Türkei vor dem Länderspiel:Volksheld gesucht

Nach dem Ausfall von Dribbelkönig Arda Turan muss die türkische Nationalmannschaft ihre Offensive neu ordnen. Erhält nun der junge Dortmunder Nuri Sahin seine große Chance?

Tobias Schächter

Am Dienstag war Toni Schumacher zu Besuch in Brandenburg. Südlich von Potsdam, im Hotel Resort Schwielowsee, bereitet sich die türkische Nationalelf auf das EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland vor. Der ehemalige deutsche Nationaltorwart traf dort viele alte Bekannte aus seiner Zeit bei Fenerbahce Istanbul. In der Saison 1990/91 war Schumacher Kapitän des türkischen Spitzenklubs und Guus Hiddink war sein Trainer. Auch wenn die gemeinsame Zeit am Bosporus ohne Titelgewinn zu Ende ging, blieben der Torwart aus Deutschland und der Trainer aus den Niederlanden in Kontakt. Nun erfüllte Toni Schumacher dem 17 Jahre alten, krebskranken Burak Tara einen Herzenswunsch mit der Visite bei der türkischen Nationalmannschaft, deren Trainer seit Sommer Guus Hiddink heißt.

Arda Turan

Doch kein Länderspiel gegen Deutschland: der türkische Volksheld Arda Turan.

(Foto: AP)

Angesichts des Schicksals von Burak Tara klingen Schlagzeilen übertrieben, wie sie am Mittwoch in den türkischen Zeitungen nach der Verletzung von Nationalspieler Arda Turan zu lesen waren. Arda, 23, hatte am Tag zuvor das Training abbrechen müssen, er sank ohne Fremdeinwirkung auf den Rasen. Wegen einer Adduktorenverletzung wird der Offensivspieler von Galatasaray Istanbul das Spiel am Freitag verpassen - vermutlich wird er sechs Wochen ausfallen, heißt es.

Kommt nun Nuri Sahin?

Wahlweise war deshalb von einem "großen Schock" oder einem "Erdbeben" zu lesen. Die Euphorie in der türkischen Fußballszene vor dem Spiel in Berlin erhielt durch die Nachricht einen Dämpfer. 1:1 stehe es nun, meinten die Istanbuler Kommentatoren, weil ja auch die DFB-Elf durch den Ausfall von Bastian Schweinsteiger auf einen ihrer wichtigsten Spieler verzichten muss.

"Ardas Fehlen wiegt schwer für die Türkei", sagt auch Michael Skibbe, der Trainer von Eintracht Frankfurt. Skibbe kennt Arda aus seiner Zeit als Trainer von Galatasaray in der Saison 2008/09. Schon damals hatte der 1,71 Meter kleine Arda Angebote von Vereinen aus den großen europäischen Ligen. Arda ist ein spektakulärer Spieler, der im Klub und im Nationalteam an guten Tagen von der linken Außenbahn kommend die gegnerischen Abwehrreihen vor Rätsel stellt. "Arda ist unheimlich dribbelstark, torgefährlich und hat absolut das Potential, sich auch in den europäischen Top-Ligen zu behaupten", sagt Skibbe.

In der Türkei ist Arda ein Volksheld. Endgültig machte er sich international einen Namen durch seine starken Auftritte bei der EM 2008. Trotz des jungen Alters ist Arda schon Kapitän von Galatasaray. Wegen seines großen Kopfes nennen sie ihn in der Türkei - nun ja - "großer Kopf". Ein Könner mit ähnlicher Spielweise findet sich in Hiddinks Kader nicht. In den ersten Qualifikationsspielen zur EM2012 gegen Kasachstan (3:0) und Belgien (3:2) erzielte Arda zwei Tore, gegen Belgien gar den Siegtreffer. Nach diesem Spiel musste er drei Wochen pausieren, er hegte aber - bis Dienstag - die Hoffnung auf einen Einsatz in Deutschland. Spannend wird sein, wie Hiddink auf den Ausfall reagiert. Ohnehin befindet sich der Niederländer personell und taktisch noch in der Findungsphase. In seinen ersten Pflichtspielen begann Hiddink mit nur einer Spitze ganz vorne, gegen Belgien stellte er in der zweiten Halbzeit auf ein 4-4-2-System um.

Zahlreiche Alternativen

Möglich, dass nun Nuri Sahin zum Zuge kommt. In den beiden ersten Pflichtspielen stand der bei Borussia Dortmund zurzeit überragend spielende Stratege nicht auf dem Spielberichtsbogen der türkischen Auswahl. Dortmunds Trainer Jürgen Klopp lästerte: "Wenn sich die Türkei das erlauben kann, scheint es denen ja verdammt gut zu gehen." Hiddink hält viel von Sahin, doch auf der Position, auf der er im Klub überzeugt, ist Kapitän Emre Belözoglu gesetzt. Neben Emre sind im Mittelfeld auch Mehmet Aurelio und Hamit Altintop Stammspieler.

Neben Sahin könnte gegen Deutschland aber auch Tuncay auf Ardas Position zum Einsatz kommen. Tuncay ist ein Profi, der Platz braucht; gegen Kasachstan und Belgien konnte er als alleinige Spitze die Bälle nicht immer halten. Gegen Tuncay spricht, dass er derzeit bei Stoke City nicht zum Zuge kommt. Für Tuncay könnten Semih (Fenerbahce), Nihat (Beskitas) oder auch Halil Altintop (Frankfurt) ganz vorne beginnen - oder aber Hiddink startet direkt mit zwei Stürmern. Die Türken sind gespannt, wie er auf den Ausfall des kleinen Volkshelden reagiert.

© SZ vom 07.10.2010/ebc
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