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VfB Stuttgart:Neue Diskussionen statt der erhofften Ruhe

07.11.20 VfB Stuttgart - Eintracht Frankfurt Deutschland, Stuttgart, 06.11.2020, Fussball, Bundesliga, Saison 2020/2021

Als Profi wurde er mit dem VfB 2007 deutscher Meister, als Vorstandschef kämpft er um die Deutungshoheit über den Klub: Thomas Hitzlsperger, 38.

(Foto: Robin Rudel/Sportfoto Rudel/Imago)

Obwohl Thomas Hitzlsperger nicht mehr als Präsident kandidiert, geht es beim VfB turbulent weiter. Denn auch Widersacher Claus Vogt könnte künftig ohne Amt dastehen.

Von Christoph Ruf, Stuttgart

Am Sonntagabend ist mal wieder das Wort vom "Paukenschlag" gefallen, als die neueste Wendung im nicht enden wollenden Führungsstreit beim VfB Stuttgart bekannt wurde. Doch bei einem Verein, in dem die Pauke derzeit mindestens so oft erklingt wie die Buschtrommel, mit der beide Lager für sich werben, führte das am Montag längst wieder zu neuen Diskussionen. Dabei hatte Thomas Hitzlspergers Ankündigung, seine Kandidatur als Vereinspräsident zurückzuziehen, zunächst wie die Verheißung friedlicherer Zeiten geklungen. "Wir brauchen wieder Ruhe im Verein", hatte der Vorstandsvorsitzende des VfB geschrieben. "Mit meiner Entscheidung will ich meinen Teil dazu beitragen."

Sein Antipode, der Präsident des e.V., Claus Vogt, ließ sich kurz darauf vom Sportinformationsdienst mit dem Satz zitieren, er habe diesen "Schritt erwartet". Für ihn ist Hitzlsperger Rückzug aber wohl kein Grund zur Freude. Schließlich deutet derzeit einiges darauf hin, dass hinter den Kulissen bereits eine Vorentscheidung für die Neuwahl gefallen sein könnte, nach der weder Hitzlsperger noch Vogt künftig Präsident wären.

Die Kandidaten für die Wahl durch die Mitglieder kann laut Satzung nur der Vereinsbeirat nominieren, der damit eine Vorauswahl trifft. Und es deutet vieles darauf hin, dass das achtköpfige Gremium, in dem die Mehrheitsverhältnisse bei 5:3 für das Hitzlsperger-Lager liegen, nun auch Vogt nicht zur Wiederwahl vorschlagen wird. Zwei mögliche Begründungen gäbe es für diesen Schritt.

Ein Vereinsbeirat sucht per Headhunter geeignete Kandidaten

Die erste Begründung wäre, dass nach dem Rückzug von Hitzlsperger nur dann der Vereinsfriede gewahrt wäre, wenn auch dessen Gegner nicht kandidieren darf. Das würde aber diejenigen Mitglieder empören, die den Eindruck haben, dass der Konflikt von vornherein nur die Funktion hatte, Vogt loszuwerden. Andere sind den Dauerstreit leid und würden wohl jeden Bewerber wählen, der dessen Ende verspricht. Derzeit sucht der Vereinsbeirat per Headhunter geeignete Kandidaten - ob als Ergänzung zu Vogt oder an dessen Stelle, ist unklar. Volker Zeh, ein Unternehmer aus dem nahen Remstal, will auf jeden Fall kandidieren.

Einen zweiten Grund, Vogt gar nicht erst zur Wiederwahl zuzulassen, könnte er selbst geliefert haben. Dass der 51-jährige Unternehmer in der vergangenen Woche die für den 18. März als Digitalveranstaltung konzipierte Mitgliederversammlung gegen den Willen der Gremien auf den September gelegt hat, hat die Gräben im Verein noch mal sichtbar gemacht - und weiter vertieft. Inhaltlich begründete Vogt seine Entscheidung damit, dass die gegenwärtigen Zerwürfnisse und die Affäre um die mutmaßlich illegale Weitergabe von 35 000 Mitgliederdaten so schwerwiegend seien, dass die Mitglieder die Möglichkeit haben müssten, sich in einer Präsenzveranstaltung zu Wort zu melden. Nur diese gewährleiste eine "offene, ehrliche und transparente Kommunikation". Zudem habe es der VfB bereits 2019 nicht geschafft, ein stabiles W-Lan-Netz für die erstmals online stattfindenden Abstimmungen bereitzustellen. Die Angst vor Manipulationen hat das nicht gemindert.

