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Tennis:"Ich wäre nicht gegen drei Gewinnsätze"

WTA-Turnier in Stuttgart

„Ich lebe nun einfach nach dem Motto: Recharge your battery!“ – Julia Görges genießt die Pause.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Julia Görges erklärt, warum Frauen im Tennis schlechter bezahlt werden, wie sie den Stillstand nutzt - und welchen Sinn Geisterspiele haben.

Interview von Gerald Kleffmann

Julia Görges zählt seit 13 Jahren zu den besten deutschen Tennisspielerinnen. Die 31-Jährige gewann sieben Turniere auf der WTA Tour, 2018 stand sie im Halbfinale in Wimbledon und erreichte danach die Top Ten (nun 38.). Wie alle Profis muss sie gerade aufgrund der Corona-bedingten Auszeit darauf warten, wann es wieder losgeht, der Tourbetrieb pausiert vorerst bis 31. Juli. Für ihre Trainersuche nach der Trennung von Jens Gerlach kann sich Görges also noch etwas Zeit lassen. Sie sei bereits in Gesprächen. Mit Interesse hat sie natürlich die Debatten im Tennis verfolgt.

SZ: Frau Görges, als Roger Federer kürzlich einen Zusammenschluss der ATP-Männertour und WTA-Frauentour vorschlug, war eine Menge los. Was haben Sie gedacht?

Julia Görges: Grundsätzlich ist das keine schlechte Idee. Aber ich denke, dass es noch viel zu organisieren gibt, wenn das stattfinden soll. Da wäre ja noch viel ungeklärt. Dass es diese Debatte nun gibt, sehe ich in jedem Fall sehr positiv. Wir haben ja ohnehin schon diverse Turniere, bei denen Frauen und Männer zusammen starten und parallel ihre Turniere spielen. Wenn man die Tour insgesamt anschaut, würde ich sagen, haben wir in dem Frauensport schon sehr, sehr viel dafür getan, um an die Position zu kommen, die wir jetzt erreicht haben. Natürlich ist der Männersport im Tennisbereich immer noch erfolgreicher.

Sie klingen, als seien die Gräben und Unterschiede gar nicht so frappierend?

Wenn man sich in den vergangenen Wochen im Internet ansah, wie die Tennisszene miteinander kommuniziert, etwa über Instagram-Live, da muss man doch sagen: Es herrscht trotz Meinungsverschiedenheiten im Detail doch ein großer Zusammenhalt.

Ein Detail zum Beispiel, das Federer verbessern würde, wären die uneinheitlichen Turnierkategorien zwischen der ATP und der WTA Tour. Bei den Männern ist alles klar gestaffelt, es gibt, nach den vier Grand Slams, die 1000er, die 500er, die 250er - diese Turniere heißen so, weil der Sieger jeweils so viele Weltranglisten-Punkte erhält. Auf der Frauentour sind die Kategorien schwammiger. Die wichtigsten sind die "Premier Mandatorys" in Indian Wells, Miami, Madrid und Peking, dann kommen die Kategorien "Premier 5", "Premier" und "International".

Das sehe ich auch so, dass das uneinheitlich wirkt. Da gibt es sicherlich Überarbeitungsbedarf. Für einen Außenstehenden ist das durchaus schwer zu verstehen, wo etwa die Unterschiede zwischen einem Premier Mandatory und einem Premier liegen. Ich als Spielerin kenne natürlich die Nuancen. Aber ich sehe schon auch die Vorteile, die die ATP mit ihrer Turnier-Staffelung bietet. Die Kategorien dort sind sehr einfach gegliedert und umso einfacher zu verstehen.

Ein anderes relevantes Thema ist Equal Pay, die gleiche Bezahlung. Bei den Grand Slams wird diese Gleichberechtigung bereits gelebt, auch bei manchen großen gemeinsamen Turnieren der Touren wie in Indian Wells. Aber überwiegend herrschen doch noch augenfällige Differenzen.

