Süddeutsche Zeitung

TSG 1899 Hoffenheim:Videospiele im Fußballtraining

  • Die TSG Hoffenheim versucht, eine raschere Entscheidungsfindung ihrer Spieler zu trainieren.
  • Der Klub nutzt etwa Spiele-Apps, Testgeräte aus der Psychologie oder ein spezielles Modell zur Schulung des räumlichen Sehens.

Von Julian Budjan, Zuzenhausen

Wenn Jan Mayer über sein Büro spricht, dann sagt er Dinge, die andere Menschen eher nicht über ihr Büro sagen. "Da ist gerade traffic", das ist so ein Satz, viel los, deshalb geht er jetzt nicht in diesen Raum, sondern erzählt nur über ihn. An diesem Mittag im November sei es so, sagt Mayer, dass Fußballer der ersten und zweiten Mannschaft der TSG Hoffenheim in diesem Büro sitzen und Videospiele spielen. Besser gesagt: Sie trainieren.

Wer sich ein Fußballtraining vorstellt, der denkt an Medizinbälle, Kopfballpendel und bunte Hütchen. Jahrzehntelang gehörte das zum Grundinventar auf deutschen Sportplätzen, aber in den vergangenen Jahren hat sich einiges gewandelt. "Es hat sich als normale Trainingsform etabliert: Man geht jetzt zum Gamen", sagt Prof. Dr. Jan Mayer. Er ist Sportpsychologe der TSG 1899 Hoffenheim, und in seinem Kellerbüro auf dem Trainingsgelände spielen Fußballer von der U12 bis zu den Profis Videospiele. Manche einmal die Woche, andere bis zu viermal. Sie tun das nicht zum Spaß, sie sollen etwas lernen: schneller denken, entscheiden.

Es gab Zeiten, da hatte der Sportpsychologe Mayer, 45, vor allem eine Aufgabe. Er sollte den Spielern mentale Kniffe beibringen, etwa, wie sie am besten in Stress- und Drucksituationen bestehen können. Mittlerweile hat Mayer eine weitere Aufgabe; 2009, kurz nach seiner Ankunft in Hoffenheim, hatten die Trainer sie an ihn herangetragen. "Die Spieler schneller im Kopf machen", so nennt er das.

Wie sich der Fußball beschleunigt hat

Der Fußball wird immer schneller, das wissen Fans, Trainer und Spieler, und das zeigen auch die Zahlen. Nach der WM 2010 stellte der Weltverband Fifa in einer Analyse vor, die genau das besagte. Ein Beispiel: Während die deutsche Nationalmannschaft beim Confed Cup 2004 noch eine durchschnittliche Ballkontaktzeit von 2,8 Sekunden aufwies, waren es bei der WM 2010 in Südafrika nur noch 1,1 Sekunden. Mayer sagt: "Es war klar: Die Beschleunigung des Spiels hatte nicht nur etwas mit den wechselnden Phasen, besserer Athletik, Technik oder Taktik, sondern auch mit Wahrnehmen und Verarbeiten zu tun."

Es ist nicht so, dass die TSG Hoffenheim als einziger Klub in Deutschland die kognitiven Fähigkeiten der Spieler verbessern will. Aber in Hoffenheim haben sie relativ früh damit angefangen. Bei Demenz-Erkrankten hatten Übungen dazu geführt, dass bestimmte Gehirnaktivitäten erhalten bleiben, sagte Mayer: "Da kam bei uns die Idee: Vielleicht kann das gleiche auch genutzt werden, um Spieler besser zu machen."

