US Open:Der Vibe im Tennis wandelt sich

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US Open: Gesegnet mit unendlich viel Ballgefühl: Nick Kyrgios.

Gesegnet mit unendlich viel Ballgefühl: Nick Kyrgios.

(Foto: Patrick Steiner/GEPA pictures/Imago)

Lange beherrschten unersättliche Titelsammler wie Serena Williams oder Rafael Nadal die Tenniswelt. Bei den US Open ist eine Veränderung zu spüren - außer bei Nick Kyrgios.

Von Jürgen Schmieder, New York

Zum Beispiel Jule Niemeier, Platz 108 der Weltrangliste. Sie hat gerade auf Court 10 gespielt, mittags, wenn sich die Temperaturen in New York dem Höllenfeuer nähern. Jetzt sitzt sie in den Katakomben des Arthur Ashe Stadiums, die Klimaanlage ist auf arktische Kälte gepegelt. "War schon okay", sagt Niemeier über die 34 Grad, die während ihres Zweitrundenerfolgs auf dem Platz gemessen wurden: "War schon heißer in den letzten Tagen."

6:3, 6:4 hat sie gegen Julia Putintsewa gewonnen, sie gehört damit nun schon mindestens zu den 32 besten Spielerinnen dieses Turniers; ein weiterer Erfolg, nachdem sie es in Wimbledon zuletzt unter die besten Acht geschafft hatte. Bei einem Sieg gegen die Chinesin Qinwen Zheng könnte es sogar zum Duell mit Iga Swiatek kommen; dann in einer der großen Arenen am Abend, wie es Leuten wie der Weltranglistenersten aus Polen gebührt. Man schlägt sich kurz vor Sonnenuntergang ein, das Spiel findet im überdachten Stadion bei milden 22 Grad statt.

"So weit denke ich nicht. Ich will Erfahrungen sammeln, alles aufsaugen", sagt Niemeier. Sie ist 23 Jahre alt, es ist ihr drittes Grand-Slam-Turnier. Heißt: Sie darf es versuchen. Sie erzeugt noch nicht diese gewaltige Aufmerksamkeit wie Serena Williams; es hilft wohl auch, dass die Erwartungen in der Heimat nicht überkochen: "Jede schreibt ihre eigene Geschichte. Serena hat den Abschied, den sie kriegt, absolut verdient. Das bedeutet nicht, das eine, die die dritte Runde erreicht, weniger wertgeschätzt wird."

Serena Williams bewundern? Ja. So sein wollen wie sie? Nicht unbedingt

Der Unterschied zwischen denen, die das Turnier zu Favoriten erklärt, auf Plakate druckt, in die großen Stadien schickt, und allen anderen - er könnte größer kaum sein. Der Spielplan der US Open wird nach zwei Kriterien erstellt: Wer füllt die großen Stadien, vor allem abends, wenn sie immer wieder Rekorde vermelden (am Mittwoch waren es 29 959 Besucher bei der Night Session)? Und: Wann schauen weltweit Leute zu? Wenn der Australier Nick Kyrgios um 22 Uhr New-York-Zeit auf dem größten Tennisplatz der Welt spielt, ist es in seiner Heimat Canberra 12 Uhr mittags.

Wer eine Runde weiter kommt, erhöht sein Preisgeld um jeweils mehr als 50 Prozent sowie die Präsenz für seine Sponsoren. Es ist bezeichnend, was das mit Akteuren anstellen kann angesichts der riesigen Unterschiede im Tennis - die Frage ist ja: Will man unbedingt erreichen, was andere haben, so wie es über die unvergessene Zeichentrickfigur Rossi hieß: "Andere können alles haben, können sich an Feinstem laben. Und von eben diesen Gaben möcht' Herr Rossi auch was haben."

Oder ändert sich da gerade was?

Zwei Jahrzehnte lang wurde der Tennissport dominiert von den Titelsammlern Williams, Rafael Nadal, Roger Federer und Novak Djokovic. Das passte in eine Zeit, in der Gier gefeiert wurde, so wie es passt, dass die letzten Ausläufer nun in der Über-Glorifizierung der 23-maligen Grand-Slam-Siegerin Williams zu sehen sind. Titel, Titel, Titel - The Greatest of all Time -, auch bei den Männern wird diese Debatte fast nur über Grand-Slam-Erfolge geführt. Als ob das Erreichen eines Viertelfinals kaum was wert wäre.

