rica unbekleidet fotografiert wurden. Und zwar vor Publikum: Es kamen Sponsoren und Logenbesitzer, allesamt Männer, danach sollen neun von 36 Cheerleaderinnen aufgefordert worden sein, die Gäste in einen Nachtclub zu begleiten. Bei Dreharbeiten 2008 und 2010 sollen Mitarbeiter aus Material, das im offiziellen Clip verabredungsgemäß nicht verwendet wurde, jeweils inoffizielle Kurz-Videos mit Nacktszenen erstellt haben - für Snyder persönlich. Der bestritt das erneut, obwohl der Washington Post die Videos vorlagen. Nach einer Klage von Tänzerinnen kam es offenkundig zu einer außergerichtlichen Einigung, bei der Snyder 1,6 Millionen Dollar bezahlt haben soll.

Alles keine Einzelfälle also. Die New York Times berichtete schon 2018, dass sexuelle Nötigung vor allem der Cheerleaderinnen quasi zur Kultur der Football-Franchise gehöre.

Dabei ist Cheerleading, das darf man nicht vergessen, ein ernstzunehmender Sport. Es begann als koordiniertes Anfeuern: Im Februar 1877 stand der Ruf "Hurrah! Hurrah! Hurrah! Tiger! S-s-s-t! Boom! A-h-h-h!" in der Studentenzeitung der Princeton University. Das körperlich anstrengende Anfeuern war zunächst reine Männersache, von 1923 an machten auch Frauen mit. Während des Zweiten Weltkriegs wurde daraus ein Sport, den umständehalber vor allem Frauen ausübten. Die Männer waren ja bei der Armee.

Dann kam allerdings bald eine andere Konnotation dazu: Im Herbst 1967 lief eine Stripperin, ihr Name war Bubbles Cash, bei einem Spiel der Dallas Cowboys die Tribüne herunter, sie hatte sich Zuckerwatte gekauft und nicht viel mehr an als ihre Arbeitskleidung. Das sorgte für derart viel Aufregung bei den vor allem männlichen Zuschauern, dass der Cowboys-Manager Tex Schramm alle männlichen Tänzer entließ - und die Outfits der weiblichen Cheerleader so gestalten ließ, dass sie wie das von Bubbles Cash aussahen: Hot Pants, Bustier, Jäckchen, Pom-Poms als Ersatz für die Zuckerwatte. Sie wurden America's Sweethearts genannt, ein paar Jahre später gab es einen Aufsehen erregenden Pornofilm über sie.

Einerseits ist das Cheerleading also ein Sport, den sogar spätere US-Präsidenten wie Dwight D. Eisenhower, Franklin D. Roosevelt und George H. W. Bush ausübten. Andererseits hatte Dan Snyder durchaus Vorbilder, als er, wie es schon 2009 im Washington City Paper hieß, "diese Kunst in jedem Jahr mehr und mehr zu Pole Dancing" machte, also zu einer Art Striptease.

Mehr Varieté als Tanz, das ist der Plan

Das soll sich nun ändern. "Die Fans dürfen sich auf ein einzigartiges Erlebnis freuen", sagt Petra Pope, die davor unter anderem die Cheerleading-Abteilungen der Basketball-Klubs Los Angeles Lakers und New York Knicks verantwortet hatte. Sie wolle den Fokus auf die sportlichen Aspekte legen und zum Beispiel auch auf Kalender mit Fotos leichtbekleideter Cheerleaderinnen verzichten: "Es wird eine gender-neutrale und vielfältige Truppe sein mit Stunts, Kostümen und Tricks, die mit den besten Entertainment-Angeboten der Welt mithalten kann." Also: mehr Varieté als Tanz, doch da liegt womöglich auch wieder ein Problem. Julia Camacho, in den vergangenen zwei Spielzeiten im Cheerleading-Team, sagt etwa: "Das sind alles nur schöne Begriffe. Es ist viel leichter, das Wort 'Cheerleading' loszuwerden, als die Kultur innerhalb des Vereins zu ändern."

Der Vorwurf: Man tut so, als wäre der Cheerleading-Sport das Problem und nicht der Typ, der daraus eine sexistische Show gemacht hat.

Zumal einem das Muster bekannt vorkommt: Dan Snyder hatte erst im vergangenen Jahr - und vor allem auf finanziellen Druck zahlreicher Sponsoren hin - erklärt, auf den rassistisch belegten Spitznamen Redskins verzichten zu wollen. Knapp ein Jahr später hat er noch immer keinen neuen präsentiert, was den Verdacht nährt, er habe lediglich die Kritiker zum Schweigen bringen wollen - ohne neuen Namen gibt es immer noch viele, die "Redskins" sagen. Und nun sieht es ein bisschen so aus, als wolle Snyder mit dem Verzicht auf Cheerleading und dem neuen Entertainment-Programm lediglich Gras über all den Dreck wachsen lassen, den er in den vergangenen 22 Jahren so angehäuft hat.

© SZ/cca
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