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Kerber und Zverev bei den US Open:"War doch ganz ordentlich"

US-Open

Angelique Kerber besiegt die Australierin Tomljanovic in der ersten Runde der US Open.

(Foto: dpa)

Nach monatelanger Tennis-Pause gewinnt Angelique Kerber ihr Auftaktmatch bei den US Open. Auch Alexander Zverev meistert die Aufgabe gegen den Ex-Finalisten Kevin Anderson.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Mitte des zweiten Satzes, ein Flugzeug dröhnte gerade über die Anlage in Flushing Meadows, blickte Angelique Kerber hinüber zu ihrem Trainer Torben Beltz, und man konnte auch ohne Worte verstehen, was sich die beiden anzudeuten versuchten. Kerber zog ihre Schultern nach oben und presste die Lippen aufeinander, als wolle sie sagen: "Okay, ganz schön viel Arbeit, da läuft noch nicht alles rund, aber das kriege ich schon hin." Die Antwort von Beltz war trotz Maske zu erkennen: "Hast du was anderes erwartet? Jetzt bring' das Ding zu Ende." Ein paar Minuten später hatte Kerber ihre Auftaktpartie gegen Ajla Tomljanovic (Australien) mit 6:4, 6:4 gewonnen.

Ähnlich erging es Alexander Zverev, der vor den US Open nur eine Partie absolviert hatte (er unterlag Andy Murray) und vor dem ersten Match gegen den unangenehmen Kevin Anderson (Südafrika) selbst nicht so genau wusste, wo er denn nun steht nach der langen Pause. Er agierte geduldig gegen den Aufschlag-Kanonier und US-Open-Finalisten von 2017 und nutzte die wenigen Chancen, die Anderson einem so bietet, konsequent. Der oftmals wackelige Aufschlag war diesmal stabil, Zverev gewann 7:6 (2), 5:7, 6:3, 7:5 und war dabei niemals ernsthaft in Gefahr.

Kerber hatte ihre Teilnahme an den US Open kurzfristig zugesagt, auf das Turnier davor in New York indes verzichtet. Sie hatte seit dem Achtelfinale bei den Australian Open Ende Januar keine Partie absolviert und sich auch sonst recht zurückgezogen, was freilich zur Frage führte: Welche Angelique Kerber würde da im Louis Armstrong Stadium auftauchen: die dreimalige Grand-Slam-Siegerin, selbstbewusst und extrem austrainiert, die vom neuen Trainer Beltz - der sie vor der Pause zu zwei der drei Titel geführt hatte - eingebläut bekommt, die Bälle übers Netz zu prügeln und nicht zu schubsen? Oder die zweifelnde, zaudernde, zaghafte Kerber, die kurz nach der Ankunft bei einem Turnier schon wieder abreisen muss?

Nun, es war eine Art Hybrid-Kerber, was angesichts der langen Match-Pause auch verständlich war. Sie schubste viele Aufschläge (das ist freilich seit Jahren bekannt) und vor allem Rückhände nur ins Feld und lud ihre aggressive Gegnerin ein, die Kontrolle über Ballwechsel zu übernehmen. Es gehört allerdings zu den großen Stärken von Kerber, dieses Tempo zu absorbieren und für eigene Zwecke zu nutzen - für einen Rückhand-Cross-Konter oder einen Vorhand-Angriffsschlag die Linie entlang. Sie weiß im zwölften Jahr ihrer Profikarriere, dass ihr Aufschlag nicht mehr sein wird als eine Schwäche, und dass die Aussicht auf Erfolg bei Angriffen ans Netz im einstelligen Prozentbereich liegt.

Sie ist, wenn man so will, eine Art Floyd Mayweather im Frauentennis: Sie dominiert die Gegnerinnen nur sehr selten, sie ist aber nur sehr schwer wirkungsvoll zu treffen, vor allem aber führ das Wissen darum zu einer erstaunlichen Gelassenheit, jeden Ballwechsel noch für sich entscheiden zu können und auch eine knifflige Partie - ein Auftaktmatch bei einem Grand-Slam-Turnier nach monatelanger Pause - am Ende locker zu gewinnen. Es ist die Gelassenheit, die einen beim wohl ungewöhnlichsten Tennisturnier der jüngeren Geschichte durchaus weit tragen kann.

Als Kerber den dritten Matchball verwandelt hatte, ein Flugzeug dröhnte gerade über die Anlage in Flushing Meadows, sah sie wieder zu Beltz. Der Gesichtsausdruck von beiden, und Kerber bestätigte das beim Interview danach: "War doch ganz ordentlich."

© SZ.de/schm
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