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Start der Fußball-EM:Europameisterschaft - Betörender Rausch auf einem kranken Kontinent

Ukraine v France - Group D: UEFA EURO 2012

Betörende Unterhaltungsmaschine unter dunklen Wolken: Die Fußballmeisterschaft in einem unter Spannung stehenden Kontinent

(Foto: Getty Images)

Fußball hat noch nie im gesellschaftlichen Vakuum stattgefunden. Aber selten war ein Turnier von so vielen politischen Fragen überlagert wie dieses.

Kommentar von Javier Cáceres

Wirft man den Blick zurück auf die Anfänge der Europameisterschaft, lässt sich vieles lernen. Zum Beispiel: Dass nichts von Menschenhand Erschaffenes von Dauer ist, und sei es noch so sehr auf Ewigkeit angelegt. Die EM wurde erstmals 1960 ausgetragen; das Endspiel fand seinerzeit in Paris statt (vor 18 000 Zuschauern), und es trafen die Vertretungen zweier Länder aufeinander, deren Exitus längst besiegelt ist: Die Sowjetunion siegte gegen Jugoslawien.

Nicht, dass irgendwelche Vergleiche statthaft wären; die Apokalypse pflegt ihre Propheten zu enttäuschen. Aber es lenkt den Blick darauf, dass es um die Gesundheit des Kontinents, der da von diesem Freitag an seine höchste Fußballmesse feiert, zurzeit nicht so richtig gut bestellt ist. Sie wird in den kommenden Wochen eine Rolle spielen.

Fußball hat noch nie im gesellschaftlichen Vakuum stattgefunden. Aber nur selten war ein EM-Turnier von so vielen politischen Fragen, die direkt mit dem europäischen Selbstverständnis zu tun haben, überlagert wie dieses. Eine Tour d'Horizon ohne Anspruch auf Vollständigkeit gefällig? Die Lage im Gastgeberland Frankreich ist aus vielen Gründen angespannt, nicht zuletzt wegen der immer wieder beschworenen Terrorbedrohung, oder den Streiks gegen eine immer tiefer gehende Liberalisierung.

Die Griechen, die bis zur Selbstverleugnung um ihr Überleben in der EU kämpfen, haben die Endrunde in Frankreich verpasst - ein Grexit auf dem grünen Rasen, sozusagen. Andere wollen sich abwenden, und so wäre es ein wunderbar ironischer Witz der Geschichte, wenn die EM-Trophäe ausgerechnet ins Vereinigte Königreich wandern sollte - nur ein paar Wochen nach einem Ja zum "Brexit", zum Austritt aus der EU.

Reichlich Konfliktstoff

Welchen Konfliktstoff es bergen kann, dass Russen und Ukrainer (sowie Polen) im Turnier zu finden sind, lässt sich aus dem letzten Gesangswettbewerb Eurovision lernen. An den Grenzen zu Russland finden Manöver der Nato statt, und Russlands Präsident Wladimir Putin schickt U-Boote an den Rand britischer Hoheitsgewässer - just am Vorabend der Auftaktpartie Russlands gegen England. Zusammengefasst: Die EM birgt genug Gelegenheiten, mal mehr, mal weniger stimmige, mal mehr und mal weniger glückliche Parallelen zur realen Welt zu ziehen, wenn sich Millionen auf dem Kontinent an einem Opium namens Fußball berauschen, das in den Kathedralen unserer Zeit feilgeboten wird: den Fußballstadien.

Dass sie das tun, hat nicht nur damit zu tun, dass der Fußball eine betörende Unterhaltungsmaschine ist. Der Fußball ist eine der letzten verbliebenen Industrien des Kontinents, die unaufhörlich zu wachsen scheint, die keine Grenzen kennt, auch in ihren Turnieren immer gigantischer wird - als beziehe sie ihren Treibstoff aus den immer größer werdenden Frustrationen der Europäer.

Und dennoch: Womöglich wird man in vier Jahren mit Wehmut an Frankreich 2016 zurückdenken. Statt die EM in einem einzigen Land stattfinden zu lassen wie bisher, wird sie 2020 in 13 Städten in 13 verschiedenen Ländern gefeiert. Eine von der EU-Kommission protegierte Idee des europäischen Fußballverbandes Uefa, die sich allmählich liest wie eine Parabel auf die immer greifbarere Fragmentierung Europas.

© SZ vom 10.06.2016/jbe
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