Sportfilme beim Dok.fest München:Freigeist im Korsett

Sportfilme beim Dok.fest München: "Snowboarden bedeutet für mich Freiheit", sagt Silvia Mittermüller.

"Snowboarden bedeutet für mich Freiheit", sagt Silvia Mittermüller.

(Foto: Gerald von Foris)

Der Dokumentarfilm "Metal Battle Girl" zeichnet die Karriere der Münchner Snowboarderin Silvia Mittermüller nach, die reich ist an Erfolgen, Rückschlägen und Konflikten mit ihrem Verband. Das Ende ist unversöhnlich.

Von Ralf Tögel

Am Schluss des Films bezieht sich Silvia Mittermüller auf die Meinungsfreiheit. "Ich darf meine Geschichte so erzählen, wie ich sie erlebt und erfahren habe, und das ist die Wahrheit." Es ist die Geschichte einer der besten deutschen Snowboarderinnen, deren 20 Jahre lange Karriere in einem tiefen Zerwürfnis mit dem Snowboard Verband Deutschland (SVD) endet. Es ist die Geschichte von Versäumnissen und Missverständnissen, von gegenseitigen Vorhaltungen, von schweren Vorwürfen der Athletin an den Verband. Es ist die Geschichte einer tiefen Depression - und dem Weg aus dieser Finsternis, die im Dokumentarfilm "Metal Battle Girl" erzählt wird, der auf dem Dok.fest München läuft.

Der Moment, in dem die mittlerweile 39-jährige ehemalige Weltcup-Siegerin ihre lange Karriere endgültig beendet, ist auch der Schluss der Dokumentation des Münchner Filmemachers Andreas Wolff - festgehalten in einem mitgefilmten Telefongespräch der Athletin mit dem SVD-Präsidenten Michael Hölz. Mittermüller sagt einen letzten Einigungstermin ab, Hölz droht ihr rechtliche Schritte an - wegen verbandschädigenden Verhaltens, wie er findet.

Der Präsident kommt in dem Film zu Wort, beruft sich dann kurz vor Erscheinen auf einen seiner Ansicht nach vereinbarten Autorisierungsvorbehalt - weshalb sich der Verband gegen eine Veröffentlichung dieser Interviewszenen ausspricht. Erfolglos, denn der Filmemacher sagt im Gespräch mit der SZ, Hölz habe mehrmals darauf verzichtet - und auch das Filmen von Telefonaten erlaubt. Den Dialog führen mittlerweile Anwälte.

Wie konnte es so weit kommen?

"Ich fühlte mich zu ihrer Geschichte hingezogen", sagt Regisseur Andreas Wolff, selbst ehemaliger Extremsportler

Wer den Film sieht, kann sich vorstellen, dass Mittermüller keine bequeme Athletin ist. Die Münchnerin lebt kompromisslos und leidenschaftlich für ihren Sport, die Freestyle-Variante des Snowboardens. Es geht um Drehungen in der Luft, Schraubensalti in der Halfpipe, im Slopestyle-Kurs oder auf der Riesenschanze - die Athletinnen riskieren bei jedem Run ihre Gesundheit. Vielleicht ist das der Grund für den Zusammenhalt in der Szene. Extremsportler verstehen sich als Familie, sind spontan, auch mal unangepasst, coachen sich. "Snowboarden bedeutet für mich Freiheit", sagt Mittermüller. Das muss man wissen, um sie zu verstehen.

Andreas Wolff versteht sie, er war selbst Extremsportler, reiste elf Jahre lang als professioneller Surfer um den Erdball. Er kennt das Gefühl, wenn eine aktive Karriere zu Ende geht, ein Leben endet und ein zweites noch nicht richtig begonnen hat. "Die Schwierigkeit, den Sport loszulassen, die Trauer, in die man hineinstürzt", wie er sagt. Ihm gelang der Übergang besser als der Protagonistin seines Films. Denn Wolff, der sich schon immer für Film interessierte und erste Projekte noch als Profisurfer realisierte, wurde bald nach dem Karriereende an der USC Graduate Cinema School in Los Angeles angenommen. Nach einem Jahr wechselte er nach München an die Hochschule für Fernsehen. Drei Filme hat der 44-Jährige bisher gedreht, zwei in Co-Regie mit Stephanie Brockhaus, allesamt mehrfach ausgezeichnet. Dann stieß er auf Silvia Mittermüller.

"Ich fühlte mich zu ihrer Geschichte hingezogen", sagt Wolff. Vergangenen Donnerstag war Uraufführung im Münchner Rio Filmpalast, kommenden Donnerstag (20.30 Uhr, Deutsches Theater) und Freitag (18 Uhr, Pasinger Fabrik) wird der Film erneut gezeigt. Das ZDF hat coproduziert und strahlt "Metal Battle Girl" Ende des Jahres in seiner Reihe "Das kleine Fernsehspiel" aus.

Mittermüllers Geschichte zeigt, wie schwierig es sein kann, wenn freiheitsliebende Sportler auf einen Verband treffen, der nun mal in Strukturen denken und Erfolge vorzeigen muss, um Geld von Staat und Sponsoren zu erhalten. Spätestens als Snowboarden olympisch ist, werden die Freigeister in ein Leistungskorsett gepresst. Mittermüller hat schon immer Probleme mit straffen Vorgaben; mal kommt sie mit dem Trainer nicht klar, mal wirft sie Funktionären Ahnungslosigkeit vor. Dennoch geht ihre Karriere schnell voran, sie ist in der Freestyle-Sparte lange Jahre die beste Deutsche, zählt zur Weltspitze.

