Ski alpin Warum ist Mikaela Shiffrin so gut?

Gewann natürlich auch in Flachau: Mikaela Shiffrin.

(Foto: AP)
  • Mikaela Shiffrin dominiert den Ski-Weltcup: Sie gewinnt auch das Nachtrennen in Flachau vor Bernadette Schild.
  • Die Kolleginnen rätseln, weshalb Shiffrin so viel besser fährt als sie.
Von Matthias Schmid, Flachau

Die Uhr an der Wand zeigte fast schon Mitternacht, als Mikaela Shiffrin in der Turnhalle der Flachauer Volksschule die Hosen heruntergelassen hat. Zumindest fast. Halb aus ihrem Rennanzug geschält und in Turnschuhen stand die Rennläuferin am Dienstagabend noch da und beantwortete ausgiebig Fragen zu ihrem imponierenden Sieg beim Nacht-Slalom im Salzburger Land. Dabei war ihr Vorsprung auf die Zweitplatzierte Bernadette Schild diesmal gar keine Demütigung: Nur eine knappe Sekunde (0,94) hatte sie auf die Österreicherin herausgefahren. Für Shiffrin-Verhältnisse ist das fast schon wenig.

Doch die Amerikanerin hat sich damit etwas bewiesen: Dass sie Rennen gewinnen kann, wenn sie nach dem ersten Durchgang nicht das Klassement anführt - und im zweiten Durchgang noch einmal richtig angreifen muss, damit es für den Sieg reicht. Shiffrin hat diese Situation noch nicht häufig erlebt. "Das war wichtig für mich", gab die 22-Jährige zu.

Zehn Weltcup-Siege allein in diesem Winter

In diesem Winter hat sie bisher noch nicht ein Mal einen Rückstand aufholen müssen. Groß war er auch in Flachau nicht, aber immerhin 0,37 Sekunden betrug er auf die nach dem ersten Lauf Führende Schild. Den Rückstand in einen Vorsprung zu verwandeln, "das war ein großer Schritt für mich", fügte die Amerikanerin hinzu. Sie hat sich ein Ziel gesetzt: Shiffrin will zur Elite von Skifahrern wie Marcel Hirscher gehören; nicht nur einfach schneller fahren als ihre Rivalinnen, sondern das noch auf spektakuläre Weise tun.

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Zehn Weltcup-Rennen hat Shiffrin in diesem Winter schon gewonnen, zuletzt hat sie sogar fünf Siege in Serie aneinanderreihen können. Da fragen sich viele, warum sie so unverschämt gut Ski fährt, viel besser als ihre Kolleginnen. "Das ist eine gute Frage", bekannte die Drittplatzierte Frida Hansdotter in Flachau, "aber diese Frage beschäftigt uns schon seit Jahren." Die Schwedin hat sie in der Vergangenheit im Slalom auch schon besiegt: "Aber im Moment fährt Mikaela in einer eigenen Liga."

Wenn Shiffrin wie im zweiten Durchgang auf hinreißende Weise den Berg hinabsaust, kann auch der Laie erkennen, dass sie rasant unterwegs ist. Es staubt fast kein Schnee auf, wenn sie um die Kurven fährt, sie rutscht nicht und bewegt sich fast immer auf den Kanten. Was den deutlichen Unterschied ausmacht, können dann die Experten erkennen, sie sehen, dass "sie bei jedem Tor mit dem Schwung schon fertig und auf Zug ist, wenn wir noch den Ski nachdrücken", schwärmt Bernadette Schild: "Das ist zwar jeweils nur eine Kleinigkeit, aber bei 50, 60 Toren summiert sich das eben."

Hinzu kommt ihre körperliche Robustheit und ihr Ehrgeiz, Shiffrin ist nicht nur begabter als alle anderen, sie trainiert auch noch härter und intensiver. "Sie kann eine Linie fahren, die viele andere nicht in der Lage sind zu fahren", sagt die frühere Weltklasse-Rennläuferin Marlies Raich (früher Schild) in den Salzburger Nachrichten, "weil sie dem Druck und der Fliehkraft, die dadurch entstehen, nicht standhalten können".

Für den Sieg beim höchstdotierten Frauen-Rennen im Weltcup erhielt Shiffrin fast 68 000 Euro, es war ihr 30. im Slalom, nur noch fünf fehlen ihr zur Bestmarke von Marlies Raich. Zahlen aber bedeuteten ihr nichts, wiederholt die Sportlerin aus Lyme, New Hampshire bei jeder Gelegenheit. "Ich zähle nicht mit", bestätigte Shiffrin nach dem Rennen. Am 1. Januar dieses Jahres hatte sie auf ihrer Facebook-Seite so etwas wie eine Neujahrsbotschaft geschrieben. Überschrieben war der Eintrag mit dem Titel: "Ich muss das glücklichste Mädchen des Planeten sein." Sie erklärte dann, warum sich ein Jahr und ein Leben nicht in Zahlen bemessen lässt, nicht an Atemzügen, "sondern an Momenten, die uns den Atem nehmen".