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US Open:Im richtigen Moment

Kim Clijsters' Triumph bei den US Open offenbart den Zustand des Frauentennis, das zuletzt von Spielerinnen geprägt wurde, die wie Diven auftraten, ohne sich diesen Status zu verdienen.

Wird Steffi Graf Beschwerdebriefe bekommen? Sollten sich aktuelle Tennisspielerinnen über das sensationelle Comeback von Kim Clijsters beschweren wollen, wäre die deutsche Tennislegende jedenfalls die richtige Adresse. Als Clijsters eingeladen wurde, im Frühsommer das neue Stadion von Wimbledon in einem Mixed der Frührentner einzuweihen - an der Seite von Tim Henman, gegen das Ehepaar Steffi Graf/Andre Agassi -, da fühlte sich die Belgierin verpflichtet, sich für diesen Termin fit zu machen.

2007 war sie, nicht einmal 24 Jahre alt, zurückgetreten: frustriert über allzu viele Verletzungen, genervt vom wurzellosen Leben und den ewigen Reisen, erfüllt von der Sehnsucht nach einer eigenen Familie. Als sie diese nach den ersten Gehversuchen ihrer Tochter auf einem guten Weg wähnte, erinnerte sie der Auftritt in Wimbledon - wo sie übrigens kurioserweise nie auch nur das Finale erreichte - daran, was sie vermisste: den Adrenalin des Wettkampfs.

Dass Clijsters nur 14 Spiele nach ihrem Comeback brauchte, um eine der vier großen Trophäen ihres Sports zu gewinnen, sagt eine Menge über die Qualitäten der nun 26-Jährigen. Sie hatte sich ja nicht ins Finale gemogelt, sondern auf dem Weg mit methodischem, gewaltigem und doch ruhigem Tennis fünf gesetzte Gegnerinnen ausgeschaltet, darunter beide Williams-Schwestern. Die Belgierin ist auch deshalb eine würdige Vertreterin einer raren Spezies: Die letzte Mutter, die vor ihr einen Grand-Slam-Titel gewonnen hatte, war die elegante Australierin Evonne Goolagong Cawley - 1980 in Wimbledon.

Clijsters' Triumph verrät freilich noch mehr über den Zustand des Frauentennis, das zuletzt von Spielerinnen geprägt wurde, die sich wie Diven gerierten, ohne sich diesen Status je verdient zu haben. Schillernde Talente (wie Ana Ivanovic oder Alizé Cornet) verschwanden fast so schnell wie sie aufgetaucht waren, und so wurde der Sport zunehmend dominiert von einer Meute austauschbar wirkender Frauen, deren Namen mit großer Wahlscheinlichkeit auf -owa oder -ewa enden.

Auch deshalb kam diese Ausgabe der US Open gerade recht: Clijsters führte eine Gruppe grundverschiedener junger Spielerinnen an (von Caroline Wozniacki über Yanina Wickmayer bis zu Melanie Oudin), die Anlass zur Hoffnung gaben, dass das Frauentennis wieder so spannend werden könnte wie Ende der 90er Jahre, als es kurzzeitig sogar die Männerwelt in den Schatten stellte.

Bevor die -owas und -ewas jetzt aber Steffi Graf aufschrecken, sollten sie eines bedenken: Die Deutsche, im Juni 40 Jahre alt geworden, war bei dem besagten Mixed in Wimbledon mindestens so gut wie Kim Clijsters.

© SZ vom 15.09.2009/jüsc
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