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EM-Titel für deutsche U 21:Das Kuntz'sche Hyänenrudel

U-21-EM 2021: Die deutsche Nationalmannschaft feiert den Sieg im EM-Finale

Die deutsche U 21 bei der Siegerehrung

(Foto: Jure Makovec/AFP)

Zum dritten Mal im Finale, zum zweiten Mal der Titel, diesmal mit einer Mannschaft, die vorher nicht als Favorit galt. Trainer Stefan Kuntz vermittelte Matchplan und Mannschaftsgefühl - und Motivationsreden aus dem Tierreich.

Von Ulrich Hartmann

Die Fußballer, auf die gerade Deutschland stolz ist, verbrachten die Nacht zum Montag mit Bier und Karaoke im Industriegebiet der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Das Hotel hatte man zu genau diesem Zweck eigens ausgesucht, verriet der Bundestrainer Stefan Kuntz, weil dort draußen in der einsamen Peripherie keine Ruhestörung drohte.

Schiefes Karaoke im slowenischen Nirgendwo - das klingt natürlich viel zu trist für jenen eigentlich wundervollen Anlass, der sich der deutschen U-21-Fußball-Nationalmannschaft in der Nacht zum Montag zum Feiern bot. Es war für die zwischen 18 (Florian Wirtz) und knapp 23,5 (Amos Pieper) Jahre alten Fußballer eine der schönsten Nächte ihrer noch jungen Karriere, am Sonntagabend gewannen sie das Endspiel der U-21-Europameisterschaft mit 1:0 gegen Portugal.

Die Goldmedaille, die sie von Uefa-Präsident Aleksander Čeferin um den Hals gehängt bekamen, wird bei allen einen Ehrenplatz bekommen. Der beste Torschütze des Turniers, Lukas Nmecha mit seinen vier Treffern, wusste auf Anhieb allerdings gar nicht, wo er den dafür erhaltenen Pokal daheim ausstellen soll, "weil ich gar keinen Schrank habe für so was, ich habe doch noch gar nicht viel gewonnen".

Es war vor allem dieses überschwängliche Gefühl, das ihre Stimmen beim nächtlichen Karaoke vor lauter Freude in den höheren Dezibel-Bereich beförderte: Dass sie diesen EM-Pokal gewonnen haben, obwohl die jungen Eliten anderer Nationen (Frankreich, Spanien, England) viel höher bewertet und auch viel höher gehandelt worden waren. "Was interessieren uns Marktwerte", sagte Ridle Baku provozierend und ironisierend, "wir haben ein unfassbares Mannschaftsgefühl." Und mit diesem haben sie einen Titel gewonnen, den sie sich zu Beginn der Gruppenphase Ende März vielleicht selbst noch gar nicht zugetraut hatten.

Germany v Portugal - 2021 UEFA European Under-21 Championship Final

Lukas Nmecha erzielt das 1:0 gegen Portugal.

(Foto: Jurij Kodrun/Getty Images)

Während die Portugiesen bis aufs Finale jedes ihrer EM-Spiele zuvor gewonnen hatten, standen die Deutschen drei Mal gefühlt vor dem Aus: im zweiten Gruppenspiel beim 0:1 kurz vor Schluss gegen die Niederlande (am Ende 1:1), im dritten Gruppenspiel beim erzitterten 0:0 gegen Rumänien und im Viertelfinale beim 1:2 kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit gegen Dänemark (am Ende Sieg im Elfmeterschießen). Aber diese dramaturgischen Momente haben in der Summe womöglich den Ausschlag gegeben und den Kader zunehmend zusammengeschweißt.

2009 und 2017 hatten deutsche U-21-Teams den EM-Titel auch schon gewonnen, aber 2009 haben nur acht Nationen an der EM teilgenommen und 2017 auch nur zwölf. Jetzt waren es erstmals 16 Nationen und es gab erstmals ein Viertelfinale. Nie musste eine Mannschaft sechs Spiele bestreiten, um U-21-Europameister zu werden. Diese deutsche war die erste, der das bis zum Ende erfolgreich gelang.

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Erfolgstrainer bei der U 21: Stefan Kuntz.

(Foto: via www.imago-images.de/imago images/MIS)

Natürlich haben sich hinterher alle Beobachter gefragt, wie Trainer Kuntz das mal wieder gemacht hat. Zum dritten Mal nacheinander stand er mit einer U 21 im Endspiel, zum zweiten Mal gab es den Titel. "Er schafft es super, die Jungs zu motivieren", lobte Nmecha, und Kuntz selbst verriet, wie man außer mit stichhaltigen Matchplänen den Teamgeist des Kaders beschworen habe. Diesmal mit fabelhaften Vorbildern aus der Tierwelt. "Ich habe den Jungs gesagt, dass sie mit Löwenherz spielen müssen, dass sie mit Adleraugen auf dem Platz stehen müssen und dass sie wie ein Hyänenrudel agieren müssen: Hyänen kann niemand leiden, aber die kriegen am Ende immer, was sie wollen, weil sie das Gnu von allen Seiten anfallen und nie ablassen."

Ein bisschen blutig klang das zwar schon, aber wer wollte, konnte auch die deutschen Fußballer in den sechs Turnierspielen tatsächlich dabei beobachten, wie sie niemals abließen.

Mit dem Torwart Finn Dahmen, den Abwehrspielern Ridle Baku, Pieper und Nico Schlotterbeck, den Mittelfeldmännern Arne Maier und Mërgim Berisha sowie dem Stürmer Nmecha gab es sieben Spieler, die in jeder der sechs Partien in der Anfangsformation standen. Dieses Gerüst gab dem Kader Sicherheit. Dahmen, Pieper und Schlotterbeck haben zudem jede Minute gespielt.

Es fällt überdies auf, dass viele der Spieler mit einem motivatorischen Kick zur K.-o.-Phase dieser wegen Corona zweigeteilten EM angereist waren: Baku hatte mit dem VfL Wolfsburg die Champions League erreicht, Schlotterbeck mit Union Berlin die neue Uefa Conference League, Pieper und Maier hatten mit Arminia Bielefeld den Klassenerhalt geschafft, genauso wie Salih Özcan und Ismail Jakobs mit dem 1. FC Köln - und David Raum und Anton Stach waren mit Greuther Fürth in die Bundesliga aufgestiegen. Kuntz' Motivationsreden trafen also auf ohnehin weit geöffnete Ohren.

Lukas Nmecha (vier Tore, ein Assist) und Ridle Baku (zwei Tore, drei Assists) waren mit Abstand die besten deutschen Scorer. Danach folgen Florian Wirtz (zwei Tore), Jonathan Burkardt (ein Tor, ein Assist) und David Raum (zwei Assists).

Keine Vorlage verbuchte dagegen Niklas Dorsch, trotzdem war er im defensiven Mittelfeld einer der besten deutschen Spieler. Und jeder kennt jetzt seine Oma aus Burgkunstadt, die ihm per Instagram vor dem Finale "Sauerbraten und Haxe" versprochen hatte für den Fall, dass er mit dem Pokal heimkomme und sie gemeinsam daraus tränken. "Meine Oma hatte früher eine Brauerei", verriet Dorsch nach dem Endspiel, was zwar erklärte, warum eine gewisse Trinkfestigkeit in der Familie herrsche - aber nicht, wie er es schaffen wollte, den Pokal zur Oma zu schmuggeln. Dies könnte das erste Vorhaben werden, an dem der U-21-Europameister Niklas Dorsch scheitert.

© SZ/schm/bek
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