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Turnen:Der vergeigte Bretschneider II

Die deutschen Turner haben jedenfalls klar gemacht, dass sie diese neue Fehler-Abschaffungskultur mitmachen wollen, es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig. "Wir schauen nicht auf die anderen, sondern auf unsere eigenen Übungen", sagte Andreas Toba, nachdem im Team Bronze verpasst wurde. Und auch Bretschneider, der wegen einer Unkonzentriertheit mal wieder vom Reck absteigen musste, sagte, ihn interessiere nicht der Vergleich mit anderen, "sondern nur die eigene Übung".

Man kann Sportler, die nichts Großes gewinnen, als nicht ernst zu nehmen ansehen, man kann aber auch ihren Weg und ihr Scheitern würdigen. Bretschneider befindet sich gewissermaßen immer noch im Wiederaufbau, nachdem er im Winter 2016/2017 zwei lange fällige Schulteroperationen hinter sich gebracht hatte. Trainer Hirsch achtet ihn auch wegen seines großen Einsatzwillens, und weil er immer wieder aufsteht. Doch das hilft Bretschneider auch nichts bei Rückschlägen, die endgültig sind.

Sein großes Ziel war ja der nächste Stern, der Bretschneider II. Das ist die Doppel-Doppel-Aktion über die Stange, nur nicht gehockt, sondern gestreckt. Es ist ein Cassina, nur mit einer zweiten Schraube, für dessen Versuch ihm der Weltverband, so sagte es der italienische Reck-Kreative Igor Cassina, "ein Denkmal setzen sollte". Aber Bretschneider griff in Rio beim Bretschneider II daneben und fiel herunter. Im Winter drauf unterzog er sich der Schulter-Operation, war bei der WM 2017 noch nicht fit für Höchstschwierigkeiten und erlebte dort, wie der 21-jährige Japaner Hidetaka Miyachi den gestreckten Doppel-Doppel als Erster perfekt turnte. Er heißt nun offiziell "Miyachi".

Der Turnsport ist vielleicht noch ein bisschen brutaler als andere Sportarten. Wegen der Bedeutung der Gelenkigkeit überholen die Jüngeren die Älteren noch schneller. Bretschneider ist heute 29, und er muss seine Kräfte im Training einteilen. Er wird mit Bedacht seine nächste Reckübung komponieren, er muss wie alle Deutschen zunächst an die sichere Olympiaqualifikation der Mannschaft denken. Und neuerdings muss er besonders die saubere Ausführung üben, und das spricht alles gegen weitere Flüge zu den Sternen.

Andererseits weiß man nie bei Bretschneider, der bekannt dafür ist, dass er immer wieder aufsteht.

© SZ vom 14.08.2018
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