Bester deutscher Tennisprofi Zverev hat die Nase voll vom Tennis

Zverev gelingt auf dem Platz derzeit nicht viel. In Rom scheitert er früh.

(Foto: Getty Images)

Der hochveranlagte Alexander Zverev steckt in seiner ersten nennenswerten Krise. Er verliert viel zu früh - und ist erstmals ganz auf sich allein gestellt.

Kommentar von Barbara Klimke

Er hat es auf die harte Tour versucht. Hat in Rockstar-Manier sein Instrument mit wuchtigen Schlägen vor dem Publikum in Trümmerstücke zerlegt. Dann probierte er den sanften Weg. Bemühte sich in quasi-therapeutischen Sitzungen vor der versammelten Weltpresse, über seine schwankende Frustrationstoleranzgrenze zu räsonieren. Bevor er nun die nächste Stufe akuter Achtsamkeit erreicht und möglicherweise anfängt, Baumstämme oder Netzpfosten zu umhäkeln, hat er sich zu einem naheliegenden, pragmatischen Schritt entschlossen: Alexander Zverev macht einen Bogen um alles, was alarmierend rot und rechteckig wie ein Tennis-Sandplatz aussieht. Er hat gerade die Nase voll von seinem Sport. "Erst mal", sagte er, "fasse ich den Schläger ein paar Tage nicht an."

Da ist sie also, die erste nennenswerte Krise des hochveranlagten, ambitionierten jungen Tennisprofis aus Hamburg, der in Rekordzeit aus den Niederungen der Weltrangliste bis zur Nummer drei aufstieg. Der im Herbst bei den ATP-Finals in London in beeindruckender Manier die Jahresbesten schlug. Und der nun, nach 20 Kalenderwochen im Jahr 2019 ohne Turniersieg, tatsächlich bis auf Rang fünf zurückgeschlittert ist.

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Mehr als diese Mini-Rutschpartie im Ranking jedoch macht Zverev der Umstand zu schaffen, dass ihn in der Konzentrationsphase derzeit schon Kleinigkeiten aus der Kurve werfen können. Bei der jüngsten Auftaktniederlage in Rom gegen Matteo Berrettini (5:7, 5:7) waren dies seiner Meinung nach die mangelnde Matchvorbereitung, Unstimmigkeiten im Team - sowie eine für italienische Verhältnisse im Wonnemonat Mai viel zu steife Brise.

Ivan Lendl kommt nächste Woche

Nun gehören derlei Formschwankungen zur normalen Entwicklung eines jungen Menschen im Berufsleben - Alexander Zverev ist gerade erst 22 Jahre alt geworden. Zum ersten Mal in seiner Karriere aber hat er nun zudem das Gefühl, er sei komplett auf sich allein gestellt: Von seinem Manager ist er im Streit geschieden; die Beziehung zur Freundin ist beendet; der Vater, der ihn von kleinauf betreute, lag im Krankenhaus.

Und sein Trainer, Ivan Lendl, ist wegen einer Pollenallergie das gesamte Frühjahr über in den USA geblieben. Ohne die Schar der Helfer hat Zverev erkennen müssen, was Profitennis auch noch ist, neben einem Knochenjob: ein Wirtschaftsunternehmen mit einem Athleten als Boss, der einen Stab von Angestellten, Trainer, Physiotherapeuten unterhält.

Seinen rapiden Aufstieg - auch dies ist Zverev klar geworden - verdankt er dem Umstand, dass er sich lange um nichts außer seiner Vorhand und Rückhand kümmern musste. "Im Tunnel sein", so hat Boris Becker einst diesen Zustand des begnadeten Egoismus des Athleten genannt, der sich auf das reine Spiel, auf nichts sonst, konzentrieren kann. Nichts spricht dagegen, dass auch Zverev dort wieder hinkommt. Vermutlich hilft es bereits enorm, wenn der niesende Ivan Lendl nächste Woche zum Team stößt.

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