Skispringen:Der erfolgreiche Deutsche bei der Vierschanzentournee

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Keine Scheu vor weiten Sprüngen: Philipp Raimund war bei der 71. Vierschanzentournee einer von wenigen Deutschen, die häufiger jubeln durften. (Foto: Lisi Niesner/Reuters)

Während seine erfahrenen Kollegen ihre Form suchten, sprang der 22-jährige Philipp Raimund eine traumhafte Tourneepremiere, wurde zweimal bester Deutscher. Sein Trainer schwärmt von "extrem guten Voraussetzungen".

Von Volker Kreisl, Bischofshofen

Irgendwann auf dieser Vierschanzentournee hat jemand einmal den deutschen Skisprungtrainer Stefan Horngacher gefragt, worin denn die Stärken von Philipp Raimund liegen, diesem jungen, dem deutschen Verband wie bestellt in die Mannschaft gesprungenen Skispringer. Der Bundestrainer zählte dann auf, was Raimund alles schon gut kann, im Ergebnis glich es einem Zwischenzeugnis voller Einsen mit Stern. Sei dessen sonnige Art wirklich immer so wahrhaftig, fragte jemand, und Horngacher stimmte zu. Und dann grübelte der Trainer noch ein bisschen und schob nach, dass der Junge manchmal schon ein bisschen zu viel rede, sein Redebedarf aber wohl sonst kein Gegenüber finde: "Ich frage mich manchmal", sagte Horngacher, "ob der keinen Friseur hat."

So wie Philipp Raimund aus Oberstdorf aussieht, lässt auch er seine Haare von einem Profi schneiden. Sein Gesicht war bis zuletzt aber noch weniger bekannt, weil der Verband junge Talente weniger den Medien vorführt. Spätestens nach dieser Tournee hat sich das erledigt, denn Neuling Raimund hat seine öffentliche Karriere mit beachtlichen Sprüngen eröffnet. Während seine gereiften Teamkollegen unter dem Druck der Tournee fast alle ihre Form verloren, krankheitshalber oder psychologisch bedingt, kam der 22-jährige Allgäuer immer besser in die Spur. Seine Tourneebilanz hat einen Aufwärtstrend, er wurde 14., 15. 13., belegte am Schluss Rang zwölf. Im Gesamtklassement war er als Dreizehnter zweitbester Deutscher, zwei Plätze hinter Andreas Wellinger, dem Olympiasieger.

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Ganz so erstaunt zeigt sich allerdings niemand beim Skiverband über diese Entwicklung. Wie von selbst verbreitet sich die Nachricht von einer neuen Begabung, insbesondere dann, wenn die etablierten Topspringer allmählich älter werden und neue Kräfte sie mal entlasten können. Schon früh hat Raimund die Jugend- und Juniorenklassen mitbeherrscht, wie es ein Talent nur kann, wenn es sorgenfrei auftritt. Bei Raimund, der an der Schanze, vor allem nach dem Sprung gerne spricht, scheint das Wort Sorge im Vokabular zu fehlen.

Anders gesagt: "Der scheißt si nix", formuliert Karl Geiger auf die Frage von Raimunds Stärke, was bei Skispringern eine hohe Respektbekundung darstellt. Sein junger Vereinskamerad habe es beim Oberstdorfer Auftaktspringen regelrecht "gefeiert, wie voll das Stadion war". Aufgesaugt habe er diesen Moment, diese Emotionen, erinnert sich Geiger. Und vor allem: Anders als andere junge, vom Respekt gehemmte Springer, gehe Raimund ohne Scheu auch auf jene zu, die der Neuling nur aus dem Fernsehen kennen kann. In etwa so, sagt Geiger: "Hey, dich kenn ich doch schon, du kennst mich zwar nicht, aber ich kenn dich!"

Hohe Sprungkraft, gutes Flugsystem, korrekte Skiführung - Raimund hat viele Stärken

Gut getan hat diesem Talent auf jeden Fall, dass die Trainer ihn im November noch einmal aus dem Weltcup nahmen und im zweitklassigen Continental-Cup antreten ließen. Davor hatte Raimund wieder in Klingenthal und Wisla die alten Fehler in seinem Flugsystem gezeigt. Bei seinen Junioren-Kollegen sprang er dann erstmals wieder gegen seine Generation, denn Horngacher war der Meinung, für den jungen Springer sei neben einigen technischen Fertigkeiten auch das Selbstbewusstsein wichtig. So habe Raimund mit den Erträgen aus zwei Wochen Trainingspause und Siegen im Conti-Cup noch einmal viel gewonnen.

Dann begann die Tournee und Raimund zeigte, was Horngacher in seinem Zwischenzeugnis meinte. "Er hat extrem gute Voraussetzungen", sagte Horngacher in diesen Tagen. Der junge Oberstdorfer führe eine überdurchschnittliche Sprungkraft mit sich, die alleine aber reicht für einen guten Springer nicht aus. Er muss auch in der Lage sein, an die Grenze zu gehen, wenn er sich beim Absprung am Schanzentisch ins Nichts hinausstürzt. Vom Typ her sei Raimund "unbekümmert", findet Horngacher, "der haut sich da raus".

Hat keine Scheu, seine Emotionen zu zeigen: Philipp Raimunds Gesprächigkeit im Auslauf der Schanzen geht manchmal sogar ein bisschen zu weit. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Irgendwann ist bei jedem Talent auch Schluss mit dem Trainerlob, bei Raimund setzte Horngacher aber seine Beschreibung erst mal noch fort. Nachdem er sich da rausgehauen habe, entfalte Raimund ein "gutes Flugsystem", weil er ja auch bereits über eine entsprechend fortgeschrittene Skiführung verfüge. Vier Tage später, im ersten Durchgang von Bischofshofen, bei seinem besten Sprung während dieser Tournee, war das zu besichtigen. Auf 136 Meter kam er, am Ende war er wie schon in Innsbruck der beste Deutsche.

Die Aufgabe für die Zukunft dürfte nun sein, diesen Springer an die Routine zu gewöhnen. Und alle von Raimunds Talenten möglichst gut weiterzuentwickeln, ohne zu viel zu verlangen. Auch seine Neugierde und Gesprächigkeit im Auslauf der Schanzen sollte Raimund ein wenig bremsen. In einem Sport, in dem es um kleine Tricks und speziell eingestelltes Material geht, muss man nicht jedem alles erzählen. "Seine offene Art ist ja positiv", sagt Horngacher, aber ab irgendwann könne er das ganze Erzählen "dann auch wieder einstellen".

Macht nichts, dafür gibt's ja Friseure. Nach dieser langen Tournee und den folgenden Weltcups könnte nach der Rückkehr nach Oberstdorf ein Haarschnitt nicht schaden. Zudem, mit dem Sprung Raimunds unter die besten 15 der Welt hat sich viel Gesprächsstoff angestaut. Sein Friseur wird wohl nicht zu Wort kommen.

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