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VfB Stuttgart im Abstiegskampf:Fragil wie ein Kleinkind

Thomas Schneider VfB Stuttgart

Thomas Schneider: nach sieben Niederlagen in Serie zunehmend in der Kritik

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Nur noch ein paar Tore besser als der Relegationsrang: Nach sieben Niederlagen in Serie und grundlegenden Schwächen im Team wachsen die Zweifel an Thomas Schneider. Noch stärkt Sportchef Fredi Bobic aber seinen Trainer.

Von Tobias Schächter, Stuttgart

Das, wovor sie beim VfB Stuttgart am meisten Angst gehabt haben, ist am Samstag nicht eingetreten: Die Stimmung ist nicht gekippt. Trotz dieses verflixten 1:2 gegen Hertha BSC Berlin. Drei Minuten vor Abpfiff der regulären Spielzeit hatte Sandro Wagner den Siegtreffer für Berlin geköpft. Ohnmächtig wirkte da fast ein ganzes Stadion, die VfB-Anhänger unter den 45.700 waren fassungslos. Die berüchtigten "Bruddler", die sonst oft nach dem ersten Fehlpass mit dem Nörgeln beginnen, verließen entweder sofort die Arena oder sie sackten wortlos in ihre Sitze auf der Haupttribüne.

Als die Spieler nach 93 Minuten in die Cannstatter Kurve schlichen, erlebten sie diesmal nicht Ablehnung und Beleidigungen wie zuletzt nach den 1:4-Untergängen gegen Augsburg und in Hoffenheim. Sofort nach Abpfiff ertönte die Bekennerschnulze "VfB, ich steh zu dir", die Fans in der Kurve verabschiedeten die Profis mit Solidaritätsapplaus und Aufmunterungsgesten in einen elenden Feierabend. Es hat sich bezahlt gemacht für den VfB, unter der Woche spottbillige Tickets anzubieten und eine "Zusammenhalten"-Kampagne zu starten - die Stimmung ist nicht gekippt. Wenigstens nicht noch das.

Erinnerungen an Egon Coordes

Doch Punkte gewonnen hat der VfB wieder nicht. Zum siebten Mal hintereinander hat die Elf ein Spiel verloren, so schlecht waren die Stuttgarter nur einmal, vor 27 Jahren. Damals hieß der Trainer Egon Coordes, ein Mann, an den sie beim VfB eher nicht mehr erinnert werden wollten. Diesmal heißt der Trainer Thomas Schneider; als der im September das Amt vom ungeliebten Bruno Labbadia übernommen hatte, herrschte Aufbruchsstimmung.

Doch die ist so schnell verflogen, als wäre sie nie da gewesen. Nur sechs Monate später ist Abstieg nicht mehr nur ein Wort für den VfB, sondern eine reale Gefahr. Der VfB steht nur noch ein paar Törchen besser als der HSV auf Relegationsrang 16 und nur ein Pünktlein besser als der Tabellenvorletzte Freiburg. Ein kleines Erfolgserlebnis wie ein mögliches 1:1 gegen Hertha hätte den geplagten Spielern neues Selbstvertrauen geben können.

Aber diese Mannschaft schafft es derzeit nicht, sich selbst zu helfen. Ihr Gesamtzustand ist so fragil wie der eines Kleinkindes, das unbedingt laufen will, es aber noch nicht kann und immer wieder hinfällt. So ein Kind braucht Hilfe, das spürt das Publikum. Doch wie viele Niederlagen hält dieser Schulterschluss noch? "Wir brauchen die Trendwende", sagt Sportchef Fredi Bobic: "Wir müssen Spiele gewinnen."

Hoffnung machen zwei Rückkehrer

Fredi Bobic steht weiter zu seinem Trainer. Doch die Zweifel wachsen von Niederlage zu Niederlage, ob die Aufgabe, diese Krise zu bewältigen, für Schneider nicht zu groß ist. Nach innen verschärfte der junge Trainer vergangene Woche Ton und Trainingsintensität, er hat schon oft personell gewechselt, Spieler wie Niedermeier und Harnik degradiert und jetzt wieder integriert. Aber vom System her hält er an einer offensiven Ausrichtung mit entweder zwei Spitzen und zwei offensiven Außenbahnspielern wie in Hoffenheim oder einer Spitze und drei weiteren offensiven Kräften wie gegen Hertha stoisch fest.

Talente wie Werner verlieren die Unbekümmertheit

So aber schafft es die Mannschaft nicht, kompakt aufzutreten. Talente wie der im zentralen Mittelfeld überforderte Rani Khedira oder vorne Timo Werner haben ihre Unbekümmertheit verloren. Und hinten scheint es egal, wo Niedermeier, Schwaab oder Rüdiger in der Viererkette spielen - in der aktuellen Situation fehlt auch ihnen die erforderliche mentale Härte, um wenigstens ein 1:1 über die Zeit zu verteidigen.

Schneider sagt, für ihn sei wichtig gewesen zu sehen, dass die Mannschaft lebe, er sei überzeugt, dass man die Aufgabe gemeinsam stemmen könne. Dass die Geduld des Vereins endlich ist, ahnt aber auch Schneider, nachdem Präsident Bernd Wahler in der vergangenen Woche erklärt hatte, in der Bundesliga gebe es auf ewig generell keine Jobgarantie. Die nächsten Gegner heißen Frankfurt, Braunschweig und Hamburg, der Druck wird auch für Schneider immer größer.

Hoffnung setzt der Trainer in die Rückkehr der Leistungsträger Christian Gentner und Moritz Leitner, die nächste Woche wieder einsatzbereit sind; auf Stürmer Vedad Ibisevic (gesperrt) müssen die Schwaben allerdings noch drei Spiele warten. Doch ob diese zweifellos wichtigen Kräfte auch sofort Stärke und Stabilität zeigen?

Schneiders Vorgänger Bruno Labbadia hatte im Kern ja recht, als er zum Verdruss von Spielern, Funktionären und Publikum immer wieder darauf hingewiesen hatte, dass diese Mannschaft nicht gut genug sei für höhere Ambitionen. Sie ist aber auch sicher nicht so schlecht, wie sie derzeit unter Schneider spielt. Nur muss sie jetzt plötzlich beweisen, ob sie Kraft genug hat, einen möglichen Abstieg zu vermeiden. Umbrüche können schmerzhaft verlaufen - für den VfB in dieser Saison vielleicht zu schmerzhaft.

© SZ vom 24.02.2014/bwa
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