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Basketball in den USA:Tauschbörse für Fortgeschrittene

Evan Fournier, Daniel Theis

Daniel Theis gegen Evan Fournier, eine Szene aus der vergangenen Woche: Der Deutsche verließ Boston, der Franzose (rechts) kam dafür aus Orlando zu den Celtics.

(Foto: Michael Dwyer/AP)

Die Deutschen Daniel Theis und Moritz Wagner sind Teil eines Ringtausches in der amerikanischen Profiliga NBA. Ein Mitspracherecht haben sie dabei nicht - das gehört zu den Härten des Geschäfts im US-Sport.

Von Jonas Beckenkamp

Mit seinem letzten Wurf im Trikot der Boston Celtics hätte Daniel Theis dem Klub noch einen letzten Gefallen tun können. Am Mittwoch hatte der deutsche Basketballer in der NBA-Partie gegen die Milwaukee Bucks mit Ablauf der Spielzeit die Chance auf einen siegbringenden Treffer - doch sein Drei-Punkte-Wurf aus der Ecke knallte auf den Ring. Boston verlor 119:121, der Center mit den volltätowierten Armen schrie seinen Frust durch die Halle, denn mit der Niederlage geriet die Playoff-Teilnahme seines Klubs weiter in Gefahr.

Daniel Theis und die Boston Celtics, das hatte bislang gut gepasst. Der Braunschweiger hatte sich mit seiner kämpferischen Art in den vergangenen vier Jahren als Fanliebling beim Traditionsklub etabliert. Er stand für Blocks, Rebounds und Einsatz, sogenannte "hustle plays", wie es in den USA heißt. Doch nach der Partie in Milwaukee ereilte den 28-Jährigen die ganze Unerbittlichkeit des amerikanischen Sportgeschäfts: Am Freitag wurde er als Teil eines komplizierten Tauschgeschäfts mit diversen anderen Klubs zu den Chicago Bulls transferiert - ohne, dass er gefragt worden wäre, ob er das wollte. Für ihn bekamen die Celtics unter anderen den Franzosen Evan Fournier, 28, von Orlando Magic und den Deutschen Moritz Wagner, 23, von den Washington Wizards.

Einen direkten Tausch von deutschen Basketballern hat es in der NBA erst einmal gegeben: 1990 schickten die Golden State Warriors Uwe Blab nach San Antonio und erhielten im Gegenzug den späteren Europameister Christian Welp. Der Wechsel von Wagner und Theis kam indes über einen Umweg mit kurzem Zwischenstopp zustande. Der in Washington aktive Wagner wurde zunächst nach Chicago transferiert und von dort nach nur wenigen Stunden weiter nach Boston verschifft - für Theis.

Moritz Wagner

Fortan in Boston: Moritz Wagner.

(Foto: Mark J. Terrill/dpa)

Diese Wechsel-Aktion ohne Mitspracherecht der Beteiligten ist typisch für den mitunter knallharten Umgang amerikanischer Sportklubs mit ihrem Personal. Sportlich dürften Theis und Wagner mit ihren neuen Arbeitsplätzen leben können, Chicago und Boston sind aktuell ähnlich aussichtsreiche Mittelklasseklubs, die noch um die Playoffs kämpfen. Doch was so ein abrupter Umzug für die Betoffenen bedeutet, lässt sich an Theis' erster Reaktion ablesen.

"In den letzten vier Jahren ist Boston für mich und meine Familie zur Heimat geworden", schrieb der Nationalspieler auf Twitter. Er werde die Stadt immer in seinem Herzen haben und die Zeit als Celtic nie vergessen. Man darf Theis diese Worte durchaus abnehmen. Nachdem ihn die Celtics 2017 überraschend aus Bamberg geholt hatten, verbesserte er sich stetig. Und: Er hechtete jedem noch so weit entfernten Ball hinterher.

In den vergangenen beiden Jahren stand er meist in der Start-Aufstellung und kam im Schnitt auf knapp zehn Punkte sowie fünf Rebounds. Dass die Celtics darauf nun verzichten, mag überraschen, doch es gibt dafür mehrere Gründe. Zum einen läuft Theis' mit etwa fünf Millionen Dollar pro Jahr dotierte Vertrag im Sommer aus und der Klub hätte sich eine Weiterverpflichtung aufgrund der Gehaltsobergrenze in der NBA kaum leisten können. Zum anderen brauchte Boston dringend Akteure, die selbst Würfe kreieren können.

Der Sportchef der Bulls hält Theis für einen "interessanten Baustein"

Evan Fournier bringt genau diese Qualitäten mit, während Moritz Wagner in seinen ersten beiden Partien am Freitag und Samstag andeutete, dass er eine passable Ergänzung sein kann. Und Theis? Der versucht sich nun bei den Bulls, die nach Jahren des Herumdümpelns endlich wieder nach oben wollen.

"Wir haben heute unsere Mannschaft verbessert", sagte Chicagos Sportchef Arturas Karnisovas nach dem Ringtausch, Theis sei dabei ein "interessanter Baustein". Neben dem ebenso neu geholten Center Nikola Vucevic, könnte der Deutsche unter Coach Billy Donovan als Power Forward oder als Ersatz-Center agieren. Seine Defensiv-Fähigkeiten machen ihn bei den Bulls - in einer der schwächsten Abwehrreihen der NBA - besonders wertvoll.

Fortan Teamkollege von Theis: Nikola Vucevic

(Foto: Kevin C. Cox/AFP)

Interessanterweise wird Chicago unter der Leitung des Litauers Karnisovas immer mehr zur europäischen Dependance: Vucevic ist Montenegriner, dazu tummeln sich im Team der Finne Lauri Markkanen sowie der Tscheche Tomas Satoransky. Die Experten trauen Theis zu, mit seiner teamdienlichen Spielweise auch in Chicago viele Minuten auf dem Parkett zu bekommen; zuletzt in Boston waren es durchschnittlich immerhin fast 25 pro Partie.

"Daniel wird auch da eine gute Rolle spielen", sagte Bundestrainer Hendrik Rödl dem Sport-Informations-Dienst. Rödl beobachtet Theis sehr genau, er würde den 2,03-Meter-Mann gerne im Nationalteam sehen, wenn es Ende Juni in Kroatien um die Olympia-Qualifikation geht. Wegen einer Termin-Kollision mit der NBA wäre das aber nur möglich, wenn Theis' Team die am 22. Mai startenden Playoffs verpasst.

So oder so: "Er macht sein Ding", findet Rödl, Theis habe wie schon im vergangenen Jahr "eine gute Saison gespielt", das werde sich bei den Bulls fortsetzen. Ob er dort länger als bis zum Sommer bleibt, ist unklar. Theis wird dann ein sogenannter Free Agent. Er kann dann einen neuen Vertrag mit einem Klub seiner Wahl aushandeln.

© SZ/moe
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