SV Grödig in Österreich:Anpfiff im Niemandsland

SV Grödig in Österreich: Platz mit Alpenpanorama: Der SV Grödig spielt nun in Österreichs Bundesliga.

Platz mit Alpenpanorama: Der SV Grödig spielt nun in Österreichs Bundesliga.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Straßen sind noch nicht asphaltiert, für die Heimspiele ist ein provisorischer Kreisverkehr errichtet worden, beim Anstoß blicken die Spieler in die Berge: Die österreichische Bundesliga ist um einen Dorfklub reicher. Der SV Grödig und seine 2950 Fans wollen die Großen ärgern.

Von Manuel Fischer

An diesen Anblick muss man sich selbst in Österreich noch gewöhnen, in dem Land, in dem die zweithöchste Spielklasse im Profi-Fußball als "Erste Liga" bezeichnet wird und die höchste Spielklasse kurz und knackig "tipp3-Bundesliga powered by T-Mobile" heißt. An jenen Anblick also, wenn sich die Spieler in der Untersberg-Arena, dem Stadion des SV Grödig, auf dem Spielfeld aufstellen.

Der SV Grödig, das ist das neue Mitglied im elitären Kreis der zehn besten Vereine Österreichs. Am Samstag feierte der Dorfklub aus der Flachgauer Marktgemeinde im Süden der Stadt Salzburg gegen die SV Ried seine Premiere in der Bundesliga - und 2950 Zuschauer feierten mit. So viele Fans waren gekommen, um die Spieler des Aufsteigers zu sehen.

Als die Profis zur Filmmusik von "Fluch der Karibik" aus den Katakomben erschienen, sahen die meisten Besucher aber nur den Rücken der 22 Spieler und der Unparteiischen. Statt zur Haupttribüne blickten sie bei der Begrüßung vor dem Anpfiff ins Niemandsland. Das Niemandsland, das sind Mais- und Weizenfelder, die Tauern-Autobahn, der Grödiger Kirchturm sowie der Untersberg. Und die Kameras der TV-Stationen, die das Spiel live übertragen.

Während also die Fernsehzuschauer die an diesem Tag gut gefüllte Haupttribüne im Hintergrund ansehen dürfen, bleibt den Stadionbesuchern lediglich der Blick in die Weite. Von einer Stadionatmosphäre wie man sie in der deutschen Bundesliga kennt, kann man nicht wirklich sprechen. Selbst so mancher gestandene österreichische Profi muss sich da noch ein wenig umstellen. "Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn du vor dem Anstoß nicht ins Publikum, sondern in die Berge schaust", sagt Thomas Gebauer. Der gebürtige Augsburger steht bei der SV Ried im Tor. Ried im Innkreis, das ist eine kleine Stadt im oberösterreichischen Innviertel und auch nicht unbedingt als Metropole bekannt.

Ein wenig, sagen wir mal: gewöhnungsbedürftig, ist auch die Anreise zur Untersbergarena in Grödig. Unmittelbar nach der Autobahnabfahrt wurde ein provisorischer Kreisverkehr errichtet, der nur bei Heimspielen existiert. Von dort gelangt man zu einer neuen Zufahrtstraße, die beim Stadion endet. Die Straße ist so neu, dass sie noch nicht mal asphaltiert wurde. Wenn es in dieser Saison zu den Auswärtsspielen nach Grödig geht, sind daher erfahrene Busfahrer gefragt. Solche, die gerne mal auf schmalen Kieselstraßen fahren.

Schrott auf dem Vormarsch

Auch wenn es in Grödig an der einen oder anderen Stelle noch Nachholbedarf gibt, hat der Klub durchaus verdient, sich zumindest eine Saison lang mit den besten Mannschaften des Landes messen zu dürfen. Der Aufsteiger schuftet seit Wochen, um die Anforderungen der Bundesliga zu erfüllen. Am Samstag wurden erst sechs Stunden vor dem Anpfiff die Baggerarbeiten eingestellt. "Die größten Baustellen sind erledigt", sagt Christian Haas. Der Manager der Grödiger kann nun das erste Mal seit dem Aufstieg ein wenig durchschnaufen. Seit Sonntag erholt er sich auf Mallorca für die nächsten Aufgaben.

Dass der Aufsteiger nicht überall gerne gesehen ist, dafür kann man dem Klub keinen Vorwurf machen. Auch deshalb, weil man seit Jahren gut wirtschaftet und damit etwas geschafft hat, was Traditionsvereine wie der Linzer ASK, der Grazer AK oder Austria Klagenfurt nicht geschafft haben.

Neben Hauptsponsor Scholz, einem international führenden Unternehmen für Schrott-Recycling, ist der Aufstieg Grödigs vor allem mit Toni Haas verbunden. Auch der ist Schrott-Unternehmer, übernahm den Klub 2002 und führte ihn in die erste Liga. Wenn man so will, besteht die Finanzkraft des SV Grödig aus Schrott, was auch auf den Trikots vermarktet wird: "Altmetall-Profis" ist darauf zu lesen.

Die Altmetall-Profis rund um Trainer Adi Hütter wollen in dieser Saison die großen Klubs der Liga ärgern. Die Großen, das sind Rapid, Austria, Salzburg, Sturm Graz. Es sind die Klubs aus den österreichischen Großstädten, die derzeit noch die Nase vorne haben. Die Dorfklubs wie Ried, Wolfsberg oder eben Grödig sind aber auf dem Vormarsch. Und offenbar hat sich so etwas wie eine Solidarität zwischen ihnen entwickelt.

Ein Beispiel dafür vom Samstag: Als Wolfsberg, der Aufsteiger aus der vergangenen Saison, kurz vor Schluss gegen Rekordmeister Rapid Wien den Ausgleich zum 2:2 erzielte, gab es bei den 2950 Fans in der Untersbergarena Jubel und Beifall für den Außenseiter. Wenn die Großen geärgert werden, ist es auch dann schön, wenn man selbst daran nicht beteiligt ist.

In Grödig sollte es der einzige Jubel bei der Bundesliga-Premiere bleiben. Der routinierte Dorfklub aus Ried holte beim unerfahrenen Dorfklub aus Grödig ein 0:0. Ein Unentschieden, das nach dem Spiel zu den Klängen von DJ Ötzi gefeiert wurde. Durchschnaufen! Die großen Klubs können jetzt kommen.

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