Mayer weiß noch, wie alles begann: mit kreuzwortähnlichen Übungen, mit Stift und Papier. Und heute? Nutzen sie Spiele-Apps, Testgeräte aus der Psychologie, bekamen ein neues Trainingsmodell, die sogenannte Helix. Dabei handelt es sich um einen Videoraum mit 180-Grad-Leinwand. Er soll das räumliche Sehen und die Konzentration verbessern. Das kann dann so funktionieren: Zu Beginn sind acht gleich aussehende Figuren mit Fußballtrikot in einem virtuellen Stadion zu sehen, von denen vier blinken. Dann rennen die Figuren für mehrere Sekunden zufällig durcheinander und reihen sich wieder vor dem Spieler auf. Dieser muss benennen, welche die blinkenden Akteure vom Anfang sind.

Wie viel bringt das alles?

Bald soll das Modell ein Update bekommen, 360 Grad statt 180. Die Darstellung soll noch realistischer werden. Für eine Darstellung von echten Spielsituationen reichen die verfügbaren Positionsdaten noch nicht aus. Blickrichtung und Bewegungsabläufe sind nicht einsehbar. Mayer und seine Kollegen denken darüber nach, das mit Drohnenaufnahmen zu lösen. Schon vor mehreren Jahren haben sie den Footbonauten gekauft, eine Art Kurzpasstrainingsmaschine. Auf einem kleinen Spielfeld fliegen im Sekundentakt Bälle aus allen Ecken. Der Spieler soll sie möglichst schnell in grün aufleuchtende Quadrate passen - wobei es insgesamt 72 Quadrate gibt.

Es geht bei alldem also um: Informationsverarbeitung, ums Vorausdenken, ums Entscheiden, ums Umentscheiden. "Exekutive Funktionen" heißt das in der Fachsprache. Mayer sagt, dass dies etwa im Spielaufbau oder bei Umschaltsituationen wichtig sei - oder wenn sich die Spielsituation verändert hat: "Ich will einen Pass spielen, der Gegner stellt zu, und mir gelingt es noch, den Impuls zu unterdrücken", sagt Mayer.

Die Frage ist: Wie viel bringt das alles? Forscher aus Schweden und Holland fanden 2012 heraus, dass Topspieler und Toptalente bessere Exekutivfunktionen aufweisen als durchschnittliche Spieler. Doch ob das auch andersherum gilt: Machen bessere Exekutivfunktionen auch wirklich bessere Fußballer auf dem Platz? Das ist nicht nachgewiesen. Eine Studie aus Kanada bestätigte zumindest, dass das in dem Trainingsmodell praktizierte "Multiple Object Tracking" (also: das Verfolgen von zufällig bewegten Objekten im Raum) die Passentscheidung verbessere.

In Hoffenheim warten sie jedoch nicht zuallererst auf Forschungsergebnisse. Alle zwei Wochen kommen Mayer und seine Kollegen zum sogenannten "Innovationskreis" zusammen, unter ihnen auch die ehemalige Weltfußballerin Birgit Prinz, die sich um die jüngeren Teams kümmert. Sie besprechen neue Trends, prüfen, ob etwas davon erfolgsversprechend sein könnte. "Wir machen hier keine Wissenschaft", sagt Mayer, "wir wollen was machen, das da draußen funktioniert und nicht warten, bis drei Unis sagen: Ja, das stimmt."

Halbjährlich werden die Fortschritte der Spieler getestet. Diese sitzen vor einem Gerät mit bunten Knöpfen und zwei Fußpedalen, dem Wiener Testsystem, und müssen etwa die auf dem Bildschirm vor ihm angezeigten Farben betätigen. Die schnellsten Spieler brauchen 0,5 Sekunden, die langsamsten 0,75 Sekunden. Mayer sagt: "In dieser Zeit passiert grobmotorisch natürlich enorm viel, der Gegenspieler ist weg."

Auch Cheftrainer Julian Nagelsmann habe erkannt, dass er die Spieler vom Kopf her fordern muss und ließe sich ständig neue Übungen und Regeln einfallen, sagt Mayer: "Wenn ich mir ein Mannschaftstraining von Julian anschaue, muss ich manchmal einfach nur grinsen. Manche Spieler sagen: Körperlich ist das kein Thema, aber es ist anstrengend, von der Birne her dabei zu sein."

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