Neues EM-Format:Eine Idee, die funktioniert

Lesezeit: 2 min

European Championships - Leichtathletik

Außer bei Fußballspielen eine absolute Seltenheit: ein volles Berliner Olympiastadion

(Foto: dpa)

Die European Championships erzielen starke TV-Quoten, in Glasgow und in Berlin herrscht ausgelassene Stimmung. Dahinter steckt ein Konzept, das mehr ein Anti-Olympia als ein Mini-Olympia verkörpert.

Kommentar von Saskia Aleythe

Noch bevor der letzte Schwimmer aus dem Becken gestiegen und die letzte Leichtathletin die Tartanbahn verlassen hatte, passierte etwas Ungewöhnliches. Berlin und Hamburg bekundeten Interesse, 2022 die gesamten European Championships auszutragen. Auch aus dem Management der Serie kam die Meldung, bis zu zehn Städte und Regionen hätten Gefallen daran gefunden und würden mit einer Austragung liebäugeln. Nanu!

Das Veranstalten von großformatigen Wettkampfserien hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren keiner großen Beliebtheit erfreut. Wann immer eine Abstimmung zur Bewerbung um Olympische Spiele stattfand, entschied sich die Bevölkerung dagegen. Nicht aus Sportmuffelei, sondern weil die Bestimmungen des Internationalen Olympische Komitees (IOC) alle sportliche Begeisterung vertreiben. Es gibt strenge Auflagen, wie die Infrastruktur auszusehen hat, wie groß Sportstätten fürs Publikum sein müssen (sehr groß!), wie viele es überhaupt sein sollen. Hinzu kommen die immergleichen Geschichten von gekauften Spielen, die ein Minus in den Staatskassen hinterlassen, Bilder aus halbleeren Arenen, die sehr bald nach den Spielen zerfallen. Wo Olympia einschlägt, hinterlässt es Krater.

Das Wort Mini-Olympia ist zum Auftakt dieser European Championships gerne in Medienberichten benutzt worden, dabei erscheint diese Wettkampfserie nun als ein Anti-Olympia. Und damit als Format, das sich auch in Deutschland durchsetzen könnte. Paul Bristow, Geschäftsführer des European Championships Management, berichtete: Das Budget dieser European Championships liege unter zwei Prozent der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro und Tokio. Er und sein Schweizer Partner Marc Jörg hatten einfach ein gutes Konzept: Sie erschufen kein neues Event, sondern legten bestehende Veranstaltungen zusammen, suchten sich Städte, die keine Arenen bauen mussten. Und nun hat man eine Rechnung, die da lautet: kaum mehr Aufwand, aber mehr Begeisterung.

Glasgow und Berlin waren die perfekten Städte für die Premiere, beides sportverrückte Metropolen, anders als das menschenleere Pyeongchang, wo dieses Jahr die Olympischen Winterspiele stattfanden: In der Schwimmarena lärmten 4000 Zuschauer für ihre britischen Sportler, die in fast jedem Wettkampf vertreten waren. Es brauchte gar nicht mehr. Und dann Berlin: 60 500 Zuschauer waren da am Samstag ins Olympiastadion gekommen, ein Publikum, das es außerhalb von Spielen der Fußball-Bundesliga kaum gibt.

5,44 Millionen sahen am Sonntag im Fernsehen den sportlich zweitrangigen Supercup zwischen dem FC Bayern und Eintracht Frankfurt, 5,16 Millionen den Hindernislauf von Gesa Felicitas Krause. Fußball wird immer die Hoheit auf der Fernbedienung haben, aber die European Championships konnten sich Quoten verschaffen, die zu diesem Zeitpunkt im Jahr bisher nicht erreicht wurden. Schon gar nicht im Schwimmen, Bahnradfahren oder Turnen: Es sind Sportarten, die in Deutschland bisher nur alle vier Jahre im Bewusstsein der Menschen stattgefunden haben. Durch die Zusammenfassung zu einer Veranstaltung - morgens Bilder vom Schwimmen, zwischendurch Bahnrad, dann Leichtathletik - profitierten alle voneinander.

Für die Vielfalt im Land kann das nur gut sein, für die Vielfalt im Fernsehprogramm und die Vielfalt im Sport. Wer ansonsten nur Fußballprofis im Fernsehen erlebt, kann fast erschrecken, wenn er zum Beispiel dem Zehnkämpfer Abele, dem Hochspringer Przybylko oder der Hürdensprinterin Dutkiewicz zuhört: Tatsächlich, Sportler können tatsächlich etwas zu sagen haben. Das Interesse an Sport, der nicht Fußball ist, war in Deutschland schon immer da. Jetzt haben die Verbände ein Format gefunden, mit dem man Zuschauer für sich gewinnt - sowohl vorm Fernseher als auch im Stadion. Man traut es sich ja kaum zu sagen, aber es scheint so, als habe der organisierte Sport endlich mal eine gute Idee gehabt. Bitte weitermachen.

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