Jule Niemeier bei den US Open:Sie ist bereit für den Broadway

Lesezeit: 3 min

Jule Niemeier bei den US Open: Erneut im Achtelfinale eines großen Turniers: Jule Niemeier.

Erneut im Achtelfinale eines großen Turniers: Jule Niemeier.

(Foto: Julian Finney/AFP)

Bei ihrem erst dritten Grand-Slam-Turnier bestätigt Jule Niemeier ihre Ambitionen auf die Weltspitze. Sie beweist Boris-Becker-Nerven beim Aufschlag - und trifft nun auf Branchenführerin Iga Swiatek.

Von Jürgen Schmieder, New York

Der Court 17 auf der Tennisanlage in Flushing Meadows ist ein eigenwilliges Gebilde. Ganz im Osten, beinahe versteckt; es kommen nur Leute hin, die auch wirklich dort sein wollen. Man kann sich nicht dorthin verirren wie zu Court 7 auf dem Weg zu Court 10, Court 12 auf dem Weg zur Fressmeile oder Court 15 auf dem Weg zu, nun ja, Court 17. Sehr viele Leute kamen am Freitagabend dorthin, weil sie die Partie zwischen Jule Niemeier und der Chinesin Qinwin Zheng sehen wollten - zwei Spielerinnen, denen man die ganz großen Stadien dieses Sports zutraut.

Court 17 ist, anders als es der Name vermuten lässt, die viertgrößte Arena, ein wahres Schmuckstück - der Platz für all jene, die zu gut sind für die kleineren Plätze (Court 5 ist einer, wo niemand sein will, der mal dort war), aber noch nicht bereit fürs Arthur Ashe Stadium. Off-Broadway sozusagen oder Financial District abseits der Wall Street. Dorthin hatte sich Jule Niemeier gespielt mit Erfolgen auf dem Grandstand (wohin sie wegen Gegnerin Sofia Kenin durfte, Australian-Open-Siegerin 2020) und Court 10.

"Ich mag die größeren Plätze, das habe ich in Wimbledon gemerkt", sagte die Westfälin vor der Drittrunden-Partie gegen Zheng. Beim Rasen-Grand-Slam hatte sie das Viertelfinale erreicht, auf dem Centre Court gespielt - und knapp verloren. Das ist das nächste Ziel in der noch jungen Karriere der 23 Jahre alten Niemeier: ein Erfolg auf dem größten Platz einer Grand-Slam-Anlage. Davon träumen sie freilich alle in New York City, denn es gilt noch immer die Frank-Sinatra-Regel: Wer es hier schafft, der kann es überall schaffen. Künstler wollen an den Broadway, Bänker an die Wall Street. Tennisspieler wollen in die größte Arena dieses Sports - doch dafür muss man sich qualifizieren.

Niemeier besitzt die Fähigkeit, ihre Taktik während der Partie permanent zu justieren

Also dann: Samstagabend, Court 17. Niemeier gewann diese Partie 6:4, 7:6 (5); viel spannender als das Ergebnis war indes, wie sie das tat. Es heißt oft, dass man ein Alleinstellungsmerkmal brauche, um sich für Broadway oder Wall Street zu empfehlen, Niemeier präsentierte gleich zwei. Das erste könnte man mit Balance-Pendel umschreiben: Sie ist in der Lage, viel Druck auszuüben von der Grundlinie aus, allerdings hat sie dabei häufig die Präzision einer Schrotflinte, gerade zu Beginn einer Partie.

Jule Niemeier bei den US Open: Die Topgesetzte: Iga Swiatek ist Niemeiers nächste Gegnerin bei den US Open.

Die Topgesetzte: Iga Swiatek ist Niemeiers nächste Gegnerin bei den US Open.

(Foto: Angela Weiss/AFP)

Sie besitzt die Fähigkeit, ihre Taktik während der Partie permanent zu justieren; sie ist dabei in stetem Kontakt zu Trainer Christopher Kas, der wegen einer Regeländerung zwischen den Ballwechseln kurze Anweisungen zurufen darf. Gegen Zheng begann sie überaus druckvoll, jedoch mit zahlreichen leichten Fehlern. Sie ließ also das Pendel nach drüben schwingen, zu Vorsicht, in der Hoffnung auf Fehler der Gegnerin. Als die ihr aber die Bälle um die Ohren knallte, schwang Niemeier wieder zu größerem Druck, dann wieder zu Risikoaversion - und so weiter und so fort, bis sie Mitte des ersten Satzes die für sie perfekte Balance gefunden hatte und Zheng mit einigen schön herausgespielten Punkten mitteilte: Hab' ich dich!

Die zweite große Stärke, auch wenn das ein hochgegriffener Vergleich ist für eine, die über sich sagt, dass sie sich "noch keine großen Gedanken über einen Grand-Slam-Sieg" mache: Boris-Becker-Nerven beim Aufschlag. Der war bekannt dafür, in wichtigen Momenten einer Partie ganz besonders gut zu servieren - und das tat Niemeier auch, stellvertretend sei das Aufschlagspiel bei 3:3 im ersten Durchgang erwähnt. Breakball Zheng: Ass. Einstand: Aufschlag-Winner. Spielball Niemeier: Ass. Es sind aber nicht nur die kraftvollen Eröffnungen, Niemeier servierte variabel; mit Kick und Slice, auch mal auf den Körper, dann wieder in die Ecke. Kurz: unberechenbar.

Man muss sich keine Sorgen machen, dass Niemeier gegen Swiatek nervös sein wird

Sie befreite sich immer wieder aus ungemütlichen Situationen wie dem 1:4 im zweiten Durchgang - wobei ihr half, dass die Eröffnungen der Gegnerin das Gegenstück zu denen von Niemeier waren; symbolisch das Spiel bei 3:4: Doppelfehler Zheng; dann ein zweiter Aufschlag, der geworfen nicht langsamer hätte sein können und den Niemeier mit Gewinnschlag beantwortete. Nach einem längeren Ballwechsel hatte Niemeier Breakball. Zheng beschenkte ihre Gegnerin: mit einem weiteren Doppelfehler.

All das vermischte sich dazu, wie Niemeier das Match im Tie-Break beendete: drei Service-Winner, zwei Vorhand-Gewinnschläge und noch zwei behutsam herausgespielte Punkte. Das war's.

Der Sieg ist freilich die Qualifikation für den Broadway dieses Turniers: Montag, Louis Armstrong Stadium, zweites Spiel nach 17 Uhr (MESZ/Eurosport) gegen Branchenführerin Iga Swiatek, die bislang kein Zeichen von Schwäche gezeigt hat. Man muss sich dennoch keine Sorgen machen, dass Niemeier nervös sein wird, sie liebt ja die großen Arenen und muss sich auch nicht um den Aufschlag sorgen. Der wackelt bei vielen Akteuren, wenn sie zum ersten Mal in dieser Arena antreten: Der Ballwurf verwirrt viele wegen der riesigen Tribünen und Anzeigetafeln sowie des Stadiondachs, die Perspektive ist völlig anders als auf den Außenplätzen. "Wir haben nach der Ankunft in New York schon zwei Mal dort trainiert, ich habe mich also schon ein bisschen daran gewöhnt", sagt sie. Jule Niemeier ist bereit für den Broadway.

Zur SZ-Startseite

US Open
:Der Vibe im Tennis wandelt sich

Lange beherrschten unersättliche Titelsammler wie Serena Williams oder Rafael Nadal die Tenniswelt. Bei den US Open ist eine Veränderung zu spüren - außer bei Nick Kyrgios.

Lesen Sie mehr zum Thema