Bei den kleineren Turnieren haben wir sicherlich auf der Frauentour auch Überarbeitungsbedarf. Bei den Internationals, also den vergleichbaren Events zu den 250ern der Männer, erhalten wir für die ersten Runden vielerorts vielleicht die Hälfte und manchmal gar nur ein Viertel dessen, was auf der ATP Tour gezahlt wird. Wenn man dann mit seinem Team reist, oder selbst nur mit dem Coach, und du verlierst in der ersten Runde, gehst du schon mit einem Minus aus dem Turnier. Ich glaube, das sollte nicht sein, wenn man ein Profiturnier spielt, dass man nicht mal bei einer Erstrundenteilnahme seine Kosten decken kann. Das ist aber auch schon seit langem bekannt, dass daran gearbeitet werden sollte. Dass die Herren bei den Grand Slams best-of-five spielen ...

... über drei statt über zwei Gewinnsätze.

... relativiert natürlich manchmal den Eindruck. Dann wird nur gesehen, dass ein Mann etwa vier Stunden spielte und eine Frau eine Stunde - und bekommen dafür aber das gleiche Geld. Wenn man dieses Thema aber übers Jahr hinweg betrachtet, ist das alles wieder in einer ganz anderen Relation. Über die Saison und alle Turniere hinweg betrachtet machen die Männer grundsätzlich mehr Geld als die Frauen.

Wofür plädieren Sie?

Ich glaube nicht, dass ich diese Frage wirklich am besten beantworten kann, und ich bin auch nicht sicher, ob es eine Lösung gibt, die beide Seiten ganz glücklich machen kann. Um diesem schwierigen Thema gerecht zu werden, müsste man sich wirklich tief in alle Aspekte einarbeiten und dann abwägen. Aber was grundsätzlich vor allem auch im Sinne der Fans wäre: eine einfachere Gestaltung der Turnierkategorien und Punktevergaben. Toll wäre quasi eine Gebrauchsanleitung für die Tennissaison, die man von einer Stelle erhält und mit der man das ganze Jahr dann Tennis schauen und das System stets verstehen kann.

Was spräche eigentlich dagegen, dass die Frauen bei Grand Slams auch drei Gewinnsätze spielen?

Außer dass es bislang eben Tradition ist. Ich wäre nicht gegen den Modus Best-of-five, und so wie ich das mitbekommen habe, wären auch die meisten meiner Kolleginnen offen dafür. Aber auch dieses Thema ist viel komplexer, als es anmutet. Man kann nicht einfach sagen: So, jetzt spielen die Frauen auch über drei Gewinnsätze. Bei den Grand Slams hätte diese auch zeitliche Ausdehnung großen Einfluss auf die Frage, wie man das Programm in zwei Wochen für alle durchkriegt. Schon jetzt ist alles äußerst kompakt angesetzt. Da muss man sehen, wie die Debatten dazu weiter verlaufen.

Die Touren haben nun bekannt gegeben, dass bis 31. Juli pausiert wird. Wie erleben Sie die interne Kommunikation: Fühlen Sie sich als Spielerin immer gut informiert von den eigenen Verantwortlichen?

Eigentlich schon. Ich kriege relativ viele Emails, und vor einer Woche habe ich mit Steve Simon, dem Chef der WTA, telefoniert. Er wollte auch mal individuell mit den Spielerinnen sprechen. Und einfach mal hören, wie es geht. Aber grundsätzlich, wenn du gerade die ganze Welt betrachtest, kommen immer wieder neue Informationen. Momentan ist es schwer, etwas auszumachen, und ich denke, diese Unsicherheit zieht sich gerade durch die Welt. Vieles ist ja immer noch unberechenbar. Dementsprechend sitzt du wie auf heißen Kohlen, um dann wieder neue Informationen zu bekommen.

Mit welcher Erwartungshaltung bezüglich eines Re-Starts bewältigen Sie den Alltag?

