Tennis:Flucht vor Raketen, Zuflucht beim Tennis

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Tennis: Neue Hoffnung: Der ukrainische Tennislehrer Zhenja Hotman (rechts) mit Iphitos-Cheftrainer Uli Sprenglewski am Aumeisterweg.

Neue Hoffnung: Der ukrainische Tennislehrer Zhenja Hotman (rechts) mit Iphitos-Cheftrainer Uli Sprenglewski am Aumeisterweg.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Krieg vertrieb Zhenya Hotman samt Frau, Hund und Katze aus Odessa. Nun lebt der ukrainische Tennistrainer in der Nähe von München - und hat beim BMW-Open-Gastgeber MTTC Iphitos eine neue Perspektive gefunden.

Von Sebastian Winter

Am Aumeisterweg nahe des Englischen Gartens wuselten in den Osterferien noch Bauarbeiter und Gärtner herum, sie legten Blumenbeete neu an, strichen Wände, installierten zusätzliche Tribünen und das riesige, temporäre VIP-Zelt. Zhenya Hotman spürte schon in jenen Tagen beim Kaffee im Restaurant, dass hier, auf der Anlage des noblen Tennisklubs MTTC Iphitos München, gerade nicht nur der übliche Frühjahrsputz zum Start der Saison im Gange war, sondern etwas Großes vorbereitet wurde. Denn am vergangenen Samstag begannen auf dem Gelände am nördlichen Ende des Englischen Gartens die BMW Open, eines der größten Tennisturniere in Deutschland, dotiert mit mehr als 500 000 Euro. Mittendrin: Der Weltranglistendritte Alexander Zverev, der an diesem Mittwoch sein Achtelfinale gegen den Dänen Holger Rune bestreitet - und am Dienstag mit seiner Freundin Sophia Thomalla schon mal bei der Players Night im VIP-Zelt vorbeischaute.

Bei den BMW Open war Hotman schon am Samstag und Dienstag. Nun möchte er sich das Achtelfinale von Alexander Zverev anschauen

Hotman wird sich Zverevs Spiel anschauen, auch am Samstag und Dienstag hat er schon Matches gesehen: "Ich genieße das, schließlich war ich noch nie auf einem Turnier mit diesem Level." Seine Situation ist zugleich völlig surreal, denn der 39-Jährige lebte vor ein paar Wochen noch in Odessa an der ukrainischen Schwarzmeer-Küste. Er war dort 18 Jahre lang Trainer in einer großen Tennisschule, formte Talente, die dann an US-Colleges wechselten, wohnte mit seiner Frau im eigenen Appartement mit Meerblick. Er bekam als Selbstständiger rund 3000 Dollar im Monat, weit mehr als das, was Ukrainer im Durchschnitt verdienen, seine Frau hat noch eine eigene Wohnung in Kiew. Bis die Pandemie kam und alles verkomplizierte. Inzwischen ankern russische Invasoren mit ihren Kriegsschiffen vor den Toren Odessas und beschießen die Stadt.

Hotmans Frau trägt beim Kaffee im Restaurant ein rosafarbenes Oberteil, schicke Brille, er einen Iphitos-Trainingsanzug, schicke Uhr. Man sieht gleich, dass es ihnen nicht schlecht ging in der Ukraine. Doch nun müssen sie komplett neu anfangen in Deutschland. Die Iphitos-Verantwortlichen um Cheftrainer und Sportdirektor Uli Sprenglewski beschäftigen Hotman seit 1. April als Coach, am 8. April sind sie für gut eine Woche nach Italien gereist, zum Trainingslager für die Iphitos-Jugend. Integration im Rekordtempo. Hotmans Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt: "Ich möchte nie mehr in die Nähe von Russland ziehen." Ihr Sohn ist wie viele andere Verwandte und Bekannte in der Ukraine geblieben. Der 21-Jährige verteidigt als Soldat Kiew vor den Invasoren - ein paar Tage nach dem Massaker von Butscha sei er durch die Vorstadt gelaufen und habe deren Gräueltaten mit eigenen Augen gesehen.