Nach einem Sturz in Neuseeland fühlt sie sich alleingelassen, trampt auf eigene Faust ins Quartier - mit lebensbedrohlichen Hirnblutungen

Aber sie nimmt sich auch die Freiheit, bei einer Weltmeisterschaft den Start zu verweigern, weil es ihr zu gefährlich erscheint. Mehrmals überwirft sie sich mit Offiziellen, fällt aus der Förderung. Extremsportler sind Eigenverantwortung gewohnt, fliegen um die Welt zu Contests, finanzieren sich über Sponsoren oder Werbefilme. Um wichtige Wettkämpfe zu bestreiten, braucht es aber einen Verband. Olympia 2014 verpasst Mittermüller wegen interner Querelen, für 2018 nimmt der Verband sie wieder in die Förderung.

Aber die Zusammenarbeit bleibt belastet: Während eines Trainingscamps in Neuseeland 2017 fährt sie alleine in einer Halfpipe und stürzt schwer auf den Kopf, bleibt bewusstlos liegen. Als Hilfe kommt, erleidet sie einen epileptischen Anfall, wird mit dem Helikopter in ein Krankenhaus geflogen. Die Ärzte diagnostizieren trotz Computertomografie nur eine Gehirnerschütterung, Mittermüller will das Krankenhaus verlassen. Ihr Trainer, der nicht mit in die Klinik geflogen war, rät ihr, die Nacht dortzubleiben, will sie am nächsten Morgen abholen - nach telefonischer Absprache mit dem Teamarzt in Deutschland. Mittermüller fühlt sich alleine gelassen, schätzt heute ihre damalige Hirnfunktion auf "ungefähr fünf Prozent" - und handelt entsprechend. Sie entlässt sich selbst, trampt ins deutsche Quartier, sitzt am nächsten Tag im Flieger nach Deutschland. Dort werden Hirnblutungen festgestellt. Mittermüller hätte sterben können.

Präsident Hölz verweist auf SZ-Anfrage auf die Eigenverantwortung der Athletin: "Alle Verbandsbeteiligten wurden ihrer Verantwortung bestmöglich und situationsorientiert gerecht." Aber wie weit geht die Fürsorgepflicht wirklich - hätte der Trainer nicht bei ihr sein sollen, angesichts ihres Zustands?

Mittermüller erholt sich damals schnell und startet ein Jahr später bei den Winterspielen in Pyeongchang. Strecke und Wetter sind fordernd, Mittermüller wird im Training von einer Böe erfasst, der Innenmeniskus reißt. Sie bringt dennoch einen Wertungslauf ins Ziel und ist "die glücklichste Letzte aller Zeiten".

Ein paar Wochen nach Olympia eröffnet ihr der Verband, dass er sie aus dem Kader streicht, ihr die finanzielle Unterstützung abdreht. Man habe ihr ins Gesicht gesagt, "dass ich zu alt und zu verletzt bin, um wieder auf Weltcup-Niveau zu fahren". Die Art, wie ihr die Kunde überbracht wird, scheint sie mindestens so zu schmerzen wie die Nachricht an sich. Mittermüller fällt in ein Loch, fühlt sich wertlos, verstoßen. Erkrankt an einer schweren Depression, hat Selbstmordgedanken, weist sich selbst in die Psychiatrie ein. Sie verliert den Halt.

Sportfilme beim Dok.fest München: "Die glücklichste Letzte aller Zeiten": Silvia Mittermüller bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang.

"Die glücklichste Letzte aller Zeiten": Silvia Mittermüller bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Aber sie, die unzählige Verletzungen weggesteckt hat, allein drei Kreuzbandrisse, Brüche, einen Achillessehnenriss, sie übersteht auch diese Krise.

Und sie erzählt dem Spiegel ihre Geschichte, spricht von einem Befreiungsschlag - und macht den Verband für das seelische Tief hauptverantwortlich, in das sie nach Olympia 2018 stürzte. Der Verband will sich damals nicht äußern, versteht den Furor seiner Athletin nicht. Mittermüller will wieder bei Rennen starten, der Verband lehnt ab - aus Fürsorgepflicht, wie Hölz heute mitteilt: "Dies geschah nach ärztlichem Gutachten zu ihrer physischen und psychischen Gesundheit."

Mittermüller sieht dies als Quittung, weil sie ihre Sichtweise damals veröffentlichte. Tatsächlich stellte ihr der Verband vor einem Jahr in Aussicht, sie wieder bei regionalen Wettbewerben zu melden, wenn sie sich für verbandsschädigende Aussagen in der Vergangenheit entschuldigt, auf eine Korrektur bestimmter Aussagen in dem Dokumentarfilm einwirkt und unterzeichnet, dass sie bei Wettkampfteilnahmen einem Haftungsausschluss zustimmt. Ein Gang nach Canossa für die Erlaubnis, wieder für den Verband starten zu dürfen? Eine mindestens ungewöhnliche Forderung. Für Mittermüller der letzte Anstoß, ihre Karriere zu beenden.

Wolffs ursprüngliche Idee war eine dokumentarische Aufarbeitung der Karriere von Silvia Mittermüller, im Idealfall mit versöhnlichem Ende. Das scheitert am Festhalten beider Parteien an ihrer jeweiligen Sichtweise, ein wirklicher Wille zur Einigung ist nicht zu erkennen. So erhält die Dokumentation einen anklagenden Grundton. Und hinterlässt den Zuseher von "Metal Battle Girl" mit der Frage, welche Verantwortungen Athlet und Verband füreinander tragen, wenn die Leistungen schwinden - der Mensch aber bleibt.

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