VfB Stuttgart Stand jetzt wird alles anders

Michael Reschke: Pinocchio des Monats

(Foto: Marijan Murat/dpa)

VfB-Vorstand Michael Reschke gibt offen zu, vor der Entlassung von Trainer Korkut "geflunkert" zu haben und wird nun dafür kritisiert. Er hätte sich besser an Niko Kovac orientiert.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Der Pinocchio des Monats Oktober 2018 geht an Michael Reschke. Dieser Preis ist ihm nicht mehr zu nehmen. Der Sportvorstand des VfB Stuttgart muss deshalb nicht gleich fürchten, dass ihm eine unschöne lange Nase wächst, auch Niko Kovac sieht noch fast so aus wie im April 2018. Damals wurde ihm von einer kritischen Öffentlichkeit diese imaginäre Trophäe zugesprochen. Den Pinocchio - diverse Medien zogen Kovac sogar via Bildbearbeitung die Nase zum Rüssel in die Länge - bekam er für die folgende Rhetorik-Schleife: "Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass ich im nächsten Jahr hier nicht Trainer bin. Punkt. Stand jetzt ist es so, wie es ist."

Stand damals war Kovac Trainer bei Eintracht Frankfurt. Stand heute ist er Trainer beim FC Bayern, was kaum zwei Wochen später bereits besiegelt war.

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Solch ein Pinocchio, jener Hampelmann aus dem italienischen Kinderbuch, dessen Holznase von Schwindelei zu Schwindelei länger wurde, wird heute auf dem Transfermarkt verliehen. Und zwar, sobald trickreich um Ablösesummen gefeilscht wird oder Trainer auf ihrem Schleudersitz in Entlassungsgefahr geraten. Weil VfB-Manager Reschke am Sonntag den Knopf am Sitz ohne Warnung drückte, wird er nun mit jenen Sätzen konfrontiert, die er direkt nach dem 1:3 des Tabellenletzten in Hannover am Abend zuvor sprach: Nein, man führe keine Trainerdiskussion, nein, die Frage nach der Zukunft von Tayfun Korkut, 43, stelle sich nicht, aber ja, man wolle "den Bock gemeinsam umstoßen". Wenige Stunden später war Korkut gefeuert und durch Markus Weinzierl, 44, ersetzt.

Umgehend legte der Bund Deutscher Fußball-Lehrer Beschwerde gegen diese Art des beschleunigten Verfahrens ein ("hat mit seriösem Fußball nichts zu tun"). Und gegenüber der dpa äußerte sich nun Ottmar Hitzfeld, 69, als Senior-Anwalt seiner Zunft: Kein guter Stil sei das, so der Champions-League-Sieger-Trainer von Dortmund (1997) und vom FC Bayern (2001): "Man sollte offen miteinander umgehen." Doch entspricht das der Realität? Passt das in diese Zeit, in der die Lüge, "Fake-News", auf diversen Politikfeldern die Umgangsformen ruiniert?

Das Bundesliga-Management ist gerade dabei, sich für heikle Personalfragen eine eigene Vokabel anzueignen. "Flunkern", erklärte jüngst Rudi Völler, Geschäftsführer in Leverkusen, gehöre zum Handwerk. Auch Reschke beruft sich auf diesen kleinen Bruder der Lüge: "Ein bisschen Flunkern gehört in meinem Job dazu." Sogar die Anständigsten unter uns allen, so hat es die Wissenschaft ja längst bewiesen, flunkern und notlügen in ihrem Alltag tagtäglich immer mal.

Hitzfeld fordert aber völlig zu Recht, dass es selbst in einer Zwangslage souveräner als beim VfB zugehen müsse. Auch wenn man nicht wisse, ob der Trainer bleibe oder über Nacht gefeuert werde, sei guter Stil eine Frage der Formulierung. Hitzfeld meint, "eine Hintertür" müsse stets offen gehalten werden. Es hätte demnach schon geholfen, hätte sich der neue Pinocchio-Preisträger Reschke an Vorgänger Kovac orientiert. Dessen Frankfurter Rhetorik-Schleife aus dem April zählt heute zum Zitatenschatz der Liga. "Stand jetzt ist es so ...", so hätte sich also auch Reschke die Hintertür wenigstens einen Spalt breit offen halten können, "dass wir den Bock gemeinsam umstoßen wollen."

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