Skispringer Geiger und Eisenbichler:Deutschlands fliegendes Doppelzimmer

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"Das fliegende Doppelzimmer" des Skispringens: die Deutschen Markus Eisenbichler (links) und Karl Geiger.

(Foto: Sammy Minkoff/Imago)

Auch wenn sie gerade wegen Corona getrennt sind: Karl Geiger und Markus Eisenbichler bestimmen das Skispringen in diesem Winter - bei der Tournee gelten sie als Favoriten.

Von Volker Kreisl

Stille kann bleischwer sein. Sie kann sich zum Beispiel breitmachen, wenn zwei sich nichts zu sagen haben und doch in einem Hotelzimmer leben müssen. Wenn sie unter Kopfhörern abtauchen, damit der eine den anderen nicht mit Hackgeräuschen und grässlichen Schreien traktiert, während der andere mit süßer Klaviermusik und zärtlichen Dialogen dagegenhält. "Manchmal ist das so", sagt Werner Schuster: "Der eine schaut abends gern Horrorfilme, der andere Romanzen." Und weil es danach nichts zu reden gibt, schlafen beide wortlos ein.

Umgekehrt kennt der Skisprungtrainer Schuster auch die Voraussetzungen für eine gelungene Zimmerdynamik. Von 2008 bis 2019 war er Chefcoach beim Deutschen Skiverband (DSV), also der Vorgänger des aktuellen Trainers Stefan Horngacher, und er kennt natürlich das Spring-Duo, das wegen seiner Erfolge zurzeit den Zweitnamen "Fliegendes Doppelzimmer" trägt: Karl Geiger und Markus Eisenbichler.

Erst am Sonntag hat Eisenbichler mit einem letzten weiten Sprung auf der ungeliebten Schanze in Engelberg Platz zwei ertrotzt. Er war den ganzen Dezember über schon in der Form seines Lebens. Geiger wiederum hat sich eher leise angeschlichen in einem ziemlich bewegten Dezember, er hat die Form immer weiter verbessert, bis er vor knapp zwei Wochen plötzlich Skiflug-Weltmeister wurde, obwohl er doch nie so ein richtiger Fliegertyp war.

Geiger und Eisenbichler, diese beiden gehen nun also zusammen mit dem Norweger Halvor Egner Granerud als Favoriten in die Vierschanzentournee ab 28. Dezember - wobei allerdings noch eine Einschränkung besteht. Denn der Dezember bescherte Geiger nicht nur einen WM-Titel und sein erstes Kind, eine Tochter, sondern zwei Tage später auch einen positiven Corona-Test. Seitdem ist er in Quarantäne. Er zeigt keine Symptome. Bundestrainer Stefan Horngacher hielt Geiger zunächst einen Platz im Aufgebot frei, eine endgültige Nominierung erfolge laut Mitteilung des DSV vom Samstag "nach Ablauf der Quarantänezeit und medizinischem Check-up". Entscheidend dürfte das Okay der Gesundheitsbehörden sein.

Ein neuer Zimmerpartner? Eisenbichler wollte "mit koam andern ins Zimmer wia mi'm Karl"

Im Skiverband ist man zwar stolz auf sein Spitzenduo, aber auch darauf bedacht, ins Doppelzimmer Geiger-Eisenbichler nicht zu viel reinzugeheimnissen, denn alles hat seine Grenzen, und nach der Saison fliegen beide eh heim, zur richtigen Familie. Vergleichbar sei diese Gemeinschaft mit der in einem Doppelbüro, heißt es. Auch da kriegt der eine ja zwangsläufig die Telefonate des anderen mit, erfährt von Problemen, merkt sich Namen, die ihn gar nichts angehen, und fragt trotzdem irgendwann nach. Aber wenn's abends nach Hause geht, ist alles vergessen. Doch ist das unter Skispringern wirklich genauso?

Der ehemalige DSV-Trainer Schuster jedenfalls wollte die festen Belegungen mal ein bisschen auflockern. Er erinnert sich noch an Eisenbichlers Antwort auf den Vorschlag eines neuen Zimmerplans, und er hat auch noch dessen oberbairischen Dialekt im Ohr: "So lang i spring', geh' i mit koam andern ins Zimmer wia mi'm Karl."

Schuster respektierte die Antwort, auch weil er wusste, dass schon in seiner Heimat Österreich berühmte Duos voneinander profitierten: Andreas Goldberger und Werner Rathmayr, oder Ernst Vettori und Andreas Felder. Doch wie kommt es, dass ein Doppelzimmer Sportler derart beflügeln kann? Schließlich ist ein Skispringer im Wettkampf allein, ja in den sieben Sekunden da oben in der Luft zählt er zu den einsamsten Menschen.

Die Ski-Winter sind lang, mittlerweile besonders die im Skispringen. Über 40 Mal wird in Weltcups gesprungen oder geflogen, von November bis März. Und in diesem Winter kommen zudem viele Höhepunkte zusammen: zwei Weltmeisterschaften, eine Tournee, die Norwegen-Tour Raw Air und das Weltcupfinale. Dazwischen verstreicht viel Zeit: im Flugzeug, im Auto, im Shuttle, vor dem Frühstück, nach dem Frühstück, zur Ruhezeit, vor der Abfahrt zur Schanze, im Wachs-Container, im Sessellift, im Warteraum auf dem Schanzenturm. Zeit, die man irgendwie überbrücken muss, möglichst ohne Störfeuer, denn Skispringen, sagt Schuster, "ist eine sensible Sportart, man sollte zwischen den Einsätzen nicht zu viel Energie verschwenden".

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Die angespannte Ruhe vor dem Flug: Die Springer Markus Eisenbichler (auf dem Startbalken) und Karl Geiger (hinten, Mitte), hier beim Skifliegen in Oberstdorf.

(Foto: Jürgen Feichter/Eibner/Imago)

Um nicht wieder in negativen Gedanken über den letzten verkorksten Übergang in die Flugphase zu versinken, werden abseits der Schanzen Hotel-Hobbys gepflegt. Lesen, Tischtennisspielen, Schreiben, Lernen fürs Studium, Gamen. Manche basteln etwas, wie der Pole Dawid Kubacki seine Helikoptermodelle, andere klampfen auf einer Gitarre, wie sein Teamkollege Piotr Zyla.

Und doch geht es nicht nur darum, destruktive Gedanken abzuwehren, sondern auch darum, etwas Entscheidendes in Gang zu setzen und möglichst lange zu behalten. Nämlich die Form beim Absprung vom Schanzentisch, dieser einen Bewegung, mit der sich die Frage des Erfolges schon entscheidet, die der Springer aber nicht schafft, wenn er dabei verkrampft. Sprich: denkt.

Karl Geiger und Markus Eisenbichler haben die Phase des Grübelns wohl hinter sich. Ihr Weg im Sport war ähnlich, Geiger stammt aus Oberstdorf, Eisenbichler aus Siegsdorf unweit des Chiemsees. Beiden sind Dorf, Berge, Seen und Radlwege wichtig, jedes Jahr, am Ende der Saison im März, in etwa gleichzeitig mit den Zugvögeln, kehren sie zur Familie in die Heimat zurück.

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