Verpasster Aufstieg des KSC:"Als hätte uns jemand das Herz rausgerissen"

Bundesliga-Relegation - Karlsruher SC - Hamburger SV

Am Boden: Dimitrij Nazarov vom Karlsruher SC

(Foto: dpa)
  • Der Karlsruher SC trauert um den verpassten Einzug in die Bundesliga. Der Zweitligist war mit 1:2 nach Verlängerung im Rückspiel der Relegation am Hamburger SV gescheitert.
  • Ein umstrittener Pfiff des Schiedsrichters leitete die Niederlage ein - KSC-Spieler Meffert soll Hand gespielt haben. Er bestreitet das.
  • KSC-Sportdirektor Jens Todt kündigt einen neuen Anlauf an - vermutlich ohne Angreifer Reinhold Yabo.

Von Matthias Schmid, Karlsruhe

Reinhold Yabo konnte nicht mehr aufstehen, er lag auf dem Fußballfeld des Wildparkstadions, mit dem Bauch nach unten. Minutenlang. Der Rasen verdeckte sein Gesicht, der Spieler des Karlsruher SC wollte nichts mehr sehen. Es hätte sein Abend werden können, ein Spiel, das einen das Leben lang begleiten wird. Die Geschichte wäre fast schon zu gut gewesen. Gerade eingewechselt hatte der 23-Jährige den Führungstreffer gegen den Hamburger SV im Relegationsspiel zur ersten Bundesliga erzielt, ausgerechnet der Fußballprofi, der sich politisch engagiert und im Gemeinderat von Karlsruhe sitzt. Doch in der ersten Minute der Nachspielzeit beendete ein unberechtigter Freistoß von HSV-Profi Marcelo Díaz jäh alle Karlsruher Heldengeschichten. In der Verlängerung gelang den Hamburgern dann das Siegtor.

"Es tut so weh, es fühlt sich an, als hätte uns jemand das Herz rausgerissen", sagte Yabo, als er sich wieder aufgerafft hatte. Seine Augen waren noch feucht, als er versuchte, das Erlebte zu beschreiben. "Wir waren so nah dran, wirklich so nah", bekannte Yabo.

Für den Mittelfeldspieler und den KSC endete am Montagabend eine erfolgreiche Saison auf brutale Art und Weise. "Es ist wahnsinnig bitter", klagte Trainer Markus Kauczinski, "uns haben nur drei, vier Minuten zum Aufstieg gefehlt."

Seine Mannschaft setzte alles daran, um gegen den am Schluss verzweifelt anrennenden HSV zu bestehen. Doch Schiedsrichter Manuel Gräfe hatte etwas dagegen. Er sah 18 Meter vor dem Tor in zentraler Position ein regelwidriges Handspiel von Jonas Meffert, eine sehr umstrittene Entscheidung. Díaz zirkelte den Ball zum 1:1 ins Tor. Abpfiff, Verlängerung, HSV-Siegtor durch Nicolai Müller.

Hand! Oder doch nicht?

Um kaum eine Fußballregel gibt es so viele Diskussionen wie um die Nummer 12 im Fifa-Regelwerk. Diese löst regelmäßig Unverständnis und Ärger aus - auch beim Relegationsspiel zwischen dem Karlsruher SC und Hamburger SV. Dabei gibt die Fifa nur ein Kriterium vor, das ein Handspiel strafbar macht: Absicht. Der Schiedsrichter pfeift nur, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist. Zur Beurteilung der Situation achten die Unparteiischen auf verschiedene Kennzeichen. Sie bewerten die Bewegung der Hand zum Ball, die Entfernung zwischen Gegner und Ball und achten auf die Position der Hand. Zudem dürfen die Spieler den Ball nicht mit einem Gegenstand in der Hand berühren - etwa Schienbeinschoner oder Schuh. Klingt eigentlich einfach, ist es aber oft nicht. (tbr)

Ein Pfiff des Schiedsrichters schrieb also die Karlsruher Geschichte um. "Das war kein Freistoß", sagte Meffert, "ich hatte die Hand angelegt." Auch sein Trainer fand den Pfiff mehr als zweifelhaft. "Ich habe keine Vergrößerung des Körpers erkennen können", fügte Kauczinski hinzu. Der Elfmeterpfiff zu ihren Gunsten in der 120. Minute konnte keinen von ihnen besänftigen, im Gegenteil. "Den hätte er sich sparen können", kritisierte Meffert. HSV-Keeper René Adler hielt sowieso gegen Rouwen Hennings.

KSC nimmt wieder Anlauf

Die Karlsruher müssen nun mit dieser unglücklichen Entscheidung in die Sommerpause gehen. Gegen die spielerisch überlegenen Hamburger hatten sie noch mal ein großes Spiel gezeigt. Nach einer schwächeren ersten Hälfte steigerten sich die Karlsruher nach der Pause, kombinierten mit mehr Entschlossenheit nach vorne und spielten sich einige Chancen heraus. Yabo gelang der Führungstreffer nach einem herrlichen Lupferzuspiel von Hennings. "Wir waren in beiden Spielen die bessere Mannschaft", sagte Meffert. Am Ende blieb die glücklichere von beiden in der ersten Liga.

"Die Enttäuschung ist riesig", gab Kauczinski zu. Der KSC-Trainer ist ein Fußballlehrer, der die Dinge meist vernünftig und reflektiert einordnet und nicht zu Übertreibungen neigt. "Diese Niederlage werden wir nicht von heute auf morgen aus unseren Köpfen bekommen", sagt er.

Niemand beim KSC glaubt, dass die Mannschaft daran zerbrechen könnte, dass die Niederlage gegen den HSV ein Wendepunkt in der Entwicklung hin zu einer Mannschaft ist, die sich den Aufstieg fest vornimmt. "Ich bin stolz auf das Team", sagte Sportdirektor Jens Todt, "wir sind auf einem guten Weg und werden in der nächsten Saison einen neuen Anlauf nehmen."

Ob Reinhold Yabo dann noch mitspielen wird, ist ungewiss. Er ist der vielleicht begabteste Spieler im KSC-Kollektiv. 2009 führte er die U-17-Nationalmannschaft als Kapitän zum EM-Titel, einer seiner Teamkollegen hieß damals Mario Götze. Yabo träumt von einer ähnlichen Karriere wie der Bayern-Profi, mehrere Vereine sollen ihn umwerben.

Die Zuschauer im Wildpark feierten ihre Mannschaft nach dem Schlusspfiff lange und laut. Auch deshalb war Reinhold Yabo wieder aufgestanden.

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