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Sorgen um 1860 München:Auswärtsfahrten mit der S-Bahn

Große Sorgen um den Spielort, das eigene Nachwuchszentrum und die Fanarbeit: Was eine Insolvenz für den Zweitligisten TSV 1860 München bedeuten könnte.

Markus Schäflein und Wolfgang Wittl

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MASCOT

Quelle: AP

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Dem Fußball-Zweitligisten TSV 1860 München droht die Insolvenz - woher die acht Millionen Euro kommen sollen, die den Löwen fehlen, ist derzeit unbekannt. Noch ist die Rettung möglich, Präsident Dieter Schneider und Geschäftsführer Robert Schäfer arbeiteten am Dienstag intensiv an einer kombinierten Lösung mit einem Investor und einer Bank. Doch die Anhänger fragen sich bereits, wie es im Falle der Zahlungsunfähigkeit mit ihrem Klub weitergehen würde. Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie würde die Tabelle der zweiten Bundesliga aussehen?

Anders als im Amateurbereich üblich - und zuletzt in der Regionalliga Süd bei der SpVgg Weiden und dem SSV Ulm praktiziert -, würde die Mannschaft nicht mit null Punkten ans Tabellenende gesetzt. Den Löwen würden im Insolvenzfall neun Punkte abgezogen, ihre Spiele blieben allerdings in der Wertung. "Wird gegen einen Lizenznehmer im Zeitraum vom 1.7. eines Jahres bis einschließlich des letzten Spieltages einer Spielzeit rechtskräftig ein Insolvenzverfahren eröffnet oder die Eröffnung mangels Masse abgelehnt, so werden dem Lizenznehmer mit Rechtskraft des Beschlusses des Insolvenzgerichts neun Gewinnpunkte mit sofortiger Wirkung aberkannt", heißt es in Paragraph 11 der Lizenzierungsordnung der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Das ist noch nie vorgekommen - 1860 wäre ein Präzedenzfall.

1860 Muenchen v Fortuna Duesseldorf - 2. Bundesliga

Quelle: Bongarts/Getty Images

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In welcher Liga würde der TSV 1860 künftig antreten?

"In der Bayernliga, so ist es bekannt, fahr'n die Giesinger Bauern mit der S-Bahn aufs Land." - Der alte Schmähgesang der unbarmherzigen FC-Bayern-Fans könnte bald wieder die Realität abbilden - sofern der Bayerische Fußball-Verband (BFV) mitspielt. Die dritte Liga und die viertklassige Regionalliga haben auch ein Lizenzierungsverfahren, der Weg der Löwen würde in den Amateurbereich führen, den der BFV organisiert. Der Verband lässt es derzeit offen, wohin er die Löwen eingliedern würde - aufgrund des Stellenwerts und des Fanaufkommens dürfte es jedoch die höchste Amateurklasse werden. Dort hat 1860 in den achtziger Jahren ja bereits gespielt - damals war die Bayernliga allerdings noch die dritthöchste Liga, heute ist sie fünftklassig. Kleiner Trost: Durch die Ligareform geht sie in der Saison 2012/2013 in der Regionalliga Bayern auf und wird immerhin vierte Spielklasse. Um dort dabei zu sein, müssten die Löwen in der Bayernliga-Saison 2011/12 unter den ersten neun oder zehn Teams landen. Zu ihren Konkurrenten würden der TSV Rain/Lech und der TSV Buchbach zählen; aber immerhin auch Rivalen früherer Tage wie Schweinfurt 05 und die SpVgg Bayreuth - sowie der von Löwen-Idol Karsten Wettberg trainierte SV Seligenporten.

1860 München droht Insolvenz

Quelle: dpa

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Wie würde es mit dem Fanprojekt weitergehen?

"Von einem Zwangsabstieg der Löwen wäre aller Voraussicht nach auch unsere Sozialarbeit betroffen", sagt Lothar Langer, der beim Fanprojekt München für 1860 zuständig ist. Die Zuschüsse kommen paritätisch zu je einem Drittel von Deutschem Fußball-Bund (DFB)/DFL, von der Stadt München und vom Bundesland Bayern. "Es wird weniger Geld vom DFB geben, und dann senken in der Folge auch die anderen Partner ihre Zuschüsse", erklärt Langer, "und das Kultusministerium wird sich sehr dafür interessieren, wie wir unseren Personalaufwand weiterhin begründen." Es gebe zwar auch in der fünften und sechsten Liga Fanprojekte, beispielsweise in Leipzig. "Aber unsere Arbeit wird auf jeden Fall schwieriger", meint Langer. Die Zahl der problematischen Fans und der jungen Anhänger zwischen 14 und 18 Jahren werde sich kaum verringern, vermutet der Sozialarbeiter.

TSV 1860 München - Arminia Bielefeld

Quelle: dpa

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Was würde auf die Fußballprofis des TSV 1860 zukommen?

Wenn sich die Lage der Löwen nicht bessert, wird demnächst ein Berater der Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV), der Gewerkschaft der Profispieler, auf dem Trainingsgelände an der Grünwalder Straße zu Besuch sein. Er würde die Spieler über ihre möglichen Rechte - zum Beispiel die Beantragung von Insolvenzausfallgeld bei der Bundesanstalt für Arbeit - informieren. Im Sommer könnten die Spieler des TSV 1860 dann allesamt ablösefrei zu einem neuen Verein wechseln. Aufgrund dieser Situation dürften andere Klubs die Spielerberater bereits eifrig kontaktieren.