Hotman spendete Blut für die ukrainische Armee, kaufte Essen für die Soldaten

Ihre Flucht begann am 24. Februar um fünf Uhr morgens in Odessa, als Hotman von einem Knall geweckt wurde - er dachte, es habe einen großen Unfall auf der Straße gegeben. Doch es waren die ersten Raketen, die auf die Stadt flogen. "Ich konnte es nicht glauben", sagt Hotman. Seine Frau schon, sie war ohnehin noch tief traumatisiert vom russischen Einmarsch im Donbass und auf der Krim vor acht Jahren. Sie fuhren zu seinen Eltern ins vier Autostunden nördlich gelegene Juschnoukrajinsk, blieben dort drei Tage voller Angst. Hotman spendete Blut für die ukrainische Armee, kaufte Essen für die Soldaten, sie sahen Konvois, die sich nach Cherson aufmachten, um die Großstadt zu verteidigen.

Dann fuhren er und seine Frau nach Odessa zurück, packten ihre Sachen und machten sich samt ihrer Sphynx-Katze und dem Chihuahua-Hund mit dem Auto auf den Weg nach Moldau. An der Grenze warteten sie 17 Stunden, überquerten sie, Hotman war das möglich, weil er anders als fast alle anderen ukrainischen Männer zwischen 18 und 60 Jahren nicht im Land bleiben musste, um sich für den Kriegsdienst bereitzuhalten: Aufgrund von Herzproblemen als Jugendlicher ist Hotman vom Militärdienst befreit. Sie fuhren dann weiter Richtung rumänische Grenze, schliefen im Auto, auch bei Bekannten. Über drei Ecken erfuhren sie von einer Facebook-Gruppe in Deutschland, "Wohnraum für die flüchtenden Ukrainer", die inzwischen fast 100 000 Mitglieder hat. Die beiden haben ohnehin einen Bezug zur Region, sie waren schon öfter in München, Bayern und Österreich, Hotman machte vor drei Jahren seiner Frau im Salzkammergut den Heiratsantrag. Eine Familie aus Grafing bei München meldete sich dann, mit zwei Kindern, "sie sind Vegetarier wie wir, es passte einfach", sagt Hotman. Als sie ankamen, lagen frische Pyjamas auf dem Kopfkissen ihrer Betten, auch die Tiere sind versorgt. Und sie hatten auch in beruflicher Hinsicht großes Glück.

"Jenja ist tip-top, hat viel Energie, er kann hier jedes Level trainieren", sagt Sprenglewski

Denn wieder über zwei Ecken kam Hotman in Kontakt mit Iphitos München. Als Sprenglewski davon erfuhr, dass ein ukrainischer Trainer Arbeit suche, lud er Hotman sofort ein. Er zeigte ihm die Anlage und die Tennis-Akademie, spielte ein paar Bälle mit ihm und fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, mit nach Italien zum Oster-Trainingslager zu fahren - samt 40 Jugendlichen. Die Dokumente für die Arbeitserlaubnis waren auch recht schnell besorgt. "Jenja ist tip-top, hat viel Energie, er kann hier jedes Level trainieren", sagt Sprenglewski.

In der zweiten Osterferien-Woche sollte Hotman eigentlich ein Trainingscamp für ukrainische Kinder leiten. Es kam dann doch nicht zustande, weil die organisatorischen Hürden zu groß waren. Ein kleiner Dämpfer war das in diesen Wochen voller neuer Eindrücke, aber nichts, was ihn aus der Bahn werfen würde. Vor allem in Anbetracht der Spiele, die da gerade vor seinen Augen stattfinden. "Ich bin schon sehr gespannt auf das Match von Alexander Zverev", sagt Hotman, "er ist der Star dieses Turniers."

Er weiß selbst nicht, was die Zukunft bringt, aber ist Iphitos und der Gastfamilie unendlich dankbar. Und eines ist zumindest aus Sicht der Iphitos-Verantwortlichen um Sprenglewski schon sicher: "Jenja wird seinen Weg hier finden."

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