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Trainer-Rücktritt bei Gladbach:Die Situation erinnert an Berlin

In Berlin, als Favre die Hertha im Frühjahr 2009 zwischenzeitlich auf einen Uefa-Cup-Platz geführt hatte und dann nach sechs Niederlagen in Serie zu Beginn der darauffolgenden Saison im Herbst entlassen wurde, war die Geschichte ein bisschen anders gelaufen. Aber auch seltsam.

Damals gab Favre nach seiner Entlassung, ebenfalls eigenmächtig, eine Pressekonferenz im noblen Adlon-Hotel und erklärte der Öffentlichkeit seine Sicht der Dinge. "Ich habe große Fehler gemacht und muss aus meinen Fehlern lernen", hatte er damals gesagt und erklärt, man könne nicht eine Mannschaft aufbauen mit den Ideen von anderen. Damals war er mit den personellen Veränderungen in der Sommerpause unzufrieden gewesen. "Ich habe von Anfang an zu viele Kompromisse gemacht", sagte er seinerzeit in Berlin, "und Kompromisse sind Fehler."

Man muss davon ausgehen, dass der zugleich dickköpfige und äußerst sensible sowie latent skeptische Favre sich damals geschworen hat, so schnell keine Kompromisse mehr einzugehen. Obwohl ihm in Gladbach keine Entlassung gedroht hatte und er sich bei der Borussia seines Jobs wirklich sicher sein konnte, wollte er nicht bleiben. Fraglich ist nun etwa, ob Favre wie damals in Berlin womöglich unzufrieden war mit den personellen Veränderungen in der Sommerpause. Gladbach hatte den Hannoveraner Lars Stindl für Christoph Kramer geholt und den Leverkusener Stürmer Josip Drmic für Max Kruse. Beide Neuzugänge hatten sich bis zuletzt nicht als spielerische Verstärkung gezeigt - aber der Sportchef Eberl bat latent um Geduld, und Favre deutete auch nie an, mit den Veränderungen im Kader unzufrieden zu sein.

Der Rücktritt wirft Fragen auf

Bereits am Mittwochabend empfangen die Gladbacher den FC Augsburg zum sechsten Saisonspiel. Ob die Mannschaft dann vom Co-Trainer Frank Geideck, vom U23-Trainer André Schubert oder gar vom Vize-Präsidenten Hans Meyer trainiert wird, war am Sonntag noch nicht geklärt. Die Borussia wird sich an diesem Montag zur weiteren Vorgehensweise äußern.

Dass Favre, wie er selbst behauptet, mit seinem Rücktritt zum Wohle der Mannschaft und des Vereins entschieden habe, kann drei Tage vor dem nächsten Spiel und zu Beginn einer Phase mit vier Partien binnen zwei Wochen (auch beim Tabellennachbarn VfB Stuttgart) aber ausgeschlossen werden. Der Schweizer hat den Verein düpiert und schwer getroffen. Die Mannschaft wird das in den nächsten Spielen kaum verbergen können.

© SZ vom 21.09.2015
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