Ich sag mal so: Wir sind ein komplett internationaler Sport, in dem Spielerinnen und Spieler aus allen Ländern zusammenkommen müssen. Ganz logisch und normal betrachtet in Sachen Reisefreiheit: Ich wäre ziemlich überrascht, wenn dieses Jahr noch irgendein Turnier stattfinden wird. Das ist meine persönliche Meinung. Deshalb bin ich da relativ entspannt. Wir werden schon irgendwann den Gong kriegen, wenn es losgeht. Und dann kannst du auch die Spannung wieder hochfahren. Mittlerweile ist es grad ein anderes Leben. Jetzt bin ich einfach mehr Privatperson. Ich bin natürlich wie alle viel zu Hause. Ich halte mich fit und habe Spaß daran.

Immer mehr Showkampfturniere ohne Zuschauer werden neuerdings aufgezogen, in Deutschland, in Österreich, in Frankreich, in den USA gibt es welche oder sollen noch kommen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Das ist schon okay, denke ich. Du kannst ja nicht einfach in die USA einreisen oder in andere Länder, wo gerade Turniere stattfinden würden. Und die Länder und deren Verbände versuchen nun mal, ihren Profis einen Ausgleich zu ermöglichen.

Virtuell wurden auch manche Turniere ausgetragen. Aber beides, Exhibition wie E-Sports-Matches, sind nicht so Ihre Sache gewesen, oder täuscht der Eindruck?

Nein, das ist richtig (lacht). Es ist für mich jetzt einfach mal eine andere Zeit, in der ich mir sage: Wenn es losgeht, geht's los! Da bin ich bereit! Aber in der Zeit, in der die Tour pausiert, ist es für mich auch mal ganz gesund, etwas ruhiger zu leben. Ich bin seit 13 Jahren auf der Tour unterwegs. Das geht auch nicht spurlos an einem vorbei. Deshalb nutze ich die Zeit jetzt einfach anders, um Kraft zu tanken. Das heißt ja nicht, dass ich danach nicht weiterspiele. Ich versuche eben auf meine Art, so viel Positives aus der Situation mitzunehmen, wie ich mitnehmen kann. Die virtuellen Matches fand ich übrigens super, weil auch Charity-Sachen daraus entstanden. Für mich ist das im Moment aber nichts gewesen.

Vor einem halben Jahr hatten Sie erzählt, dass Sie einen recht klaren Plan für diese Endphase Ihrer Karriere hätten und in zwei, drei Jahren wohl aufhören werden. Ändert diese jetzige Stillstand-Phase etwas an Ihrem Vorhaben?

Eigentlich nicht. Ich lebe nun einfach nach dem Motto: Recharge your battery! Ich finde, man kriegt jetzt eine neue, andere Energie, und das gefällt mir. Auch, dass ich mal nicht aus der Tasche leben muss. Ich trainiere ja auch ein paar Mal in der Woche. Aber es ist nun druckloser. Es ist mehr Fun dabei. Du zockst so ein bisschen. Nach so vielen Jahren, in denen man intensiv seinen Beruf auf der Tour ausgeübt hat, ist das eine interessante Erfahrung. Ich genieße das so, wie ich gerade mein Leben gestalte. Ich habe keinen Grund zu sagen: Gut, dann spiele ich nur noch ein Jahr oder so. Ich tanke Energie und dann geht es Vollgas irgendwann weiter. Und irgendwann ist Schluss, wenn du weißt, dass Schluss ist.

Noch ist ja unklar, ob überhaupt in dieser Saison ein Turnier stattfindet. Und auch, ob Zuschauer dann kommen dürfen. Könnten Sie sich Geisterspiele wie in der Fußballbundesliga vorstellen?

Zuschauer tragen sehr viel zu einem Tennisspiel bei. Atmosphärisch und von den Emotionen her. Aber für einen kurzen Zeitraum könnte ich es mir vorstellen. Geisterspiele sollten aber nicht zu einer dauerhaften Lösung werden.

© SZ vom 23.05.2020

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