Alexander Zverev:Ein kleiner teuflischer Kreislauf

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Alexander Zverev: In der Defensive: Alexander Zverev während des Matches gegen den Norweger Casper Ruud.

In der Defensive: Alexander Zverev während des Matches gegen den Norweger Casper Ruud.

(Foto: Michael Reaves/AFP)

Alexander Zverev rumpelt vor sich hin und scheitert auch beim Turnier in Miami. Ein renommierter spanischer Coach kann ihm auf die Schnelle nicht helfen - es scheint, als gebe es innerlich einiges zu verarbeiten.

Von Gerald Kleffmann

Es ist noch nicht lange her, dass Alexander Zverev Sätze sagte, die ihm nun wieder einmal vorgehalten werden. Ende Dezember verwies er darauf, dass sich alle großen Titel der zurückliegenden Saison auf nur drei Spieler verteilt hatten, auf Novak Djokovic, Daniil Medwedew - und ihn. Der Serbe gewann die Grand-Slam-Titel in Melbourne, Paris und Wimbledon, der Russe jenen in New York, Zverev errang Olympia-Gold und triumphierte bei den ATP Finals.

Daraus ergab sich für Zverev eine nachvollziehbare Schlussfolgerung: "Ich denke, nächstes Jahr könnte sehr ähnlich sein wie in der zweiten Hälfte des Jahres 2021." Doch weil er auch gemeint hatte, zuvor sei immer nur von Rafael Nadal, Roger Federer und Djokovic geredet worden und nun käme eben ein neues Dreigestirn, wurde ihm das nachteilig so ausgelegt, dass er quasi die im Tennis heilige Dynastie der großen Drei in den Ruhestand verabschiedet habe.

Nun, Ende März, wäre der Weltranglistenvierte Zverev wohl froh, er hätte seinen Kritikern nicht diese verbale Vorlage gegeben. Es ist natürlich ein Leichtes, ihm jenen Vergleich um die Ohren zu hauen. Jetzt, da sich in Florida endgültig manifestiert hat, dass Zverev im Jahr 2022 nicht so agiert wie 2021. Er spielt keine missratene Saison, aber auch keine gute. Es ist eine seltsame Saison für ihn.

Alexander Zverev: Tasche schultern und bloß weg! Alexander Zverev verlässt enttäuscht den Platz.

Tasche schultern und bloß weg! Alexander Zverev verlässt enttäuscht den Platz.

(Foto: Marta Lavandier/AP)

Am Mittwochabend schied Zverev im Viertelfinale des ATP-Turniers der Masters-Serie in Miami gegen den Norweger Casper Ruud aus, das Ergebnis aus Sicht des 24-jährigen Hamburgers spiegelte seine Wankelmütigkeit wider: 3:6, 6:1, 3:6. Im ersten Satz unterliefen ihm kinderleichte Fehler, das Break Ruuds, als dieser ihm das Aufschlagspiel zum 3:1 abnahm, überreichte er mit einem energielosen Rückhandball ins Netz. Schon da blickte er ratlos in Richtung seiner Betreuerbox. Im zweiten Satz kehrte der fähige Zverev zurück, er ergriff häufiger die Initiative. Im dritten Satz war er nicht schlecht, aber Ruud steigerte sein Niveau, das reichte, und selbst die Show beherrschte der Weltranglistenachte besser: Lässig ließ er einmal einen Ball, der nach einem Punkt hoch angeflogen kam, direkt in die Seitentasche seiner Shorts plumpsen. Zverev war nach solchen Kunststücken nicht zumute. Er sah aus, als arbeite er schlicht dieses Match ab.

"Ich hoffe, meine Form kommt zurück", sagte Zverev - er hoffte vergebens

Das Seltsame für Zverev ist, dass er seit Anfang Januar so manches Mal im Zentrum von Debatten stand, in denen es darum ging, wann er seinen ersten Grand-Slam-Pokal gewinnt und die Nummer eins der Weltrangliste wird - dummerweise passten seitdem seine Ergebnisse nicht zu diesen Diskussionen, die ihn doch belasteten, wie er nach seinem Scheitern bei den Australian Open zugab. Er sei nicht frei gewesen, blockiert, verriet er nach der Achtelfinal-Niederlage gegen den Kanadier Denis Shapovalov. Vier Siege hatten ihm in Melbourne nur gefehlt, um im Februar die Nummer eins werden zu können. Zwar hatte er damals gemeint: "Es gibt tausend mathematische Spielereien, aber es ist noch nicht die Zeit, daran zu denken." Das Problem nur: In jenem Moment dachte er ja bereits an dieses Thema. Ein kleiner teuflischer Kreislauf im Kopf und ein altbekanntes Phänomen im Tennis: Wer im falschen Moment zu grübeln anfängt, gerät schon mal aus der Bahn.

Bezeichnend rumpelte Zverevs Saison seitdem vor sich hin. In Montpellier, bei einem kleineren ATP-Turnier, erreichte er souverän das Finale, verlor aber gegen den Kasachen Alexander Bublik. In Acapulco seine von der Tour mit einer Geldstrafe versehene Schläger-Attacke gegen den Schiedsrichterstuhl. Die spontane Entscheidung, doch dem deutschen Davis-Cup-Team in Rio zu helfen, was ihm mit zwei Einzel-Siegen gelang. Dann wieder: frühe Niederlage in Indian Wells gegen den Amerikaner Tommy Paul, drei passable Siege in Miami und der Gedanke: "Ich hoffe, meine Form kommt zurück." Sie meldete sich nicht. Vielmehr wirkte Zverev auch gegen Ruud nicht mehr wie der mutige Goldjäger von Tokio, sondern wie ein Suchender seiner selbst.

Diesen Eindruck untermauerte auch die Tatsache, dass er sich überraschend und ohne Ankündigung in Miami einen neuen Trainer ins Team geholt hatte. Sergi Bruguera, der 1993 und 1994 die French Open gewann und in Barcelona eine renommierte Tennis-Akademie aufgebaut hat, betreute ihn probeweise. Zverev hatte offengelassen, ob die Zusammenarbeit nun bei den Turnieren in Europa, die folgen, fortgesetzt wird - in jedem Fall, das brachte diese Begebenheit zum Ausdruck, tüftelt er nach Wegen, um aus seiner seltsamen Spirale, in der er feststeckt, herauszukommen. Ungewöhnlich an der Verpflichtung Brugueras ist, dass der 51-Jährige der dritte Spanier ist, den Zverev nun zu Rate zieht; zuvor hatten Juan Carlos Ferrero und David Ferrer ihr Glück versucht. Das Arbeitsverhältnis zu Ferrero endete unschön mit gegenseitigen Vorwürfen, Ferrer hörte aus familiären Gründen auf.

Dass es vor allem innerlich in Zverev einiges zu verarbeiten gibt, könnte, für welchen Trainer auch immer, ein Ansatzpunkt sein. In Rio hatte Zverev bekannt, dass sein Fehlverhalten in Acapulco ihn doch ziemlich beschäftige. "Das war wohl der größte Fehler meiner Tenniskarriere", sagte er nachdenklich: "Am Ende des Tages hoffe ich, dass Leute mir vergeben und verstehen können, dass es großen mentalen Druck gibt, und Dinge passieren, die Leute gar nicht sehen, und dass wir alle Menschen sind. Es ist nicht einfach für mich."

Immerhin eine Debatte ist er vorerst los. Wenn er demnächst beim Monte Carlo Masters aufschlägt, kann er nicht die Nummer eins der Welt werden. Vielleicht wirkt sich diese Perspektive ja befreiend auf ihn aus.

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