Ultras in der Bundesliga Der Fußball tut zu wenig, sagen die Sicherheitsleute

Die Sicherheits-Leute wiederum finden, der Fußball selbst tue zu wenig. "Die Verbände schweigen vielsagend" - so klingt das bei Rainer Wendt. Es ist tatsächlich interessant, wie vermint das Gelände rund um das Phänomen "Ultras" für viele zu sein scheint, die sich mit der Szene von innen beschäftigen. Manche reden zwar darüber, wollen aber nicht namentlich genannt werden, weil sie sonst ihre Gesprächschance mit den Fangruppen gefährdet sehen. Man will es sich nicht mit den Ultras verscherzen.

Man braucht sie, und man fürchtet sie. Erste Frage: Warum wird man Ultra-Fan? Weil man für Fußball und für seinen Verein brennt - und weil sich darum ein Lebensinhalt spinnen lässt. Die Gruppen geben jungen Leuten, vor allem jungen Männern, ein Gefühl von Gemeinschaft, Anerkennung, Verantwortung. Hinzu kommt oft eine Romantisierung des Fußballs, eine Überidentifizierung mit dem Verein und seiner Tradition. "Da ist auch eine diffuse Kommerz-Ablehnung dabei", sagt ein Fanbetreuer eines Bundesligisten, aber solche rationalen Argumente spielen meist nur eine Nebenrolle.

Bundesliga Still aus Protest
Analyse
Stimmungskrise bei Hannover 96

Still aus Protest

Eines der leersten und leisesten Bundesliga-Stadien steht in Hannover: Aus Protest gegen die Vereinsführung gehen die Ultras lieber zur Regionalliga-Mannschaft statt zu den Profis. Ein offener Brief soll helfen.   Von Carsten Eberts

"Die Ultras definieren sich immer elitär", sagt Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, "das gehört zu ihrem Selbstverständnis. Leider gibt es aber inzwischen auch viele, die Demokratie verachten und die so etwas wie Meinungsbildung als Meinungsschwäche betrachten."

Den Zugang zu den größeren, etablierten Ultra-Gruppen muss man sich als junger Fan verdienen, es gibt kein Formular, mit dem man einfach beitritt. Von den 80 000 Zuschauern in Dortmund dürften vielleicht 700 zu einer Ultra-Gruppe gehören. Anderswo sind es noch weniger. Allerdings bilden Ultras meist das Epizentrum der Stadion-Stimmung, mit Anfeuerungschören, Choreografien. Sie erzeugen beim BVB die spezielle Atmosphäre der Südtribüne, die weltweit bekannt ist.

In Dortmund müssen sich die Jüngeren erst mal "beweisen": bei den Spielen der zweiten Mannschaft, die in der dritten Liga spielt. Wer sich da als nützlich und verlässlich erweist, wird irgendwann ernst genommen und darf richtig mitmachen. Fragt sich nur, was "mitmachen" heißt? Eigentlich geht es, wie bei den meisten Jugendkulturen, vor allem ums "Dabeisein", ums "Dazugehören" in einer Art Wagenburg, aus der heraus alle "da draußen" verdächtig sind, Gegner oder gar Feind.

Selbstverständnis der Kurven

"Viele Ultras sehen sich als Elite - aber verachten gleichzeitig die Demokratie."

In Dortmund war die erste und größte Ultra-Gruppe "The Unity" 2004 mit Protestmärschen maßgeblich daran beteiligt, den desaströsen BVB-Vorstand unter Gerd Niebaum und Michael Meier zu kippen oder zumindest zu entwurzeln. Heute organisiert der ehemalige Unity-Anführer Daniel Lörcher (im Binnenjargon "Capo" genannt) als "Fanbetreuer" des BVB unter anderem Aufklärungstouren mit vor allem jungen BVB-Fans zu KZ-Gedenkstätten wie Auschwitz, Sachsenhausen oder Dachau. "Wir haben da einen ungeheuren Andrang", sagt Lörcher, "und es ist unglaublich, was für einen Eindruck diese Reisen bei den Teilnehmern machen." Auch Watzke und Innenminister Pistorius glauben, dass der Großteil der Ultras sich gegen rechte Unterwanderung stellt.