Vogts Sicht der Dinge haben sich Teile der Anhängerschaft angeschlossen, die befürchten, dass ein potenzieller Nachfolger von Vogt nicht mehr mit der Energie versuchen würde, jene Machenschaften aufzuklären, die ein Zwischen-Testat der Agentur Esecon jüngst bestätigte. Dem Lager um die Vogt-Gegner in den Gremien, das von Aufsichtsrat Wilfried Porth und den Präsidiumsmitgliedern Bernd Gaiser und Rainer Mutschler angeführt wird, unterstellen sie, kein Interesse an einer Aufklärung von Vorgängen zu haben, die in einen Zeitraum fallen, als sie bereits an den Schaltstellen der Macht saßen. Möglicherweise liegt schon am Dienstag der endgültige Esecon-Bericht vor, in dem auch Namen leitender Angestellter stehen sollen, die die bisherigen Ermittlungen erschwert oder behindert haben.

Am Montag wurde zudem ein Aufruf veröffentlicht, den fast 120 Fanklubs unterschrieben haben. Man habe "das Gefühl einer tiefgehenden Enttäuschung und eines massiven Vertrauensverlustes. Immer noch steht eine Vielzahl von Vorwürfen gegenüber verschiedenen Organen aus AG und e.V. im Raum". Auch VfB-Ehrenpräsident Erwin Staudt hätte offenbar Bauchschmerzen, wenn der gewählte Präsident nicht zur Wiederwahl zugelassen würde. In der Bild sagte er, dass nach seinem "Demokratie-Verständnis der Amtsinhaber, der von den Mitgliedern gewählt wurde, wieder zugelassen werden muss, sofern er das möchte".

Konkrete Gründe gegen Vogt sind aus den Gremien kaum zu erfahren

Unabhängig von den neuen Entwicklungen stellen sich viele VfB-Sympathisanten seit Wochen die Frage, warum die Machtkämpfe das alles beherrschende Thema rund um einen Verein sind, der sportlich positive Schlagzeilen schreibt. Konkrete Gründe, warum eine Wiederwahl Vogts schlecht für den Verein wäre, sind aus den Gremien kaum zu erfahren. Zu hören ist, dass Vogt zuweilen die Sitzungen nicht stringent genug führe und die Abläufe verlangsame. Das Wort "Populismus" fällt hier ebenfalls häufig. Seine Ankündigung, die Mitgliederversammlung zu verlegen, werten seine Gegner hingegen als endgültigen Beweis, dass eine konstruktive Zusammenarbeit mit ihm nicht möglich sei.

Allem Anschein nach geht es beim VfB im Kern um einen Kulturkampf, der auch bei anderen Profiklubs in milderer Form hinter den Kulissen ausgetragen wird und der um die Schlagworte Effizienz versus Mitbestimmung kreist. Die Fronten bleiben also verhärtet - nach dem nächsten Paukenschlag, der mit der Vorlage des Esecon-Berichtes erfolgen dürfte, dürfte das nicht anders werden. Zumal sich gerade mit Blick auf den Deutschen Fußball-Bund in Frankfurt, wo die Forensiker von Esecon ebenfalls Vorgänge prüfen, noch eine weitere Frage aufdrängt: Inwieweit diese Kanzlei dort, wo sie angeheuert wird, auch selbst zur Partei werden könnte.

Dabei hat es vor gar nicht langer Zeit eine echte Chance gegeben, den Konflikt beizulegen. In einem Acht-Augen-Gespräch zwischen Hitzlsperger und Vogt sowie den beiden Mediatoren Helmut Schulte (Ex-St. Pauli-Trainer und Hitzlsperger-Vertrauter) sowie dem ehemaligen DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig soll man kurz davor gewesen sein, eine Lösung zu finden, die für beide Seiten akzeptabel hätte sein können. Hitzlsperger hätte dabei auf eine Kandidatur verzichtet, während Vogt sich aus dem Präsidialausschuss zurückgezogen hätte und Mitspracherechte im sportlichen Bereich verloren hätte. Eine goldene Brücke, wie es schien. Doch auch die wurde nicht betreten. Es soll nicht Hitzlsperger, sondern ein Aufsichtsrat gewesen sein, der dafür gesorgt hat, dass die Lösung schließlich abgelehnt wurde.

© SZ/hoe/jkn
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29.01.21 VfB Stuttgart - 1. FSV Mainz 05 Deutschland, Stuttgart, 29.01.2021, Fussball, Bundesliga, Saison 2020/2021, Vf

MeinungHängende Spitze
:Wamangituka for President!

Claus Vogt und Thomas Hitzlsperger haben sich im Machtkampf beim VfB Stuttgart völlig verheddert? Wir hätten da einen Lösungsvorschlag. Nichts zu danken, gern geschehen.

Von Claudio Catuogno

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