US Open New York wollte den anderen gewinnen sehen

Erleichtert: Novak Djokovic nach dem Sieg gegen Juan Martin Del Portro.

(Foto: USA TODAY Sports)
  • Im US-Open-Finale dominiert der Serbe Novak Djokovic und gewinnt souverän gegen Juan Martin del Potro aus Argentinien.
  • Die Partie wird für Djokovic dennoch zum Nervenspiel.
  • Die Beziehung zwischen dem 14-maligen Grand-Slam-Sieger und den Zuschauern ist speziell.
Von Jürgen Schmieder, New York

Novak Djokovic stand vor seinem Aufschlag an der Grundlinie und tippte den Ball auf den Boden. Plopp, Plopp, Plopp, ein Mal, zwei Mal, drei Mal, vier Mal, fünf Mal, sechs Mal. Es ist sein Ritual der Konzentration, also tippte er auch vor diesem Ballwechsel im zweiten Durchgang des US-Open-Endspiels gegen Juan Martin Del Potro. Plopp, Plopp, Plopp, sieben Mal, acht Mal, neun Mal, zehn Mal. Gewöhnlich tippt Djokovic etwa zehn Mal, die Anzahl ist allerdings ein Hinweis darauf, wie wichtig der folgende Punkt sein wird und wie aufgeregt Djokovic in diesem Moment ist. Er tippte weiter, als würde er nie wieder in seinem Leben aufschlagen wollen, plopp, plopp, plopp, 19 Mal, 20 Mal, 21 Mal, und vielleicht hat er in diesem Augenblick an seinen Gegner gedacht.

Dieser Gegner, das war nicht Del Potro, der war chancenlos an diesem Sonntagnachmittag, Djokovic gewann dieses Endspiel mit 6:3, 7:6(4), 6:3. Er war all seinen sieben Gegnern bei diesen US Open überlegen. Hätte er in diesem Augenblick an sie gedacht, dann hätte er den Ball kein einziges Mal auftippen dürfen. Er hat insgesamt nur zwei Durchgänge verloren, einen in der ersten Runde gegen Marton Fucsovics (Ungarn) und noch einen in der nächsten Runde gegen Tennys Sandgren (USA). Dieses Turnier war eine Botschaft von Djokovic, dass er wieder der beste Tennisspieler der Welt ist.

Vielleicht hat er in diesem Moment, beim 21-maligen Auftippen, zuerst einmal an das New Yorker Publikum gedacht, über das er sich kurz davor massiv aufgeregt hatte. Die wollten Del Potro regelrecht zum Sieg brüllen, den Außenseiter, der schlimme Verletzungen überstanden und entgegen allen Wahrscheinlichkeiten mal wieder ein Grand-Slam-Finale erreicht hatte. Moment mal, mag sich Djokovic in diesem Moment gedacht haben, ich habe doch ebenfalls eine ziemlich knifflige Zeit hinter mir, mit privaten Problemen, der Trennung vom Trainerteam und einer kniffligen Verletzung am Ellenbogen - warum in aller Welt ist dann schon wieder der andere der Publikumsliebling?

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Das war schon 2015 so gewesen, das Publikum war damals auf der Seite von Roger Federer, und es war geradezu grotesk: Die New Yorker bejubelten Doppelfehler von Djokovic und ließen zum taktisch klugen Zeitpunkt auch mal den Bierbecher fallen, um dessen Konzentration zu stören. Djokovic gewann dennoch, das Publikum war darüber nicht erfreut, es buhte jedoch nicht, sondern verließ noch vor der Siegerehrung das Arthur Ashe Stadium. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, gerade im Sport, da ist Hass immer auch ein Ausdruck größtmöglichen Respekts. Das Gegenteil von Liebe, vor allem im Sport, ist Gleichgültigkeit.

"Die Liebe der Leute ist mindestens so wichtig wie diese Trophäe", sagte Del Potro nach dem Spiel mit einer Sentimentalität, die nicht kitschig klingt. Djokovic hat nun 14 Grand-Slam-Titel gewonnen, so viele wie Pete Sampras, und er hat auch in den vergangenen beiden Wochen mal wieder alles dafür getan, dass ihn die New Yorker endlich in ihr nicht immer freundliches Herz schließen. Er hatte beim so genannten "Kids Day" zwei Tage vor Turnierbeginn ein paar Spaßübungen absolviert, nach jeder einzelnen Trainingseinheit geduldig Autogramme geschrieben und für Fotos posiert, nach jeder Partie bedankte er sich artig beim Publikum und versicherte ihnen, dass sie in der großartigsten Stadt der Welt leben.

Nur: Über die Anlage liefen die Leute vor allem in Federer- und Nadal-Devotionalien, außer Freunden und Verwandten trug kaum jemand eine Mütze mit Djokovic-Logo. Er besitzt eben nicht die Leichtigkeit und Eleganz des Schweizer Maestros, und er besitzt nicht das Kämpferherz des spanischen Stiers. Das plagt ihn, seit Jahren, die Liebe der Leute ist schließlich mindestens so wichtig wie Trophäen.