Tischtennis in Neu-Ulm:Ein Heimspiel um 11 Uhr, eins um 17 Uhr

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Tischtennis in Neu-Ulm: Ein Bronzegewinner bei Olympia im Alltagseinsatz: Dimitrij Ovtcharov, hier bei seinem Debüt im Trikot des TTC Neu-Ulm.

Ein Bronzegewinner bei Olympia im Alltagseinsatz: Dimitrij Ovtcharov, hier bei seinem Debüt im Trikot des TTC Neu-Ulm.

(Foto: Hafner/Nordphoto/Imago)

Tischtennis-Erstligist TTC Neu-Ulm trifft in der Champions League auf Dzialdowo und im Bundesliga-Spitzenspiel auf Düsseldorf - am selben Tag und mit "voller Absicht".

Von Andreas Liebmann

Tomokazu Harimoto ist in diesem Sommer 19 geworden - seinem einstigen Titel "Wunderkind" ist der Vierte der Tischtennis-Weltrangliste also allmählich entwachsen. Spaßeshalber könnte man dem Japaner mit chinesischen Wurzeln stattdessen den Titel "Vereinsmeister des TTC Neu-Ulm" andichten, als kleinen Trost. Aber auch das wäre nicht ganz korrekt. Schließlich ist sein deutscher Klub, der 2019 rund um eine freie Wildcard für die Tischtennis-Bundesliga (TTBL) gegründet wurde, ein Profiteam ohne jeden Unterbau und hat deshalb vermutlich noch nie eine Vereinsmeisterschaft ausgetragen.

Trotzdem gab es vor zwei Wochen ein Turnier, dessen Tableau auf den ersten Blick verblüffend nach einer offenen Neu-Ulmer Klubmeisterschaft aussah - tatsächlich war es das mit einer Million Dollar dotierte Finale des World-Table-Tennis-Cups. Und das sagt doch einiges aus über die Weltklasse im Kader des TTC Neu-Ulm.

Unter den acht Viertelfinalisten standen beim Treffen der Weltbesten im chinesischen Xinxiang drei Chinesen, ein Timo Boll - und vier Neu-Ulmer. Für zwei von ihnen, den Schweden Truls Moregardh (Weltranglistenposition 5) und den Taiwanesen Lin Yun-ju (8), war dort Schluss, Dimitrij Ovtcharov (9) bezwang noch den Weltranglistenersten Fan Zhendong aus China, ehe er im Halbfinale seinem Vereinskameraden Harimoto unterlag. Der verlor wiederum das Finale gegen den Chinesen Wang Chuqin. Keine schlechte Ausbeute für einen Verein, den es vor wenigen Jahren noch nicht gab.

Über die Weltauswahl, die sich die Randbayern vor dieser Saison geleistet haben, ist schon viel berichtet worden. Nicht zuletzt hingen die Transfercoups damit zusammen, dass Ovtcharov und Lin nach dem Angriff auf die Ukraine nicht mehr für ihren russischen Klub Fakel Orenburg spielen wollten. An diesem Sonntag wird es beim TTC Neu-Ulm nun noch etwas kurioser zugehen, als das vor Saisonbeginn ohnehin zu erwarten war.

Denn da wird der deutsche Rekordmeister Borussia Düsseldorf zum Bundesligaduell zu Besuch kommen. Der Kartenverkauf läuft offenbar prima, kein Wunder: Für viele Gegner ist es das Heimspiel des Jahres, wenn die Borussia kommt. Am Sonntag könnte sie mit Timo Boll antreten, mit Dang Qiu, dem Europameister von München, vielleicht auch mit Kay Stumper, dem ehemaligen Neu-Ulmer. Und bis auf Harimoto, den inoffiziellen Vereinsmeister, der als Einziger des Quartetts nur für die Champions League gemeldet ist, werden Neu-Ulms Topspieler vollzählig in der Halle sein - und wohl nur zuschauen. Spielen sollen nämlich drei junge Russen: Wladimir Sidorenko, Lev Katsman und Maksim Grebnew. So hat es der Klubchef Florian Ebner angekündigt.

Nach dem Brand seiner Halle musste der TTC einmal mehr umziehen - diesmal bis ins Nachbarland

Der Grund dafür ist nicht minder erstaunlich: Der TTC Neu-Ulm wird an diesem Sonntag nämlich zwei Heimspiele austragen, erst in der Champions League am Vormittag (11 Uhr) gegen das polnische Team KS Dekorglass Dzialdowo, dann am Nachmittag das Spitzenspiel in der Liga gegen Düsseldorf (17 Uhr), der Erste zu Gast beim Zweiten. Weil Ebner die Priorität für dieses Jahr auf den Pokal und die Champions League gelegt hat und weniger auf die Bundesliga, wird die Vormittagspartie eben "mit voller Kapelle" stattfinden, wie er es nennt. Im Duell mit Düsseldorf dürfen sich dann die russischen Talente beweisen, die für internationale Turniere gesperrt sind - und die erst vor wenigen Tagen beim 3:0-Sieg in Bergneustadt ihre Ligatauglichkeit unterstrichen haben. Sie hätten sich das verdient, findet Ebner.

Zwei Termine an einem Tag waren übrigens kein Betriebsunfall, sondern "volle Absicht", wie der Verleger Ebner versichert. Zum einen hat das damit zu tun, dass am Pokal-Finalwochenende im Januar nur Spieler teilnehmen dürfen, die mindestens drei nationale Einsätze vorweisen können, aus zwei Pokalrunden und dem Ligabetrieb. Deshalb bietet der gemeinsame Spieltag die Möglichkeit, etwa Lin Yun-ju in den TTBL-Kader zu schreiben, wenn er schon anwesend ist - zum Einsatz muss er gar nicht unbedingt kommen.

Außerdem hat der TTC Neu-Ulm mal wieder ein Hallenproblem. Schon vor der Pandemie war er aus der doch etwas zu großen Ratiopharm-Arena ins Edwin-Scharff-Haus umgezogen, ein Tagungszentrum. Zuletzt hatte er in einer Schulsporthalle in Pfaffenhofen an der Ilm sein Zuhause gefunden. Dort aber hat vor Kurzem die Fassade gebrannt, deshalb ist der Klub mal wieder umgezogen.

Vorübergehend ist nun die Kuhberghalle der Unterschlupf für das Starensemble, die zwar alt ist, aber mehr Platz bietet - und in Ulm liegt, also im Nachbarland Baden-Württemberg. "Wenn wir die Halle schon haben, müssen wir das auch nutzen", sagt Ebner. Im Pokal übrigens muss sein Klub noch eine Runde überstehen, um erstmals das ersehnte Finalturnier zu erreichen. Das wird seit Jahren schon in Neu-Ulm ausgetragen, also in Bayern - und, für die volle Kapelle: dann auch wirklich in der großen Arena.

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