Türkgücü München:"Ich war nie der wahre Chefsessel"

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Türkgücü München: "Gefühlt war Hyballa für mich nie richtig da, er hat sich ja fast nie hingesetzt." - Der Trainerstuhl von Türkgücü München (Mitte).

"Gefühlt war Hyballa für mich nie richtig da, er hat sich ja fast nie hingesetzt." - Der Trainerstuhl von Türkgücü München (Mitte).

(Foto: Markus Fischer/Passion2Press/imago)

Der Trainerstuhl von Türkgücü München im Interview über sein schlechtes Image, die Rückenschmerzen von Serdar Dayat und sein Mitleid mit den Sitzschalen im Olympiastadion.

Von Christoph Leischwitz

SZ: Herr Trainerstuhl, werden Sie eigentlich von Ihren Kollegen in der dritten Fußball-Liga beneidet, weil bei Ihnen so viel los ist?

Stuhl: Eher veräppelt. Manche nennen mich Schleudersitz oder Söldnerthron, ziemlich geschmacklos. Dabei versuche ich ja nur, meine Arbeit zu machen. Aber das Image eines Trainerstuhls leidet natürlich sehr, wenn ein Kommen und Gehen herrscht wie auf einem Wertstoffhof. Das Schlimmste ist, dass man sich ständig umstellen muss. Der eine wiegt auf einmal zehn Kilo mehr, der andere brüllt rum, dass man Angst haben muss, gleich umgeworfen zu werden. Viele sind sehr nervös, das färbt natürlich ab. Manchmal, wenn ich abends in meinem Lagerraum stehe, denke ich mir: Hättest du dir doch auch einen Berater genommen, so wie die Spieler. Dann könnte ich auch eine Abfindung rausholen und den Rest meines Lebens neben irgendeinem Gartengrill rumstehen.

Wie finden Sie das Olympiastadion?

Das Oly selbst ist toll, historisch und so, aber für mich auch deprimierend: Die vielen arbeitslosen Sitzschalen tun mir sehr leid.

Sie haben im Jahr 2021 fünf Trainerwechsel miterlebt. Was geht da auf einem vor?

Für mich waren es ja sieben Wechsel, ich zähle die Interimstrainer dazu, und der Andy (Andreas Pummer, d. Red.) war sogar zweimal Interimstrainer. Die beiden Male zusammengenommen war er übrigens länger Trainer als der Cheftrainer Peter Hyballa, 68 Tage zu 65 Tage. Gefühlt war Hyballa für mich sowieso nie richtig da, er hat sich ja fast nie hingesetzt. So, als ob er die ganze Zeit damit gerechnet hat, dass er gleich wieder gehen muss. Den Neuen, den Herrn Heraf aus Österreich, habe ich noch gar nicht kennengelernt.

Serdar Dayat brachte es auf 71 Tage. Als er Anfang Mai ging, hieß es, er höre wegen starker Rückenschmerzen auf. Haben Sie sich etwas vorzuwerfen?

Es ist schon ein starkes Stück, dass ich immer wieder damit in Verbindung gebracht werde. Als Mensch hat man zwei Möglichkeiten: Entweder ich drücke mich entspannt gegen die Lehne und lasse um mich rum einfach alles geschehen, oder ich sitze aufrecht, dann muss ich auf mein Rückgrat achten. Wenn ein Mensch das nicht kann, ist das ja nicht mein Problem! Außerdem: Hat irgendjemand das Attest gesehen? Ich jedenfalls nicht. Am Schluss hat Dayat irgendwas gemurmelt von wegen, er habe keine Lust mehr, dann habe ich ihn nie mehr gesehen. Er sitzt jetzt auf einem entfernten Verwandten von mir in Augsburg.

Spürt man das vorab als Stuhl eigentlich irgendwie, wenn ein Trainer gehen muss? Es heißt ja, Sie würden dann wackeln.

Ich hatte fast das ganze Jahr lang Schüttelfrost. Alex Schmidt hat es allerdings mit Ruhe und Fassung getragen, als er im Februar gehen musste. Und Petr Ruman ist sowieso ein stiller Typ. Aber gewackelt habe ich trotzdem immer. Ich bin ja auch nicht blind. Ich kriege ja mit, dass manche Spieler gleich wieder weg sind, wenn sie mal ein schlechtes Spiel machen. Da merkt man schon, dass sich ein Trainer denkt: Hm, vielleicht läuft das ja bei mir auch so.

Der Verein sagt ganz ehrlich und geradeheraus: Man muss halt seinen Job gut machen, sonst fliegt man, so ist das Geschäft.

Schon. Aber die Trainer haben ja kaum eine faire Chance, sich mal an mich zu gewöhnen. Manche bekamen ständig Nachrichten vom Präsidenten übers Handy: wer jetzt ein- oder ausgewechselt werden soll; alle Freistöße, egal von wo, müssen in den gegnerischen Strafraum fliegen, solche Sachen. Der Bürostuhl aus der Geschäftsstelle an der Heinrich-Wieland-Straße hat mir erzählt, dass die Trainer dort manchmal sogar angebrüllt werden. Und man merkt dann: Wenn umgekehrt der Trainer am Spielfeldrand brüllt, hört irgendwann keiner mehr zu. Anders formuliert: Ich war nie der wahre Chefsessel.

Gibt es einen Trainer, dessen Weggang Sie überraschend fanden?

Eigentlich nicht. Geschäftsführer Max Kothny hat ja neulich in einem Interview bei einem Ihrer Kollegen gesagt: Kontinuität ist ein möglicher Weg im Fußball, wir wählen einen anderen. Wenn Sie mich fragen: Wenn Alex Schmidt noch auf mir sitzen würde, würde der Verein sicher nicht schlechter dastehen als jetzt. Und ich auch nicht.

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