Funeral Service Held For Karl-Heinz Wildmoser

Quelle: Bongarts/Getty Images

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Was müssen die Zeichner der Löwen-Anleihe befürchten?

Kurz gesagt: Das investierte Geld ist weg, die Schmuckurkunden werden wertlos. Darauf hatte 1860 die Zeichner im Prospekt zur Anleihe, wie gesetzlich vorgeschrieben, eindeutig hingewiesen.

1860 München droht Insolvenz

Quelle: dpa

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Könnte der e.V. auch in die Insolvenz geraten?

Der TSV 1860 e.V. (eingetragener Verein) ist zwar einziger Kommanditist der KGaA, muss bei einer Insolvenz aber keine Haftung übernehmen. Die KGaA (Kommanditgesellschaft auf Aktien) regelt den Spielbetrieb der Profis, der U23 (Regionalliga) sowie der U19 (Bundesliga). Nach einer Insolvenz wäre für diese Teams wieder die Fußballabteilung im e.V. zuständig. In anderen Abteilungen wird dies skeptisch gesehen. Horst Strelow, Chef der Ski-Sparte, sagt: "Aus dem Verein heraus könnten wir das im Moment nicht finanzieren." Unwiederbringlich verloren wäre für den TSV die Einlage in die KGaA in Höhe von 2,6 Millionen Euro - eine Summe, die aus Immobilienverkäufen in den achtziger Jahren stammt, als der Verein sein letztes Tafelsilber an die Stadt verscherbelte. Dass dieses Geld je zurückfließen könnte, glaubte ohnehin niemand mehr im e.V. Das Trainingsgelände gehört der Stadt, die KGaA nutzt es im Erbbaurecht.

Trainingsauftakt 1860 München

Quelle: dpa

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Was würde mit dem Nachwuchs-Leistungszentrum passieren?

Die hervorragende Jugendarbeit würde an Niveau verlieren. Als Zweitligist ist 1860 verpflichtet, ein Internat zu unterhalten. Die Entscheidung über dessen Fortbestand liegt beim Insolvenzverwalter. Denkbar wäre, die Spieler und ihre Familien künftig an den Kosten zu beteiligen, bisher ist die Ausbildung gratis. Sollte das Nachwuchsleistungszentrum nicht zu halten sein, könnte der Verband ersatzweise einen Stützpunkt einrichten, was gemessen am bisherigen Ausbildungsstandard eine deutliche Verschlechterung bedeutet. Wegen der ungewissen Zukunft tun sich die Löwen schon jetzt schwerer als bisher, neue Talente für ihre Jugendmannschaften zu finden. Wunschtraum der Fans wäre es wohl, eine Mannschaft mit 1860-Talenten in die Bayernliga zu schicken, was für die Qualifikation zur Regionalliga allemal reichen sollte. In der Vorbereitung besiegte die A-Jugend der Löwen zuletzt mehrere Bayernligisten, gegen Tabellenführer Ismaning hieß es 3:0. Aus diesem Wunsch dürfte jedoch nichts werden, die Spieler sind bei anderen Profiklubs begehrt. Auch die Qualität in den jüngeren Jugendmannschaften würde sinken. Deren Finanzierung wird im Moment vom e.V., einem Sponsor sowie dem Pflichtzuschuss der KGaA bestritten - letzterer entfiele künftig.

TSV 1860 Munich v LR Ahlen

Quelle: Sandra Behne/Getty Images

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In welchem Stadion würde der TSV 1860 spielen?

Das Stadion an der Grünwalder Straße, auf das sich viele Fans so freuen, wäre zunächst höchstens 2011/12 die neue Heimat. Ab 2012 wird es für mehr als zehn Millionen Euro von der Stadt saniert, um es drittligatauglich zu machen. Die Pointe, die selbst Sportamtsleiter Rudolf Behacker lustig findet: Gut möglich, dass es in München dann gar keinen Drittligisten gibt. Dem FC Bayern II droht der Abstieg, und 1860, nun ja. Am zeitlichen Ablaufplan wird die Stadt trotzdem festhalten, schließlich kann sich eine Ligenzugehörigkeit rasch ändern. 1860 hatte als Ausweichort Stadien in der Münchner Peripherie ins Auge gefasst: Vaterstetten oder Heimstetten - allerdings für die U23. Da die Löwen selbst in der Bayernliga mehrere tausend Zuschauer anziehen würden, kämen diese Sportplätze eher nicht in Betracht. Auch in München sieht es dürftig aus: Das Dantestadion ist aus baulichen Gründen keine Alternative, die Miete für das Olympiastadion wäre kaum zu finanzieren. Vieles deutet also auf den Sportpark der SpVgg Unterhaching hin. Der Willkommensgruß durch deren Präsident Engelbert Kupka fällt allerdings kühl aus: "Unsere Interessen müssen gewahrt bleiben." Wohl auch deshalb wünscht Kupka den Löwen bei deren Rettungsversuchen "alles Gute".

© SZ vom 24.03.2011/ebc

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