Tod des Rad-Profis Wouter Weylandt:Ritt mit tödlichem Reiz

Der Tod des Belgiers Wouter Weylandt beim Giro d'Italia schockt den Radsport. Doch bei aller Trauer: Das Rennen geht weiter, bei manchen Sportarten gehören Unfälle praktisch zum Geschäftsmodell.

Thomas Hummel

Es wird wohl nicht lange dauern, da kommt die Meldung aus Italien, dass Wouter Weylandt einen Fahrfehler begangen hat. Erste Andeutungen gibt es bereits. "Er blickte zurück und streifte in diesem Moment mit dem linken Pedal eine kleine Wand und wurde auf die andere Straßenseite katapultiert, wo er aufschlug", erzählte Manuel Cardoso, der den fürchterlichen Sturz des belgischen Kollegen miterlebte. Der 26-jährige Wouter Weylandt schlug so hart auf der anderen Straßenseite auf, dass er sich den Schädel brach und wohl sofort starb. Seine Freundin ist hochschwanger, im September soll das Kind zur Welt kommen.

Belgian rider Wouter Weylandt died following a crash during the t

20 Kilometer vor dem Ziel in Rapallo können die Ärzte Wouter Weylandt nicht mehr helfen.

(Foto: dpa)

Der Giro d'Italia, nach der Tour de France das renommierteste Radrennen der Welt, beklagt einen toten Fahrer. Viele Kollegen waren geschockt, der Giro kondolierte. Es gab am Montag keine Siegerehrung und am Dienstag beginnt die vierte Etappe mit einer Schweigeminute. Danach soll wohl eine 216 Kilometer lange Bummelfahrt ohne Zielsprint folgen. Am Mittwoch geht's weiter, dann geht's wieder um den Sieg.

Es muss ein Fahrfehler gewesen sein. Eine kleine Unaufmerksamkeit. Ein persönliches Versagen. Sonst müsste sich der Sport als Ganzes in Frage stellen - und das geht nicht. Natürlich ist das Rennkomitee am Montagabend zu einer Krisensitzung zusammengekommen, erwartungsgemäß kündigte Giro-Chef Angelo Zomegnan an, die Sicherheitsvorkehrungen zu prüfen und zu verstärken. Und versicherte, dass bei keinem Rennen der Welt so viel Geld investiert würde, Sturzopfern "möglichst schnell zu helfen". Was er nicht sagte: Sturzopfer gehören zum Sport dazu, und hin und wieder erwischt es einen ganz schlimm. Das ist Teil des Geschäftsmodells.

Manche Sportarten brauchen diesen Reiz des Gefährlichen, sie müssen ihre Athleten als Matadoren stilisieren, die dem Tod ins Auge blicken. Das erregt Aufmerksamkeit, das bringt den Kick, der die Leute halb bewundernd, halb schaudernd an die Strecke oder vor den Fernseher lockt. Und den Sponsoren ihre Gelbbörsen öffnet. Warum sollte man sonst jemanden auf einem Rad mit fast 100 km/h eine enge, kurvige Bergstraße hinunterjagen lassen? Und was die bei der Tour können, können wir beim Giro schon lange!

Ende April war Hans Grugger für zwei Tage ins Krankenhaus gegangen. Er berichtet auf seiner Internetseite, dass er im rechten Unterschenkel noch nicht das normale Gefühl habe, sein Nacken bisweilen stark verspannt sei. "Geistig bin ich auch schon deutlich besser geworden - meine Aufmerksamkeit kann ich aber immer noch nicht sehr lange halten."

Die Show darf sich nicht ändern

Im Januar war der Österreicher auf Skiern auf der Kitzbühler Abfahrt mit 120 km/h in die "Mausefalle" gerauscht, und weil er vorher den Schwung nicht ganz zu Ende gebracht hatte, schleuderte es ihn durch die Luft, und er wurde mit schweren Verletzungen abtransportiert. Es folgte eine Sicherheitsdebatte in der Skiwelt, die Offiziellen versprachen, alles Menschenmögliche zu tun. Doch letztlich zuckten sogar die Fahrer selbst mit den Schultern: Nur ja die Strecken nicht entschärfen, sonst ist der Reiz weg. Und der frühere Rennfahrer Marc Girardelli sagte entwaffnend ehrlich: "Schlussendlich lebt die Abfahrt von Kitzbühel auch von diesen tragischen Unfällen, dem Reiz des Gefährlichen. Da dürfen wir uns nichts vormachen. Keiner will einen Sturz sehen, aber wenn er dann doch passiert, redet man lange darüber, dass man da live dabei war. Im Prinzip wartet jeder drauf, dass es einen zerlegt."

Es ist ein Ritt auf der Leitplanke, den der Sport da vollzieht. Einerseits darf er nicht unverantwortlich wirken, gibt viel Geld für Fangnetze aus, verordnet den Sportlern Helmpflicht oder zwängt die Formel-1-Fahrer in ein feuersicheres Sicherheitskorsett. Doch an der Show, an den Bildern, darf sich nichts ändern. Wer will schon ein Autorennen mit Geschwindigkeitsbeschränkung sehen?

Grugger hätte nach seinem Sturz sterben, oder zumindest schwer behindert sein können. Auch Daniel Albrecht und Scott Macartney überlebten in den vergangenen Jahren schauderhafte Stürze auf der Kitzbühler Streif. Nie wurde ernsthaft diskutiert, das Rennen abzubrechen. Wenn der Hubschrauber von der Strecke war, musste der Nächste raus. Es war ein Fahrfehler!, sagten sich die Kollegen und stürzten sich hinunter. In der Hoffnung, dass ihnen kein Fahrfehler widerfahren möge.

Vor zwei Jahren hatte sich die Sportwelt gewundert, dass Pedro Horillo noch lebte. Auf der achten Etappe des Giro d'Italia, während der rasenden Abfahrt vom Passo Culmine San Pietro, war der Spanier plötzlich von der Strecke verschwunden. Über eine Metallplanke war er in einer Kurve hinabgestürzt in eine Steinschlucht des Taleggio-Tales, er fiel 60 Meter tief. Horillo brach sich Knochen im Bein, am Knie, an Wirbeln und am Brustkorb. Am nächsten Tag frohlockte sein Teamsprecher: "Dass er heute früh von alleine aufgewacht ist und Arme und Beine bewegen konnte, ist wunderbar."

Auch damals entfiel am Abend die Siegerehrung, auch damals hielt der Giro kurz inne. Doch schon tags darauf ging die Party weiter, in der nächsten Abfahrt traten die Wagemutigen wieder mächtig in die Pedale und legten sich bei fast 100 km/h windschnittig über den Lenker.

Auch im Jahr 2011 wird der Giro einen Sieger feiern. Es wird ein Sieger sein, der schnell Rad gefahren ist und sich einigen Gefahren gestellt hat. An diesem Dienstag berichtete Jef Van Den Bosch, dass der von ihm gemanagte Wouter Weyland am Wochenende eine SMS geschickt hatte. Das Rennen sei sehr gefährlich, es werde nervös gefahren. "Das bereitet mir Sorgen", soll Weylandt geschrieben haben.

© sueddeutsche.de/jüsc/plö
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