Wer in der ersten Woche ein bisschen rumläuft auf der Tennisanlage in Flushing Meadows und es sich im Spielergarten gemütlich macht, der spürt einen anderen Vibe als vor ein paar Jahren. Bitte nicht falsch verstehen: Es geht nicht zu wie im Sommerurlaub. Das sind Leute, die gewinnen wollen; die sich schinden für Erfolge; die sich bewusst sind, dass dieser Sport ein Verdrängungswettbewerb ist und jeder Akteur ein Konkurrent. Aber eben nicht mehr um jeden Preis. Serena bewundern: ja. Serena sein wollen: nicht unbedingt.

US Open: Auf Abschiedstour bei den US Open - Serena Williams wird zum Karriereende gehuldigt in New York.

Auf Abschiedstour bei den US Open - Serena Williams wird zum Karriereende gehuldigt in New York.

(Foto: Ella Ling/Shutterstock/Imago)

Was fehlt, ist das Verbissene, das oft ins Verkrampfte oder gar Verbitterte driftet. Der Respekt vor der Karriere von Williams ist immens - aber in Gesprächen merkt man, dass die meisten sich eher mit Ashleigh Barty identifizieren. Die stand 121 Wochen lang auf Platz eins der Weltrangliste, gewann drei Grand-Slam-Turniere, darunter im Januar jenes in ihrer Heimat Australien. Kurz nach dem Triumph in Melbourne, mit 25 Jahren, sagte sie: Ich mag nicht mehr.

Was ist verkehrt daran?

John McEnroe sagt seit Jahren, dass junge Spieler zu schnell zufrieden seien, weil sie auch ohne große Erfolge sehr viel Geld verdienen. Nick Kyrgios hat allein an Preisgeldern in seiner Laufbahn knapp zwölf Millionen Dollar eingenommen, ohne einen Grand-Slam-Titel gewonnen zu haben. Der siebenmalige Grand-Slam-Sieger McEnroe sagt das als Vorwurf, weil einem das selbst als Hobbysportler eingetrichtert wird: hungrig bleiben, nie zufrieden sein. Aber ist das nicht eines der wirklich großen Ziele im Leben: zufrieden zu sein, vor allem mit sich?

Nick Kyrgios sagt: "Dieses Wimbledon-Finale hat mich verändert"

Arthur Ashe, dem sie auf der Anlage eine Statue gebaut haben und dessen Namen der Center Court trägt, beschrieb es so: "Irgendwann im Leben erreicht man diesen wunderbaren Zustand, in dem Versuchen wichtiger ist als Gewinnen oder Verlieren."

Und da kommt einem wieder Kyrgios in den Sinn, der sich jahrelang in der Rolle desjenigen gefiel, der es eben nicht so richtig versuchte und gerade wegen dieser Einstellung massenhaft Zuschauer in die Stadien lockte - und höher dotierte Sponsorenverträge bekam als Leute in der Nähe seines Weltranglistenplatzes (derzeit 25). Im Frühling sagte er: "Nicht jeder kann Roger, Rafa oder Novak sein. Kann schon sein, dass ich kein Grand-Slam-Turnier gewinne. Aber das wäre völlig okay."

Dann erreichte er in Wimbledon das Finale, das er gegen Novak Djokovic verlor. Andy Roddick, der 2003 die US Open gewann, danach vier Grand-Slam-Endspiele verlor, stets gegen Roger Federer, sagte dazu: "Verlieren ist nicht schlimm, Tennisspieler sind das gewohnt, bei einem Grand Slam fahren 127 Frauen und 127 Männer nach einer Niederlage heim. Was schlimm ist: dem Triumph so nahe zu kommen und dann zu verlieren."

Die Aussage von Kyrgios nach dem Erreichen der dritten Runde bei den US Open: "Dieses Wimbledon-Finale hat mich verändert. So nah dran sein und dann verlieren, das tut weh. Ich dachte, dass es anders sein würde, dass ich nun relaxter bin, aber das ist nicht so", gestand er in New York. "Ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin; denn, ganz ehrlich: Das bin nicht ich! Ich bin nun professioneller, ja sogar perfektionistisch. Ich will jetzt gewinnen. Ich hätte nie gedacht, dass das so sein würde - und ja, das ist ziemlich stressig."

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