TSG 1899 Hoffenheim:Wie viel bringt das alles?

Bald soll das Modell ein Update bekommen, 360 Grad statt 180. Die Darstellung soll noch realistischer werden. Für eine Darstellung von echten Spielsituationen reichen die verfügbaren Positionsdaten noch nicht aus. Blickrichtung und Bewegungsabläufe sind nicht einsehbar. Mayer und seine Kollegen denken darüber nach, das mit Drohnenaufnahmen zu lösen. Schon vor mehreren Jahren haben sie den Footbonauten gekauft, eine Art Kurzpasstrainingsmaschine. Auf einem kleinen Spielfeld fliegen im Sekundentakt Bälle aus allen Ecken. Der Spieler soll sie möglichst schnell in grün aufleuchtende Quadrate passen - wobei es insgesamt 72 Quadrate gibt.

Es geht bei alldem also um: Informationsverarbeitung, ums Vorausdenken, ums Entscheiden, ums Umentscheiden. "Exekutive Funktionen" heißt das in der Fachsprache. Mayer sagt, dass dies etwa im Spielaufbau oder bei Umschaltsituationen wichtig sei - oder wenn sich die Spielsituation verändert hat: "Ich will einen Pass spielen, der Gegner stellt zu, und mir gelingt es noch, den Impuls zu unterdrücken", sagt Mayer.

Die Frage ist: Wie viel bringt das alles? Forscher aus Schweden und Holland fanden 2012 heraus, dass Topspieler und Toptalente bessere Exekutivfunktionen aufweisen als durchschnittliche Spieler. Doch ob das auch andersherum gilt: Machen bessere Exekutivfunktionen auch wirklich bessere Fußballer auf dem Platz? Das ist nicht nachgewiesen. Eine Studie aus Kanada bestätigte zumindest, dass das in dem Trainingsmodell praktizierte "Multiple Object Tracking" (also: das Verfolgen von zufällig bewegten Objekten im Raum) die Passentscheidung verbessere.

In Hoffenheim warten sie jedoch nicht zuallererst auf Forschungsergebnisse. Alle zwei Wochen kommen Mayer und seine Kollegen zum sogenannten "Innovationskreis" zusammen, unter ihnen auch die ehemalige Weltfußballerin Birgit Prinz, die sich um die jüngeren Teams kümmert. Sie besprechen neue Trends, prüfen, ob etwas davon erfolgsversprechend sein könnte. "Wir machen hier keine Wissenschaft", sagt Mayer, "wir wollen was machen, das da draußen funktioniert und nicht warten, bis drei Unis sagen: Ja, das stimmt."

Halbjährlich werden die Fortschritte der Spieler getestet. Diese sitzen vor einem Gerät mit bunten Knöpfen und zwei Fußpedalen, dem Wiener Testsystem, und müssen etwa die auf dem Bildschirm vor ihm angezeigten Farben betätigen. Die schnellsten Spieler brauchen 0,5 Sekunden, die langsamsten 0,75 Sekunden. Mayer sagt: "In dieser Zeit passiert grobmotorisch natürlich enorm viel, der Gegenspieler ist weg."

Auch Cheftrainer Julian Nagelsmann habe erkannt, dass er die Spieler vom Kopf her fordern muss und ließe sich ständig neue Übungen und Regeln einfallen, sagt Mayer: "Wenn ich mir ein Mannschaftstraining von Julian anschaue, muss ich manchmal einfach nur grinsen. Manche Spieler sagen: Körperlich ist das kein Thema, aber es ist anstrengend, von der Birne her dabei zu sein."

© SZ.de/chge/dd
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